2008/11/10

In der Rauchpause



ZEIT ONLINE 10.11.2008



Tausende von Kindern und Jugendlichen verweigern in Deutschland den Schulbesuch. Sie wollen nie mehr zur Schule und fürchten gleichzeitig eine Zukunft ohne Perspektiven

Wie richtige Problemschüler sehen Jan, Milana und Steffen* eigentlich nicht aus. Sie sitzen an diesem Morgen einer neben dem anderen in einem Klassenzimmer in Billstedt und warten auf den Beginn des Unterrichts. Vor ihnen liegen lose Blätter mit Dreisatz-Übungen. Mathematik. „Ich bin hier total unterfördert“, sagt Steffen. Steffen weiß, dass das so nicht stimmt. Er lacht.

Steffen hat ADS, das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, außerdem Erfahrungen mit Drogen und er kann sich nur schwer unter mehreren Jugendlichen gleichzeitig aufhalten. Der 16-Jährige redet völlig offen darüber. Seit einem Monat kommt er täglich für eineinhalb Stunden nach Billstedt in „seine“ Schule. Seine Schule heißt Rebus und ist eine von 15 regionalen Beratungs- und Unterstützungsstellen in Hamburg. Rebus tritt auf den Plan, wenn alles andere nicht hilft, wenn die Schule an ihre Grenzen stößt. Lehrer, Psychologen und Sozialpädagogen kümmern sich hier um Schulverweigerer. Knapp eineinhalb Stunden Unterricht täglich. Eine Dreiviertelstunde Mathe, danach Musik, dazwischen Rauchpause. Mehr geht im Moment nicht.

Steffen, Jan (13) und Milana (15) sind an einem Punkt angelangt, an dem mit Schulzwang nicht mehr viel zu machen ist. Nur in geringen Dosen zugeführt, kann Schule funktionieren. Geringe Dosis heißt wenig Stoff, wenig Mitschüler und viele Lehrer. An diesem Morgen kommen auf die drei Jugendlichen zwei Pädagogen und eine Praktikantin. „Hier im Osten Hamburgs haben wir ein großes Problem mit Arbeitslosigkeit, überdurchschnittlich viele Sozialhilfeempfänger und eine hohe Kriminalitätsrate“, sagt Thomas Juhl, Chef von Rebus in Billstedt.

Seit drei Jahren haben er und seine Kollegin Gabriele Reichert sehr viel um die Ohren. Das Jahr 2005 stellt in Hamburg eine Zäsur im Umgang mit Schulverweigerern dar. Es ist jenes Jahr, in dem das siebenjährige Mädchen Jessica tot in einer Wohnung aufgefunden wird. Verhungert, von den Eltern gefangen gehalten. Damals wurde auch Kritik an den Schulbehörden laut. „Ruhe gibt’s heute erst, wenn wir das Kind gesehen haben“, sagt Juhl. Vieles hat sich seither geändert: Fehlt ein Kind in der Schule, kommt eine regelrechte Maschinerie in Gang, ein engmaschiges Netz gegenseitiger Kontrolle wird geknüpft - noch am selben Tag. Eine Richtlinie schreibt den Schulen vor, was zu tun ist, wenn Kinder fehlen.

Das beginnt bei der täglichen Überprüfung in jeder Unterrichtsstunde, dem Versuch, die Kinder telefonisch zu erreichen, und gelingt auch das nicht, ist der Schule ein Hausbesuch zwingend vorgeschrieben. Wenn das alles nicht hilft, gibt die Schule den Fall an Rebus ab. „Wir benachrichtigen dann sofort das Jugendamt.“ Am Ende dieser Kette kann die Anordnung von Bußgeld und in einzelnen Fällen auch der Arrest des Jugendlichen stehen.

So verbüßte gerade eine 19-Jährige aus Mönchengladbach eine Woche Arrest. Die junge Frau hatte immer wieder unentschuldigt in der Berufsschule gefehlt. Deshalb hatte sie das Amtsgericht im Sommer 2007 zu 16 Arbeitsstunden oder ersatzweise 179 Euro Geldbuße verurteilt. Die damals gerade 18-Jährige leistete weder die Arbeitsstunden ab, noch zahlte sie die Geldbuße. Konsequenzen gab es vorerst nicht für sie. Allerdings hatte man sie bei den Behörden nicht vergessen: Die zuständige Jugendarrestanstalt schrieb sie zur Festnahme aus.

