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2008/08/19
Online kauft Print
Oscar Bronner kauft sich den „Standard“ von der „Süddeutschen“ zurück. Warum?
Der Klügere liest nach“, lautete der Werbeslogan der Tageszeitung Standard vor einigen Jahren. Nur wo? Im Internet oder in der Tageszeitung? Dass Standard-Herausgeber Oscar Bronner den 49-Prozent-Anteil an seiner Zeitung, den der Süddeutsche Verlag seit 1998 gehalten hatte, zurückkauft, war am Mittwoch vergangener Woche zuerst auf Standard-Online zu lesen – und erst einen Tag später in der Printausgabe. Das Prinzip im Branchenjargon: „Online first“.
Allein, viel „klüger“ wurde der Leser aus beiden Meldungen nicht. Den Grund für den Rückkauf nannten sie nicht. Dass der entgegen einer APA-Meldung noch gar nicht abgewickelt sei, ließ der Süddeutsche Verlag Ende vergangener Woche wissen. Zehn Jahre lang hielt der Verlag (u.a. Süddeutsche Zeitung) 49 Prozent am Standard. Über Probleme zwischen Bronner und dem deutschen Geschäftspartner war bisweilen nichts bekannt. Anfang dieses Jahres wurde der Süddeutsche Verlag dann selbst an die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH) verkauft. Die SWMH wurde durch die Fusion zum zweitgrößten deutschen Zeitungsverlag nach dem Springer-Konzern (u.a. Bild-Zeitung).
Bronner hat für den Fall eines solchen Verkaufs des Süddeutschen Verlags vertraglich die Möglichkeit, seine Anteile wieder freizukaufen. Sein Vehikel für den Rückkauf: Die Bronner-Online-AG. Jenes Unternehmen also, das die Onlineausgabe des Standard produziert. Seit 1998 sind Print- und Online-Standard formal getrennte Unternehmen. Mit dem Resultat, dass die Onlineredaktion zwar zahlreiche Artikel aus der Tageszeitung übernimmt, diese aber teilweise einzeln bezahlen muss. Nun also soll die Bronner-Online-AG den 49-Prozent-Anteil am Standard übernehmen. Somit wird ein Onlineprodukt Mehrheitseigentümer (49 Prozent) eines Print-Produkts (41 Prozent gehören der Bronner Familien-Privatstiftung, 10 Prozent hält Bronner selbst).
Eine digitale Revolution? Ein Sieg von Online über Print? „Das hat bestenfalls charmanten Symbolcharakter für das Medienwesen des 21. Jahrhunderts“, sagt Andy Kaltenbrunner, Medienberater und Forscher im Bereich Medienkonvergenz: „Die wahren Gründe für diese Art der Übernahme dürften steuerrechtlicher und juristischer Natur sein.“ Auch Bronner selbst betont, man solle dieser Konstruktion „nicht allzu viel Gewicht beimessen“. Dennoch: Geht es um die Gründe für den Rückkauf, hält sich der 65-Jährige im Gespräch mit dem Falter bedeckt: „Wir haben Gespräche (mit der SWMH, Anm. d. Red.) geführt und hatten manche unterschiedliche Einschätzungen. Ich hatte den Eindruck, dass es besser so ist.“
In Zukunft sollen Print und Online gemeinsam gleichberechtigt in einer Holding angesiedelt werden. Wann dies geschehen soll, hängt davon ab, wann und ob die österreichischen Kartellbehörden dem Rückkauf zustimmen. Ob Bronner einen neuen Eigentümer, so wie einst den Süddeutschen Verlag, suchen wird? „Ich strebe es nicht an, zu 100 Prozent ausschließen kann ich es aber nicht.“ Online und Print dürften also auf längere Sicht in Bronners Hand bleiben.