In Hamburg, versichert Reichert, bleibt Arrest für Jugendliche die Ausnahme. Geldstrafen gehören da schon eher zur Regel: Allein 2008 wurden in Hamburg 21.800 Euro Bußgelder erlassen und 123 Haussuchungen durchgeführt. Zu rigide? Zu viel Wind um ein Problem, das mindestens so alt ist wie die Schulpflicht selbst?

Juhl sagt nein. „Es ist ein System, das nach außen rigide auftritt, das im Inneren aber einen stark integrativen Auftrag hat.“ Schulbesuche, Gespräche mit Eltern und Schülern sowie Förderunterricht für die Schüler in Kleinstgruppen.

Ein Vergleich mit anderen Bundesländern ist nur schwer möglich. Bildung ist Ländersache und daher auch der Umgang mit jenen, die ihr den Rücken zukehren. Wie ein Flickenteppich ziehen sich die einzelnen Schulverweigerer-Projekte über die Bundesrepublik. Immer wieder gibt es neue Meldungen über Arreste, neue Lösungsansätze und gescheiterte Versuche.

Jüngst empörte sich die Öffentlichkeit in Berlin über Pläne der SPD Neukölln, welche auch den Entzug des Sorgerechts ermöglicht hätten. Oder Göttingen: Hier hatte das Verwaltungsgericht beschlossen, einer Flüchtlingsfamilie aus dem Kosovo die Aufenthaltsgenehmigung zu entziehen. Der Grund: Die Kinder schwänzten ständig die Schule. Eine Datenbank des deutschen Jugendinstituts in München zählt 57 unterschiedliche Schulverweigerer-Projekte über ganz Deutschland verteilt.

Ein Vergleich soll zeigen, welche Projekte erfolgreich sind und welche nicht. Doch was muss mit Steffen, Jan und Milana geschehen, damit man von einem Erfolg sprechen kann? „Wir haben eine ganz miserable Erfolgsquote, wenn man Erfolg daran messen würde, wie viele Jugendliche wieder zurück in eine Regelschule gehen.“ Ziel dieser jungen Leute muss es sein, die Berufsfähigkeit zu erlangen.

Juhl weiß auch, wie dies gelingen könnte. „Wenn wir diese Jugendlichen nicht marginalisieren wollen, brauchen wir Arbeits- und Ausbildungsplätze.“ Und sie brauchen vor allen Dingen eines: Zeit. Zeit, um sich an die Herausforderungen des Alltags zu gewöhnen. „Die Vielfalt an Talenten, an Begabungen und schönen Gesichtern ist immer noch groß“, sagt Reichart. „Aber was ich nicht verstehen kann, ist, dass für diese Menschen überhaupt kein Platz da ist.“ Steffen und Milana glauben, ihren Platz schon noch zu finden. Steffen möchte Schauspieler wie Brad Pitt und Milana Hotelfachfrau werden. Nur zurück in die Schule wollen sie beide nicht.

*Namen von der Redaktion geändert


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2008/11/08

US-Wahl: Zwischen Tür und Angel













Obama möchte aus den Fehlern seiner Vorgänger lernen. Die Herausforderungen sind enorm. Die Periode des Übergangs ist entscheidend für seine Regierungszeit

Noch-Präsident George W. Bush soll nicht schlecht gestaunt haben, als er 2001 erstmals seinen neuen Wohnsitz Pennsylvania Avenue 1600 betrat. Der Grund: Die Mitarbeiter seines demokratischen Vorgängers Bill Clinton hatten sämtliche "W" von den Computertastaturen des Weißen Hauses entfernt, Telefonkabel sollen aus den Wänden gerissen worden sein, nachdem man zuvor obszöne Voicemails auf den Anrufbeantwortern hinterlassen hatte.

Die Bush-Regierung sprach von einem Schaden in der Höhe von 15.000 Dollar. Clintons Leute dementierten und konterten, es handle sich bloß um den üblichen Unrat, der noch bei jedem Eigentümerwechsel im wohl berühmtesten Haus der Vereinigten Staaten angefallen sei.

Ob es dieses Mal friedlicher wird? Bush hat seinem Nachfolger Barack Obama jedenfalls bereits einen Tag nach der Wahl seine volle Unterstützung für die Amtsübergabe zugesagt und ihn ins Weiße Haus eingeladen. William Allman, Chefkurator im Weißen Haus, erklärte in einem Zeitungsinterview, dass in solchen Fällen die alte First Lady die neue First Lady auf einem Rundgang durchs Haus führen und ihr erklären würde, welche Räume, wie zu benutzen seien.