Medienexperte Kaltenbrunner hält den Rückkauf zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls für durchaus sinnvoll: „Die neuen Eigentümer des Süddeutschen Verlags dürften kein überbordendes Interesse an solch einem Nebenschauplatz in Österreich haben. Ein 49-Prozent-Anteil wäre für sie längerfristig sicher nicht sinnvoll.“ In Deutschland ist der neue Eigentümer der Süddeutschen Zeitung seit Wochen selbst Gegenstand medialer Berichterstattung. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) schreibt von „einem der reichsten und gleichzeitig unbekanntesten Medienunternehmern Deutschlands“ und meint damit Dieter Schraub, der die größten Anteile an der SWMH hält. „Es ist ein Reich des Schweigens“, schreibt die FAZ weiter, die Berliner taz nennt die Familie den „Aldi-Clan“ der deutschen Verlagsbranche und zitieren Horst Röper vom Dortmunder Formatt-Institut: „Die sind verschlossen wie eine Auster.“
Möglich, dass die Kommunikationspolitik der deutschen Verleger mit ein Grund für Bronner war, sich freizukaufen, auch wenn er diese Politik im konkreten Fall mit den Schraubs gemein hat. Denn über Preis und Art der Finanzierung verlieren weder Schraub noch Bronner ein Wort. Die Tageszeitung Österreich schreibt von einem Kaufpreis von 25 bis 30 Millionen Euro. Bronner, mit diesen Zahlen konfrontiert: „Ich schweige mich weiter aus.“
bild www.flickr.com von medicopter und auf www.falter.at
2008/08/17
ein must-see
tom waits - wolf im schafspelz, schaf im wolfspelz. ein konzertbericht
ein bisschen priester, wanderprediger, alter mann auf der walz. ein wolf im schafspelz und ein schaf im wolfspelz - das publikum nimmt dankenswerter weise alles zugleich. erster takt, waits stampft in den boden als stünde er nicht auf der bühne, sondern vor seinem haus in kalifornien . jeder tritt auf den boden lässt staub hochwirbeln, trockene erde, es hat lange nicht geregnet in kalifornien, lange nicht geregnet auf der bühne. lucinda/ain´t going down to the well no more. waits brüllt. das publikum jetzt andächtig und ein wenig verunsichert. er trifft die töne schlecht, als ließe die stimme nicht mehr die ganze bandbreite an höhen und tiefen zu. eine viertel stunde später ist dieses problem behoben. waits trifft und die tontechniker bekommen den priester in den griff.
fotos www.flickr.com von mv978, mr_mojorising
http://www.youtube.com/watch?v=ushHlD9v_m8
2008/07/26
Ingrid Thurnher im Interview
erschienen in den VN, am 26.7.2008
„Man muss Fragen stellen, wie sie zu stellen sind“
Zwischen Elefanten und zwischen den Fronten. Ingrid Thurnher über österreichische Diskussionskultur, das mediale Auftreten des Noch-Kanzlers Alfred Gusenbauer und „unprofessionelle Kaffeesudleserei“.
Michael Frank von der Süddeutschen Zeitung meinte in einem Interview mit dem „Interview“-Magazin zum Thema „Inzestfall in Amstetten“: „Österreich ist das Königreich des Uneigentlichen.“ Es gebe keine Tradition mit Dingen offen umzugehen. Wie sehen Sie das?
Was die Sphäre des Politischen anbelangt, glaube ich nicht, dass es da in Österreich irgendwelche Hemmungen gibt, Dinge offen anzusprechen.
Als am siebten Juli die Neuwahlen angekündigt wurden und sie einen Runden Tisch leiteten, sagten sie in der Vorankündigung: „Wir freuen uns, da ist nämlich heute ausnahmsweise einmal mit klaren Worten zu rechnen."
Das war jener Runde Tisch, als die Journalisten eingeladen waren.
Ja, aber lassen österreichische Politiker „klare Worte“ oft vermissen?
Nein, aber sie sind gedrechselt und von Beratern vorformuliert. Ihre Antworten kommen halt selten aus dem Bauch, sondern sind vorher dreimal gedreht und gewendet und zurecht geschliffen worden. Aber das muss man halt wissen.
Wie kann man stereotype Antworten also unterbinden?
Indem man mit Fragen kontert. Man muss die Fragen so stellen, wie sie zu stellen sind und nicht selber in diese Drechselfalle tappen. Das ist, glaub ich, eine der schwierigsten Aufgaben in der Vorbereitung auf eine solche Konfrontation. Ich möchte das so machen wie beim letzten Mal: Gewisse Themenkreise hinlegen und da dann konkrete Antworten einfordern. Es soll klar sein, wo liegen Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Spitzenkandidaten.