Zusätzlich zu Laura Bush soll ein 14-köpfiges Team den Obamas bei allen Fragen zu ihrem Umzug zur Verfügung stehen, gleich, ob die Fragen die Sicherheitsvorkehrungen im Weißen Haus oder banale Dinge betreffen. So gibt es genaue Vorschriften, wer wo, wann, wie, sein Auto parken darf. Dem Zufall wird in dieser Phase der sogenannten Transition nichts überlassen. Schließlich drängt die Zeit: Es ist die erste Amtsübergabe in Kriegszeiten seit über 40 Jahren. Hinzu kommen ein enormer Schuldenberg und eine drohende Rezession. Für Zahnpasta an Türklinken ist die Zeit zu knapp. Zumal das Weiße Haus 132 Zimmer, 35 Bäder und 412 Türen zählt.

Auch inhaltlich darf nichts schiefgehen: Wer die Transition verpatzt, warnt ein Experte, wem es nicht gelinge, hier die entscheidenden Weichen und den richtigen Ton zu treffen, dem misslängen auch die ersten hundert Tage seiner Präsidentschaft.

Aus diesem Grund hat sich auch Obama selbst sehr früh mit dem Tag nach der Wahl beschäftigt, zu einem Zeitpunkt, als er noch nicht einmal wusste, ob er diese auch gewinnen würde. Sein Mann für diese Pläne: John Podesta. Der 49-jährige Anwalt setzt sich mit dem fünften November bereits seit dem Frühjahr auseinander. Vier Arbeitsgruppen haben ein 50 Kapitel langes Handbuch ausgearbeitet, das genau festlegt, wie die Wochen bis zum Amtseid Obamas aussehen würden. Für jene Zeit, in der aus dem President-elect am Ende ein President of the United States werden soll.

Es gilt nicht nur, erste Lösungen für eine der größten Krisen in der Geschichte des Landes auf den Weg zu bringen, es sind auch 7000 Posten und vor allem Regierungsämter zu besetzen. 70 Tage bleiben, um geschätzte 40.000 Bewerbungen durchzusehen. Bill Clinton wurde diese aufwendige Personalpolitik 1992 zu einem lästigen Problem, als sich kurz nach Amtsantritt eine seiner Rechtsberaterinnen als Steuersünderin entpuppte. 2004 wurde deshalb ein Gesetz erlassen, das die vom gewählten Präsidenten autorisierten Personen ermächtigt, bereits vor seiner Angelobung auf geheime Personendaten zuzugreifen.

Obama möchte die Fehler seiner Vorgänger auf jeden Fall vermeiden. Fehler, die Franklin D. Roosevelt, John F. Kennedy, Jimmy Carter oder eben Bill Clinton bereits vor ihm gemacht haben.

Roosevelt lehnte 1932 etwa das Angebot seines Vorgängers Herbert Hoover ab, gemeinsam nach Auswegen aus der Wirtschaftskrise zu suchen. Die Folge: Die wirtschaftliche Depression verschlimmerte sich. Zwanzig Jahre später wurde auch aus diesem Fehler gelernt, als Harry Truman seinen Nachfolger Dwight Eisenhower mit wertvollen Informationen versorgte.

Informationen, auf die wiederum John F. Kennedy keinen Wert zu legen schien. Als Kennedy am sechsten Dezember 1960 seinen Vorgänger im Weißen Haus besuchte, soll dieser ihm geraten haben, jegliche Neuorganisation von Strukturen zu vermeiden, solange Kennedy sich nicht eingearbeitet habe. Nach seinem Amtsantritt verwarf der junge Präsident den Rat Eisenhowers und änderte zahlreiche nationale Sicherheitsvorkehrungen. Zu bürokratisch lautete sein Urteil. Mit der Invasion der Schweinebucht konfrontiert, fehlte Kennedy ein eingespieltes, mit der Materie vertrautes Beratungsgremium.

Bill Clinton hingegen erlebte die Konsequenzen von falschen Personalentscheidungen. Er hatte sich für die Besetzung des Stabschefpostens über einen Monat Zeit gelassen, um sich dann für seinen langjährigen Freund Thomas McLarty zu entscheiden. McLarty war alles andere als unumstritten, nach zwei Jahren schied er als Stabschef wieder aus und war fortan nur noch als Berater tätig.

Obama hat den Posten des Stabschefs bereits zwei Tage nach der Wahl benannt. Rahm Emanuel diente ähnlich wie Podesta schon unter Clinton als enger Berater. "Change" ist damit, zumindest was die Bündelung von Kompetenzen in Obamas direktem Umfeld anbelangt, erst einmal nicht Gebot der Stunde.