Sieht man deutsche Diskussionssendungen entsteht der Eindruck, als wären die Politiker dort bereit, offener zu argumentieren und politische Zugeständnisse zu machen.
Das ist interessant, weil deutsche Kollegen berichten mir vom Gegenteil: Sie hätten das Gefühl, dass bei uns sehr viel mehr Diskussion möglich sei. Das ist schon sehr stark auch eine Frage der Wahrnehmung. Denn man muss schon auch eines sagen: Dass in Deutschland die Frau Bundeskanzlerin in einer Sendung zu Gast ist, kommt ja nicht oft vor. Bei uns schon eher. Aber Sie haben insofern Recht, als dass auch für uns die Situation immer schwieriger wird. Politiker gelangen immer häufiger zu der Auffassung, dass es ihnen lieber ist gar nicht zu kommen und die Auftritte so zu steuern, wie sie das selbst wollen – siehe Kronen Zeitung. Nach dem Motto: „Wir bestimmen, wann und wo wir welche Message platzieren.“
Ist es ein Fehler der Parteien, ihren Wahlkampf an wenigen symbolischen Dingen – wie Studiengebühren oder Abschaffung der Eurofighter – festzumachen?
Nein, das ist ja ganz logisch, dass dem so ist. Warum sollte jemand den Wahlkampf an etwas festmachen, was die Partei selbst nicht zu ihren Flaggschiffen kürt? In der Folge muss sich eine Partei auch an solchen Aussagen messen lassen. Der Umkehrschluss bedeutete ja, dass nur mehr sehr allgemeine Botschaften als Wahlkampfversprechen gegeben werden und dass nur noch sehr schwammig formuliert wird und irgendwelche Seifenblasen plakatiert werden, die keine messbare Kategorie enthalten. Aber ich kann mir vorstellen, dass sich die eine oder andere Partei aufgrund der Erfahrungen aus dem vergangenen Wahlkampf vor solch konkreten Versprechungen hüten wird.
Gleich die erste Begegnung zwischen BZÖ und FPÖ droht zu einer Schlammschlacht zu werden.
(lacht) Diese Befürchtung gab es auch letztes Mal schon.
Hat man da Sorge, dass einem so eine Diskussion entgleiten könnte?
Nein, eigentlich nicht. Weil beide wissen, dass sehr viele Menschen zuschauen werden und somit ist es für sie auch eine Möglichkeit, diese Menschen von ihren Ideen zu überzeugen. Ich kann nur hoffen, dass das bis zu einem gewissen Grad, in die Köpfe der Diskutierenden durchsickert. Ich erlebe das ja auch bei sehr vielen Diskussionen „Im Zentrum“, wo sich die Diskussionsteilnehmer im Anschluss beschweren, wie schrecklich das Diskussionsklima war, obwohl sie es ja selbst erzeugen. Niemand ist daran interessiert, dass es da wilde Schreiereien gibt.
Peter Westenthaler forderte in der Konfrontation 2006 die Deportation von 300.000 Illegalen aus Österreich. Überkommt sie nicht oft das Bedürfnis Aussagen in einer Sendung zu kommentieren?
Kommentierend im Sinne von „meine persönliche Meinung dazu abgeben“ sicher nicht. Denn das ist nicht mein Geschäft. Mein Geschäft ist, zu hinterfragen, wie sich der betreffende Politiker irgendwelche Dinge konkret vorstellt. Da müssen einfach Zahlen vorgelegt werden. Damit kann man dann auch sehr viel Emotion aus der Diskussion herausnehmen und zur Versachlichung beitragen.
Welche Themen werden ihrer Meinung nach eine besondere Rolle spielen?
Im Wesentlichen viele Themen, die auch im letzten Wahlkampf schon aktuell waren. Doch jetzt hört man ja, dass bei der Pflege mit dem Pflegegeld plötzlich etwas weitergehen soll. Da hab ich schon manchmal das Gefühl, dass allein die Ausrufung von Neuwahlen vieles ja doch plötzlich möglich zu machen scheint.