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2008/11/04

US-Wahl: Rüstung gegen Wind






















ZEIT ONLINE 4.11.2008

Die Deutsche Bank emittierte 2007 ein Demokraten- und ein Republikaner-Zertifikat: Rüstungsindustrie gegen Umwelttechnologiesektor. Verloren haben beide.

Der Markt kennt keine Wahlsieger. Er kennt Zertifikate, die gut "performen" und welche die schlecht laufen. In Zeiten der Finanzkrise "performen" praktisch alle schlecht. Die Deutsche Bank hat vergangenen Herbst unter anderen zwei Basket-Zertifikate emittiert – ein Republikaner- und ein Demokraten-Zertifikat. In beiden wurden jeweils Aktien von Firmen gebündelt, die entweder dem Lager John McCains oder jenem von Barack Obama zugeordnet wurden. Ein Duell Gut gegen Böse – unabhängig davon, wie man politisch zu den beiden Kandidaten steht.

Denn im Republikaner-Zertifikat vereinigen sich Tabakindustrie, Rüstungs- und Ölfirmen und auf der anderen Seite, im Demokraten-Zertifikat, Bildungs-, Solar- und Umwelttechnologie-Unternehmen.

Die simple Annahme dahinter: Unter einem Präsidenten John McCain würde es Rüstungsfirmen wie Lockheed und Halliburton oder Ölgiganten wie Exxon Mobil besser gehen als unter einem Präsidenten Barack Obama. Gewinnt letzterer die Wahl, so die Annahme der Analysten, profitieren eher Firmen mit etwas unvertraut klingenden Namen wie SunPower Corp. oder First Solar Inc.

Soweit der Plan. Doch hatte im September 2007 noch kaum jemand die Ausmaße jener Finanzkrise auch nur ansatzweise erahnt, die Monate später die ganze Welt fest im Griff haben sollte. "Wenn der Markt um 30 Prozent in die Knie geht, kann man nicht erwarten, dass die Zertifikate gut performen“, sagt Holger Bosse, Analyst der Deutschen Bank.

Beide Zertifikate haben im vergangenen Jahr an Wert verloren, jenes der Demokraten mehr (gut 20 Prozent) als jenes der Republikaner (knapp 15 Prozent).

Das lag nicht zuletzt an einem entscheidenden Fehler: Die Analysten nahmen an, Präsident Obama werde ein Präsident der Häuslbauer werden und sie taten, was sie hätten vermeiden sollen - sie packten die Aktie der einst so wichtigen Hypothekenbank Fannie Mae mit ins Zertifikat der Demokraten. Jene Bank, die wie kaum eine andere als Sinnbild dieser Krise gilt und die zuletzt knapp 80 Prozent ihres Werts eingebüßt hat.

Bosse erklärt das Vorgehen bei der Auswahl der Aktien im vergangenen Jahr: "Wir haben uns das Spendenverhalten der einzelnen Branchen angesehen und geschaut, welche Politik, welche Programme die beiden Kandidaten vertreten.“

Das Center for Responsive Politics hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Spenden im US-Wahlkampf zu dokumentieren. Ein Blick ins Spendenregister macht deutlich, dass die Wahl der Analysten grundsätzlich schlüssig war: So hatten etwa Organisationen, die sich gegen Abtreibung aussprechen, gemeinsam 530.000 Dollar den Republikanern gespendet, Obama wurden nur 3000 Dollar geschenkt.

Oder Spender, die ihr Geld für liberale Waffen-Gesetze investiert sehen möchten, überwiesen ihr Geld ebenfalls getroster an John McCain denn an Barack Obama. In absoluten Zahlen: Etwas mehr als eine Million Dollar für die Republikaner und nur rund 200.000 Dollar für die Demokraten.

Öl-Giganten wie Exxon Mobile, BP oder Shell entschieden sich bei ihrem Spendenverhalten ebenfalls mehrheitlich für die Republikaner: 20 Millionen Dollar für McCain und nur sechs Millionen Dollar für Obama.

Anders das Bild bei Hedge Fonds, die sich mehrheitlich für Obama entschieden haben: Neun Millionen Dollar für das Obama-Lager stehen fünf Millionen Dollar für das Lager von McCain gegenüber.

Stark nachgefragt wurden weder Republikaner- noch Demokraten-Zertifikat. "Das sind Nischenprodukte“, sagt Bosse. Mit der politischen Gesinnung habe "diese Wahl", die Entscheidung für das ein oder andere Produkt, nichts zu tun, "dahinter steht eine ganz konkrete Erwartung“. Eine Erwartung, die für Anleger jedweden Lagers enttäuscht wurde.