Werden die Konfrontationen ihrer Wirkung für den Wahlausgang überschätzt?
Das ist eine wirklich gute Frage.
Danke.
Nein, wirklich. Ich weiß es nicht. Vor einiger Zeit hat mir eine Studentin geschrieben, die über diese Frage eine Diplomarbeit schreiben möchte. Mich würde das wirklich selber interessieren. Aber ich denke mir, dass in diesem kurzen Wahlkampf diese Sendungen mehr Bedeutung haben könnten, als wenn ein Wahlkampf über Monate dauert.
Glauben sie, dass Alfred Gusenbauer bis zu einem gewissen Grad auch an den Medien gescheitert ist?
Ich habe mir gerade die Konfrontation von 2006 zwischen ihm und Heinz-Christian Strache angeschaut. Gusenbauer hat da einen ziemlich selbstbewussten Eindruck gemacht, der für mich damals auch ein wenig überraschend war. Es war ja auch so, dass Gusenbauer im Unterschied zu Wolfgang Schüssel bei allen Diskussionen selbst anwesend war. Er hat dabei nie unsicher gewirkt und war immer sehr klar in seinen Botschaften. Ich habe aber das Gefühl, dass ihm das mit der Zeit ein wenig verloren gegangen ist. Ob das für sein Scheitern maßgeblich war, weiß ich nicht. Ich denke mir aber, den Großteil hat schon seine eigene Partei besorgt.
Der ORF schreibt sich Objektivität auf die eigenen Fahnen. Haben Sie selbst auch eine subjektive, parteipolitische Meinung oder „nur“ eine politische?
Es gibt viele Leute, die mir ständig die Nähe zur einen oder anderen Partei unterstellen. Fakt ist, dass ich ungültig wähle, wenn ich die Wahl moderiere. Ich mach das ja auch nicht, um mir selbst eine Meinung zu bilden, sondern um dem Publikum zu helfen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Deshalb geh ich zwar in die Wahlkabine, gebe aber einen weißen Wahlzettel ab.
Moderatoren mit Migrationshintergrund sind in anderen öffentlich-rechtlichen Anstalten in Europa längst Normalität, nicht so im ORF.
Dem ORF ist glaub ich schon bewusst, dass in dieser Sache Nachholbedarf besteht.
Was glauben Sie wie in Österreich die Reaktionen ausfallen würden?
Ich glaube ganz normal. Für so etwas sollte eine reife Demokratie schon wirklich reif sein. Schon längst.
Sie haben ja selber eine Schauspielschule besucht. Welche Rolle würde denn zu Ihnen passen bzw. gehen sie noch ins Theater?
Ab und zu schon. Aber nicht mehr so häufig wie früher einmal. Als Schauspielstudentin hab ich immer gerne Rollen gespielt, die für mich damals viel zu alt waren. Zum Beispiel Virginia Woolf hab ich sehr gerne gehabt oder Musils „Schwärmer“. Die klassischen Liebhaberinnen-Rollen waren nicht so meins.
Mit welchem Argument wird Fritz Dinkhauser und Co die Teilnahme an einer Sendung verwehrt?
Ihnen wird die Teilnahme nicht verwehrt. Es gibt Zweierkonfrontationen zwischen den Parlamentsparteien und eine kleine Elefantenrunde zwischen jenen, die noch zusätzlich zur Wahl antreten. Ansonsten würden wir irgendwann bei 15 Konfrontationen landen. Und dann würde sich auch die Frage stellen: Wieso nur die Bundeslisten und nicht auch jene Parteien, die nur auf einer Landesliste kandidieren.
Wie wird die Wahl ausgehen?
Der Wahlkampf hat noch nicht begonnen. Noch ist alles offen. Insofern wäre das nur unprofessionelle Kaffeesudleserei.
Dachte ich mir, dass sie das sagen. Vielleicht wollen Sie mir aber verraten, wie die US-Wahl ausgeht?