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2008/11/03

In Leben investieren
















Was kann Theater den Menschen in der Krise geben? Ein Gespräch mit dem Regisseur Stephan Kimmig, der in Hamburg Ödon von Horváths Drama "Kasimir und Karoline" inszeniert

ZEIT ONLINE:
Herr Kimmig, Ödon von Horváth hat zu Beginn der dreißiger Jahre die sozialen Folgen der Weltwirtschaftskrise in seinem Stück Kasimir und Karoline beschrieben. Was ist die Essenz des Dramas?


Stephan Kimmig: Es zeigt deutlich, in welch trostlose, einsame Depression Menschen geraten können, wenn die ökonomischen Zwänge stärker werden. Die Figuren sind zunehmend egomanisch, das Selbstwertgefühl gerät aus der Balance, und die Außenwelt löst sich ab.

ZEIT ONLINE: Lässt sich das Stück dadurch auf die Gegenwart beziehen?

Kimmig: Ja, weil die Wirtschaftskrise hier nicht an Zahlen festgemacht wird. Horváth geht es um das, was die Krise im Einzelnen hervorruft, es geht um das Aus-der-Gesellschaft-ausgeschlossen-Sein. Und letztlich ist man in so einer Situation immer allein.

ZEIT ONLINE: Von der Arbeit bzw. der Arbeitslosigkeit hängt im Stück das persönliche Schicksal der Protagonisten ab.

Kimmig: Unser Selbstwertgefühl hängt bis heute stark von unserer Arbeit ab. Den Leuten gelingt es nicht, aus diesem Kreislauf auszubrechen.

ZEIT ONLINE: Woran liegt das?

Kimmig: Jahrelang wurden wir geprägt von einer neoliberalen Vorstellung davon, wie wir zu funktionieren haben. Eine Vorstellung, die vorgab, alles sei möglich, solange man selbst in Bewegung bleibt. Hier noch ein Workshop, da noch ein Seminar. Wenn man dann noch dreimal seinen Wohnsitz wechselt, ist alles wunderbar. Das Credo war: "Wer rausfällt, hat sich nicht genug bemüht."

ZEIT ONLINE: Macht die Krise dieses Credo obsolet?

Kimmig: Noch vor ein paar Wochen galt der Staat als altmodisch, ein Instrumentarium aus den achtziger Jahren, das niemanden mehr interessiert. Der Staat roch nach Ostblock und nach Mauer. Plötzlich hat sich das geändert. Alle fordern wieder einen starken Staat, allen voran Vertreter aus der Wirtschaft. Damit werden doch Parteien wie die FDP überflüssig. Die dürfte ja auch niemand mehr wählen. Wenn Herr Westerwelle konsequent wäre, müsste er sich morgen gleich selbst abschaffen und die FDP auflösen. Das wäre ein konsequenter Schritt in der Politik.

ZEIT ONLINE: Horváth schreibt, die allgemeine und private Krise seien eng miteinander verknüpft. Sehen Sie das ähnlich?

Kimmig: Das Stück zeigt anhand der Figur der Karoline sehr gut, wie schnell eine Situation umschlagen kann. Sie will sich einfach mal einen Abend auf dem Oktoberfest amüsieren, möchte loslassen, Achterbahn fahren und ein paar Bier trinken. Doch am Ende des Stücks steht sie allein da. Sie fällt in ein tiefes Loch, aus dem sie nur mit einem falschen Leben wieder rauskommt. Ein Leben mit Schürzinger, der sie lieben wird, den sie aber nicht lieben kann. Es ist ein falsches, gebrochenes Leben.

ZEIT ONLINE: Sie haben nun Wochen an dem Stück gearbeitet. In dieser Zeit haben sich die wirtschaftlichen Ereignisse geradezu überschlagen. Hat das Ihre Arbeit belastet?

Kimmig: Es war eher eine Herausforderung. Irgendwelche Rundumschläge helfen in dieser Situation schließlich wenig. Die aktuelle Situation ist auch eine, über die sich die Menschen emotional sehr schnell einigen können. Außer ein paar Bänkern und den Westerwelles wird eine große Mehrheit sie als katastrophal empfinden.

ZEIT ONLINE: Horváth hatte einen sehr politischen Auftrag mit seinem Volkstheater. Haben Sie auch einen?

Kimmig: Ja. Ich möchte einfach zeigen, dass die äußeren Umstände Löcher aufreißen, die so einfach nicht zu schließen sind. Man kann sich durchaus vorstellen, dass sich Kasimir, nachdem der Vorhang fällt, das Leben nimmt, oder dass Karoline tablettensüchtig wird.

ZEIT ONLINE: Am Hamburger Schauspielhaus lesen Hartz-IV-Empfänger die Namen von Millionären vor, der Broadway in New York verzeichnet Besucherrekord. Hat das Theater in der Krise Hochkonjunktur?

Kimmig: Insgesamt gehen rund 50 Millionen Menschen in deutschsprachige Theater. Eine wahnsinnige Zahl. Im besten Fall können hier aktuelle Fragen auf sehr demokratische Art und Weise verhandelt werden. Insofern ist das Theater dem Oktoberfest nicht unähnlich. Jeden Abend sitzen im Theater 700 völlig verschiedene Leute und beschäftigen sich mit denselben Fragen. Und schließlich orientiert man sich in seinem Verhalten immer am Verhalten anderer. So funktioniert Menschsein.

ZEIT ONLINE:
Kann es also sein, dass das Publikum gerade jetzt nach Orientierung sucht?

Kimmig: Ja. In der Politik kann man ein unfassbares Abtauchen beobachten. Man wartet seit Wochen auf ein Zugeständnis, auf ein Zeichen der Ratlosigkeit oder Offenheit. Ich würde mir wünschen, dass eine offene Diskussion geführt wird.

ZEIT ONLINE: Was erwarten Sie sich konkret?

Kimmig: Antworten auf die Fragen: Was kann Politik? Was kann Wirtschaft? Darüber muss neu verhandelt werden. Wir haben schließlich noch eine andere Krise, die nebenher läuft: Die Klimakrise fällt völlig unter den Tisch. Diese Krisen böten auch die seltene Chance, neu über unseren Gesellschaftsbegriff nachzudenken. Andernfalls sehe ich die Gefahr, dass mit einfachen politischen Wahrheiten wieder große Mehrheiten zu machen sind.

ZEIT ONLINE:
Was machen Sie jetzt mit dem eigenen Geld?

Kimmig:
Man muss in Leben investieren. Sparen ergibt ja scheinbar keinen Sinn.

Stephan Kimmigs Inszenierung von "Kasimir und Karoline" ist am Hamburger Thalia-Theater zu sehen. Premiere war am 1. November.

Das Gespräch führte Martin Gantner.


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2008/11/02

Finale

Die neue Selbstverständlichkeit








Journalisten dürfen häufig nur berichten, wenn sie Knebelverträge unterschreiben. Künstler wollen kontrollieren, was nicht mehr zu kontrollieren ist

Recherche: Martin Gantner


Johannes Bruckenberger weiß, was Stars und Sternchen mögen, oder vielmehr, was sie nicht mögen. Sie legen ihm die Wünsche schriftlich vor - in Verträgen, verklausuliert aber unmissverständlich. Bruckenberger ist stellvertretender Chefredakteur der Austria Presse Agentur (Apa). Auf seinem Schreibtisch liegen Verträge von internationalen Künstlern und deren Agenturen. Jener von Leonard Cohen etwa, der vor wenigen Wochen im Wiener Konzerthaus einen umjubelten Auftritt feierte. Darin festgehalten die Bedingungen, unter denen über das Konzert berichtet werden darf.

"Wir hätten den Text nur einmal publizieren dürfen", sagt Bruckenberger. Weiters hätte er in anderen Publikationen nicht abgedruckt werden und auch nicht im Web erscheinen dürfen. Einigermaßen bizarr, ist es doch Sinn und Zweck einer Presseagentur, Texte den eigenen Genossenschaftern, den österreichischen Medien, zur Verfügung zu stellen. "Das führt ja das Prinzip der Agentur ad absurdum." Streng genommen hätten sich die Apa-Redakteure den Konzertbericht nur gegenseitig vorlesen dürfen, denn über ein eigenes reichweitenstarkes Medium verfügt die Agentur noch nicht. Bruckenberger weigerte sich, den standardisierten Vertrag zu unterzeichnen. Die Klauseln wurden gestrichen.

Immer öfter geraten Journalisten in die Situation, in der sie rigide Akkreditierungsbestimmungen unterschreiben müssen, und Pressefotografen dürfen nur aus bestimmten Winkeln in einer gewissen Zeitspanne fotografieren. Betroffen ist vor allem das Kulturressort. Dominik Kamalzadeh ist Kulturredakteur des Standard. Auch er berichtet davon, dass solche "Paragrafenreitereien" zugenommen haben. Filmkritiker werden bei Pressevorführungen mit Nachtsichtkameras gefilmt. Aus Angst vor Filmpiraterie. Das nächste Mal bei der Pressevorführung des neuen James Bond. Eine Kollegin berichtet von Zuständen wie auf einem Flughafen: Handys und Laptops müssen abgegeben werden, ehe man durch einen Metalldetektor geschleust wird.