Ich hoffe, dass Barack Obama gewinnt.
bild auf www.flickr.com von dmass
2008/07/04
2008/06/18
Parteien zwischen den Zeiten
In der Bundesrepublik ein ähnliches Bild: Die SPD wird links überholt und droht daran zu scheitern. Es hat den Anschein, als gelänge es den einstigen Volksparteien nicht mehr Volk und idealpolitischen Anspruch zu vereinen. Ideologische Trennschärfe fängt heute bei Studiengebühren an und hört bei Eurofightern auf. Das macht nicht unbedingt Appetitt auf mehr. Werner Faymann wird daran nichts ändern, genau so wenig wie Josef Pröll in der ÖVP ändern durfte. Zumindest letzterer darf als personifiziertes Dilemma gelten, das beide Parteien plagt. Den Aufbruch schaffen wollen, doch dabei im Ansatz scheitern (oder gescheitert werden. Was wurde eigentlich aus Prölls Perspektivengruppen?) - die Parole der letzten Jahre auf beiden Seiten.
Noch scheuen sich die Parteien, den Weg von der Mitte nach Außen anzutreten. Außen meint mit einem Fuß in der politischen Mitte, den anderen in streitbarer Sachpolitik. Doch die Zeiten sind günstig, um idealpolitische Konturen zu schärfen. Aber die Regierung scheint das Gegenteil zu machen: Denn Faymann muss als Zeichen politischer Konkordanz gesehen werden, der es bis dato nicht einmal zustande brachte, der ÖVP unangenehm aufzufallen. Für seinen politischen Liebfreund in der ÖVP, den Minister des Gute-Laune-Ministeriums Josef Pröll gilt dasselbe. Nach sechs Jahren Schwarz-Blau, die eine ansatzweise Abkehr von der Konkordanz hin zur Konfliktkultur bedeutete, versucht die Regierung in einer verfahrenen Situation auf Tuchfühlung zu gehen und macht erst wieder Platz rechts überholt zu werden - von BZÖ und FPÖ.
2008/05/15
Falter 20/08
Piraten a. D.
MEDIEN Seit zehn Jahren gibt es Privatradio in Österreich. Erkämpft wurde es auch von einer Gruppe junger Radiopiraten, die, von Hubschraubern gehetzt, im Wienerwald funkten. Eine Erinnerung.
Thomas Madersbacher sitzt in seinem Büro im siebten Bezirk, Dachgeschoß, Blick über Wien. Es ist schlicht eingerichtet, an der Wand ein Flachbildschirm, auf ihm läuft gotv - eine Erfindung von Madersbacher. Der gebürtige Tiroler trägt dezentes Schwarz, er überschlägt die Beine, blickt konzentriert zu Boden, wenn er sich erinnert, und erzählt - vom Leben eines Piraten in der kargen österreichischen Medienlandschaft Anfang der 90er-Jahre. Er spricht dann von Aktionismus, von medientheoretischen Diskursen, von gelebter Demokratie und Meinungsvielfalt. Irgendwann im Gespräch richtet er den Blick auf die verglaste Fensterfront und zeigt mit dem Finger auf Cobenzl und Kahlenberg. Madersbacher kennt die Gegenden gut, er saß in Baumkronen, installierte Antennen und beschallte Wien mit einem illegalen Radiosignal. Das Programm: Radio Boiler, 103,3 MHz. Einer von rund 30 illegalen Piratensendern. Madersbacher spricht von "massiven Verfolgungen durch Post und Polizei" und "von kriegsähnlichen Zuständen". Von einem tieffliegenden Hubschrauber sei er verfolgt worden. Madersbacher rannte vom Cobenzl bis nach Grinzing und entkam. Während in Europa Privatradio schon lange Normalität war, machten in Österreich bewaffnete Beamte Jagd auf Piraten.