In Deutschland sorgte zuletzt der Film "Baader-Meinhof-Komplex" für Negativschlagzeilen. Die ersten gab es bereits, als der Film noch gar nicht in den Kinos war. Der Einladung zur Pressevorführung lag ein Vertrag bei, in dem sich Journalisten einverstanden erklären mussten, Besprechungen, Kritiken und Interviews nicht vor einem bestimmten Datum zu veröffentlichen. Solche Sperrfristen sind mittlerweile nichts Ungewöhnliches mehr.

Für Aufregung sorgten die Konsequenzen, mit denen die Agentur drohte: Für eine Zuwiderhandlung sollte eine Strafe von insgesamt 100.000 Euro fällig werden, jeweils zur Hälfte vom betroffenen Journalisten bzw. seinem Medium an die Münchner Constantin Film zu überweisen. Stefan Grissemann interviewte für das profil den Produzenten des Films, Uli Edel. Edel wollte nach Autorisierung des Interviews drei seiner Antworten gestrichen wissen. Es ging dabei um die Frage, wer in den Reihen der RAF den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer umgebracht hatte. Im Vorfeld des Films hatte Edel verkündet, er kenne den Namen des Täters. Grissemann hatte die Antworten auf Band und veröffentlichte sie. Sie erwiesen sich jedoch nur als längst bekannte Aussagen eines ehemaligen RAF-Mitglieds.

Bei solchen Auseinandersetzungen geht es jedes Mal aufs Neue um dieselbe heikle Frage: Wo fängt Pressefreiheit an und wo hört Vertragsfreiheit auf? Oft werden Verträge oder Akkreditierungsbestimmungen erst kurz vor der jeweiligen Veranstaltung vorgelegt, sodass es zeitlich nicht mehr möglich ist, gegen die einzelnen Bestimmungen rechtlich vorzugehen. Veranstalter verweisen auf das Recht der Vertragsfreiheit und auf das Hausrecht. Konzertarenen werden zu Wohnzimmern erklärt. Heinz Wittmann ist Rechtskonsulent des Verbands Österreichischer Zeitungen (VÖZ). Er sagt: "Bei Privatpersonen kann man dem rechtlich nicht beikommen." Sein Kollege Franz C. Bauer, Journalistengewerkschafter, sieht weniger den Rechtsstaat als vielmehr die Journalisten selbst gefordert: "Mein Vertrauen in den Rechtsstaat ist, was die Ausgestaltung der Pressefreiheit anbelangt, nicht groß. Die müssen wir uns selbst erkämpfen." Konkret: Den Medien bleibt in solchen Fällen allein die Möglichkeit des Boykotts und die Hoffnung, dass sich Kollegen anderer Zeitungen solidarisch erklären.

Ein besonders anschauliches Beispiel bot vor zwei Jahren die Tour von Robbie Williams, die auch in Wien Station machte. Das Album "Intensive Care" durften Journalisten in Deutschland nur per T-Mobile-Handy-Abspielfunktion vorab hören. Beim Konzert selbst war kein deutscher Fotograf erlaubt, ein Kollege aus Großbritannien wurde eingeflogen. Und um für die After-Show-Party zugelassen zu werden, mussten sich die Journalisten dazu verpflichten, den Handyanbieter im Artikel zu erwähnen. Die Deutsche Presse-Agentur (DPA) und Associated Press (AP) verzichteten völlig auf die Konzertberichterstattung. Die Telecom kündigte danach an, die Verträge mit der externen PR-Agentur aufzulösen.

Dabei sind solch rigide Verträge auch in der PR-Branche selbst nicht unumstritten. Ulrich Nies ist Präsident der Deutschen Public Relations Gesellschaft (DPRG). Über die Verträge sagt er: "Das bringt nur Frustrationen." Er würde seinen Kollegen schon lange abraten, solche Klauseln aufzusetzen. "Der Grundsatz, Control your message' ist in Zeiten von Blogs und Social Media bis zu einem gewissen Grad obsolet geworden." In der Tat stellt sich die Frage, weshalb Fotojournalisten das Konzert nach dem zweiten Lied verlassen müssen, während normale Konzertbesucher mit ihren Handys weiter aufnehmen und fotografieren. "Es ist der Versuch, die neuen Medien nach den Regeln der alten zu behandeln." Der Versuch, zu kontrollieren, was nicht mehr zu kontrollieren ist.