Ende der 80er-Jahre gab es im Osten Österreichs keine Alternative zum ORF-Monopol: FS1 und FS2 im Kastl, Ö1 bis Ö3 im Radio. Das war's. "Man war schon froh, wenn man in Linz über Antenne ARD und ZDF schauen konnte oder wenn man das Glück hatte, in verkabelte Haushalte eingeladen zu werden. Das war noch was", erinnert sich Rüdiger Landgraf, Radiopirat der ersten Stunde, heute Programmchef von Kronehit-Radio. Zu einem Zeitpunkt, da dualer - also öffentlich-rechtlicher und privater Rundfunk - in Europa die Regel war, bildete Österreich mit einer ORF-Monokultur die Ausnahme: Privat-TV und privates Radio waren gesetzlich verboten. Erst seit zehn Jahren gibt es private Radiostationen und seit elf Jahren privates Fernsehen. "Freiwillig wurde in diesem Land noch nie Medienpolitik gemacht", sagt Madersbacher. Landgraf bemüht Berthold Brecht: "Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht." Die Piraten wurden aktiv - wider das Monopol, für Meinungsfreiheit und gelebte Demokratie. Spaßige Aufklärung, angereichert mit viel Adrenalin. Tote Briefkästen mit selbstgebastelten Sendern, konspirative Treffen im Café Rüdigerhof und in diversen Wohnungen in der Triester Straße und in der Rembrandtstraße, ständig Gefahr laufend, von Polizei und Post, die für die Frequenzen zuständig war, hopsgenommen zu werden. Hausdurchsuchungen standen auf der Tagesordnung. Zwischen 1991 und 1993 spielten Piraten und Gesetzeshüter Räuber und Gendarm. Die einen sendeten, die anderen peilten. Die Piraten wollten nicht akzeptieren, dass es in Österreich zwar möglich ist, Zeitungen zu verlegen, Privat- und freies Radio zu machen aber verboten sein soll. Eine illegale, bunte und bald bundesweite Radioszene war so entstanden. Von Radio Föhn in Vorarlberg bis Radio Hotzenplotz in Wien - insgesamt funkten 30 "Rundfunkanstalten" schwarz. "Jeder konnte mitmachen. Es war eine sehr pluralistische, undogmatische Struktur", erinnert sich Madersbacher.
Die Sender hießen Zorn, Boiler, Breifrei oder Radio Filzlaus, das erste Wiener Warmenradio. Ihre DJs gaben sich Synonyme, um unerkannt zu bleiben: Lotte Bonanza von Boiler, Hak Finn bei Radio Zorn und Luke Skywalker (Landgraf) bei Hotzenplotz. Die Themen waren ganz verschieden: Für die einen stand Musik im Vordergrund, für die anderen Politik, die Gleichstellung von Männern, Frauen oder Homosexuellen. Links-Linke, Marxisten, Feministinnen und Liberale gaben sich das Mikrofon in die Hand und sendeten über den Äther - auf 103,3 MHz.
Das war ein wenig Farbe in der grauen Radiowelt, in der es sich die Politik heimelig eingerichtet hatte. Seit Jahren war eine duale Medienlandschaft Thema in der Alpenrepublik, schließlich begann der deutsche Markt sukzessive heimische Werbegelder abzuschöpfen. Doch es blieb bei langen Diskussionen, die großen Koalitionen konnten sich nie auf ein Gesetz einigen. "Die bestehende Situation war für die Politik zu schön, schließlich hatte man das Medium unter Kontrolle", sagt Madersbacher und meint den nach den Gesetzen des Proporzes funktionierenden ORF. Landgraf glaubt, dass "sich vor allem die SPÖ vor privatem Kapital in den Medien gefürchtet hat. Man ging von einer enormen Meinungsbildungskraft des Radios aus". Konsequent nannte die Truppe um Landgraf, zu diesem Zeitpunkt Programmmacher von Radio Hotzenplotz ("wir suchten nach einem positiv besetzten Begriff für Illegalität"), ihren ersten Sender "Franzi" - Bundeskanzler Franz Vranitzky stand Pate, er galt den Piraten als "Betonierer", stellvertretend für alle anderen Politiker, die sich auf kein Gesetz einigen konnten. Franzi war ein 5-Watt-Sender, mit Endverstärker auf 40 Watt aufgemotzt - an Stereo war dabei nicht zu denken, doch für Mono reichte Franzi allemal.
Auch Doris Knecht war damals mit von der Partie. Die heutige Falter- und Kurier-Kolumnistin lebte in einer WG mit sechs anderen Piraten von Boiler, einer Truppe rund um Flex-Leute. Auch Madersbacher ging dort aus und ein. "Ein bisschen Post-68 und ein revolutionäres Ding", sagt sie heute. Damals begann sie einen Artikel für den Falter mit den Worten: "Der fünfte sonntägliche Livesendenachmittag der vereinigten Piraten Wiens hat mit der sofortigen und mehrheitlichen Ablehnung eines von irgendwem geforderten Alkoholverbots begonnen." Die Konsequenz: Man verlor mitunter an Deutlichkeit. Anlass zum Funkprotest war für sie, wie für viele andere auch, dass der ORF die "Musicbox" einstellte. "Dann gab es gar nichts mehr, wo unsere Musik gespielt wurde." Ein eigener Sender musste her. Am 31.3.1991 fand der erste Wiener Piratentag statt - die heiße Phase der Radiopiraterie begann. Polizei und Post waren überfordert. In den kommenden Monaten, bis Jahresende 1991, wurden 1400 Überstunden geschrieben, 6500 Kilometer mit Peilwägen der Post zurückgelegt. Hubschrauber kamen zum Einsatz.
Nicht ganz so viel Glück wie Madersbacher, der dem Hubschrauber entkam, hatte Wolfgang Hirner, heute Landesgeschäftsführer der Grünen in Salzburg und damals Gründer von Radio Bongo. Nach einer Sendung auf dem Untersberg rannte Hirner Richtung Stadt. Hinter ihm: ein Hubschrauber der Polizei, drinnen Polizisten mit Waffen im Anschlag. Hirner wurde mit einem Kollegen festgenommen. "Da ist mir das Lachen vergangen."
Das Spiel war dabei immer dasselbe: Piraten installieren eine Antenne auf einem möglichst hochgelegenen Punkt in oder um Wien. Zu Beginn der Schwarzfunkerei wurde hauptsächlich vom Wienerwald aus gesendet, später konnten die Piraten von den Universitäten aus on Air gehen. Anfangs sendete man einmal die Woche, nach einer gewissen Zeit gab es ein fixes Sendeschema: täglich von 17 bis 24 Uhr, am Wochenende schon ab 14 Uhr. Sobald man also eine vorproduzierte Sendung startete, die Kassette lief, musste man rennen, um den Beamten zu entkommen. Im Arsenal stellten die Angestellten der Funküberwachung derweil ein Signal auf ihrem Spektrenanalyzer fest, das da nicht hingehörte: jenes des Piratensenders. Obgleich sie auf den Analyzer auch hätten verzichten können, schließlich druckten Arbeiterzeitung und Standard das Piratenprogramm ab. Wurde dieses Signal festgestellt, wurde mit drei fixen Stationen in Wien eine Grobpeilung veranlasst, die Peilwägen der Post wurden losgeschickt, um die Piraten genauer zu lokalisieren. Die Piraten ihrerseits haben immer von wechselnden Standorten aus gesendet, um den Beamten das Leben schwerzumachen.
Gegen Ende der Piratenära, eine politische Einigung wurde immer konkreter, kam es dann zu einem "Gentlemen's Agreement" zwischen Piraten und Behörde. Seitens der Funküberwachung garantiert man freies Geleit trotz Schwarzfunk, im Gegenzug bekommen die Beamten einmal im Monat einen Sender überreicht - "eine österreichische Lösung", sagt Madersbacher.
Formal gesehen begingen Piraten eine Verwaltungsübertretung, ähnlich dem Falschparken. Das Problem: "Damals gab es noch unbedingte Haftstrafen bei Verwaltungsübertretungen", sagt Landgraf, "aber eingesperrt wurde meines Wissens niemand." Der Verstoß gegen das Fernmeldegesetz konnte bis zu 15.000 Schilling kosten. Insgesamt hat die Post bis Mitte 1993 rund 35 Sender beschlagnahmt. Diese kosteten ihrerseits auch einige tausend Schilling und wollten finanziert sein. Die Piraten führten also eine Piratensteuer ein. Auf Konzerten im Flex, der Arena und im Wuk wurden den Besuchern zehn Schilling abgeknöpft. "Die meisten haben auch brav gezahlt", erzählt Knecht. Das Geld wurde für Sender und Anwälte verwendet.
Und während die Piraten im Wienerwald von Bäumen sendeten, pendelten andere mehrmals die Woche zwischen Wien und Sopron (Antenne Austria) oder Wien und Bratislava. Georg Spatt ist einer von ihnen. Heute ist er Chef von Ö3, damals war er Chef von Radio CD, das von Bratislava aus Wien mit Musik versorgte. Ein slowakischer Staatssender, um die Bedürfnisse der Österreicher zu befriedigen. "Es war eine wilde Konstruktion: Österreichische Geschäftsleute, die mit der CÇSSR, dann mit der CÇSFR und schließlich mit dem slowakischen Rundfunk über Verträge festhalten, dass wir auf slowakischer Frequenz deutschsprachiges Programm für Österreich und die Slowakei machen." Ein Sender aus der ehemaligen Sowjetunion bot den Österreichern, was deren Staat nicht zu organisieren vermochte: Privatradio. Piraterie mit legalen Mitteln. Landgraf formuliert es so: "Die Leute von Radio CD waren keine echten Piraten. Die haben einfach eine Tatsache ausgenutzt, nämlich dass elektromagnetische Wellen auf österreichische Gesetze pfeifen." Die Motive der echten Piraten unterschieden sich tatsächlich von jenen der falschen. Radio CD ist von Beginn an als klassisches Privatradio konzipiert - mit Werbung und allem, was dazugehört. Den echten Piraten ging es dahingegen vor allem um politische Partizipation. Radio sollte jeder machen können. Die eine Szene hatte mit der anderen nichts zu tun. Doch die Zielrichtung war die gleiche: gegen das Establishment, gegen das Monopol, gegen den ORF. Und auch falsche Piraten erlebten Abenteuerliches. "Wir waren Gast in einem System, mit dem wir uns ständig arrangieren mussten." Spatt lebte eineinhalb Jahre in Bratislava, teilte sich eine WG mit anderen Radiomachern, im Schichtbetrieb pendelte er zwischen Wien und der Slowakei. "Es war ein ständiges Angewiesensein auf die Launen der Grenzkontrollen." Zigaretten und CDs im Gegenzug für zügiges Passieren waren keine Seltenheit.
Madersbacher beschreibt die Bedeutung beider - echter und falscher Piraten - heute so: "Es war eine Art Zangenbewegung. Haben die Piraten eher Druck auf die SPÖ ausgeübt, so waren die Privaten der ÖVP lästig." Letztlich war es eine Melange, die für die heutige Gesetzeslage verantwortlich ist - eine Melange aus ganzer und halber Piraterie, versehen mit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR). Einige freie Radios hatten Österreich vor dem EGMR wegen Verletzung der freien Meinungsäußerung angeklagt. Gleichzeitig arbeitete die Pressuregroup "Freies Radio" Gesetzesentwürfe aus, die den Politikern übergeben wurden. Die Verurteilung durch den EGMR ist schlussendlich Anlass für die große Koalition, 1993 ein Regionalradiogesetz zu verabschieden. Doch selbst dann sollte es noch fünf weitere Jahre, bis 1998, dauern, ehe Privatradio tatsächlich möglich war. Heute, zehn Jahre später, fällt die Bilanz unterschiedlich aus: Es gibt zwölf freie, nicht kommerzielle und rund 50 private Radiostationen in ganz Österreich. Piraten von einst hören die Privaten von heute nicht so gerne. Die Privaten von heute sind grundsätzlich zufrieden mit der Situation: "Aus einem Monopol wurde ein Oligopol. Ich kann heute hier sitzen und werde nicht verfolgt. Private Firmen können Nachrichten machen. Es gibt Pluralismus, und die Menschen haben die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Sendern zu wählen. Vielleicht hat man sich vor einigen Jahren mehr erwartet", sagt Landgraf. Aber man dürfe nicht vergessen: "In Österreich hören 70 Prozent der Menschen Privatradio. Dummerweise hört die Hälfte von ihnen Ö3." Doch das wird sich ändern, ist sich Landgraf sicher. Piraten außer Dienst, aber nicht im Ruhestand.