Kamalzadeh sieht noch einen weiteren Grund für diese Entwicklung. Medien würden von Agenturen zusehends als Medienpartner gesehen, nicht mehr als kritisches Korrektiv. "Diese Auffassung von Journalismus ist völlig selbstverständlich geworden."


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2008/11/01

Die Lebenslüge Österreichs

Das deutsch-österreichische Kabarettduo Stermann und Grissemann tourt durch Deutschland. Ein Gespräch über Reich-Ranicki, österreichische Lebenslügen und Jörg Haider

ZEIT ONLINE: Herr Stermann, Sie treten in Ihrem aktuellen Programm als Fernsehkoch auf. Was gibt es zu essen?

Dirk Stermann: Vegetarisches: Nusspüree mit Dill. Aber weil´s billiger ist und unsere Agentur sparen möchte, ist es in Wahrheit kein Dill, sondern Kaninchenfutter. Das wird klein geschnitten. Dazu gibt’s Fertigpüree und eine gehobelte Nuss.

ZEIT ONLINE: Der Titel Ihres Kabarettprogramms lautet "Die deutsche Kochschau oder wie uns das Fernsehen zu Nazis machte“. Wie wurden Stermann und Grissemann zu Nazis?

Stermann: Diese Neonazis haben wir erfunden, weil die Köche in den TV-Shows alle wahnsinnig cool sind: Ziegenbärte und Hemd aus der Hose. Für eine Radiosendung hab ich dann eine Kochschule besucht und festgestellt: Da herrscht ein anderes Regime. Wie in einer Kaserne: ein alter Mann mit Bart, der nur rumgeschrien hat. Deswegen wollen wir wieder Zucht und Ordnung in den Küchen.

ZEIT ONLINE:
Schauen Sie privat auch gerne Kochshows?

Stermann: Sehr gerne sogar. Ich kann mir ausschließlich Informationen merken, die mit Fußball oder TV-Rezepten im Zusammenhang stehen. Nach jeder Kochshow koch ich die Sachen auch gleich nach.

ZEIT ONLINE: Sie haben eine erfolgreiche TV-Sendung in Österreich und machen Programm auf Premiere. In Deutschland wird gerade über die Qualität des Fernsehens diskutiert. Wie sehen Sie das?

Stermann: Ich bin da einer Meinung mit Marcel Reich-Ranicki, sehe ihn aber als Teil des Problems. Es gab auch nur ein paar wenige Folgen vom Literarischen Quartett, die wirklich gut waren. Ich glaube, der Tod der Medien ist das Privatfernsehen und das Privatradio. Früher lief zum Beispiel ein Russisch-Kurs im österreichischen Fernsehen (ORF). Der läuft heute eben nicht mehr und schon gar nicht auf Sat1. Die öffentlich-rechtlichen Sender müssen aussehen wie die Privaten, sonst schalten die Leute nicht mehr ein und deshalb ist für die Russisch-Lehrerin kein Platz mehr. Die einzige Hoffnung ist, dass durch die Finanzkrise die Leute kein Geld mehr für einen Fernseher haben und dann nicht mehr wissen, wie scheiße Fernsehen einmal war.

ZEIT ONLINE:
Sie sind Deutscher und leben seit 20 Jahren in Österreich. Wie erklären sie ihren Freunden den Ausgang der letzten Wahlen in Österreich?

Stermann: Man kann Österreich niemandem erklären. Das kann keiner verstehen. Mit dem Tod Jörg Haiders ist es ja auch wieder so eine Sache. Im Grunde ist das mit der Fernsehkritik Ranickis vergleichbar: Ranicki hat die Fernsehleute total beschimpft, geht von der Bühne und es gibt Standing Ovations. Mit Haider war das genau das Gleiche: Er kritisierte Österreich als eine "ideologische Missgeburt“ und bekommt ein Staatsbegräbnis. Das ist grotesk. Alles Tote ist immer gut in Österreich. Das ist widerspruchslos. Und da Hitler auch gestorben ist, ist er mit seinem Tod auch gut geworden. Der Tod ist eben aus österreichischer Sicht unheimlich geil.

ZEIT ONLINE:
In einem Interview sagten Sie, dass die Reden von Jörg Haider wie rechtes Kabarett funktionieren würden. Wie war das gemeint?

Stermann: Die Reden waren kabarettistisch und auf Pointe geschrieben. Kurze Ansagen wie in der Comedy und immer auf Kosten anderer. Wie Mario Barth eben. Auch wenn der nicht rechts im klassischen Sinne ist, arbeitet er doch mit ganz alten Klischees. Haider machte das im Grunde auch. Er bediente sich verschiedener Stereotypen. Ich glaube aber, wenn wir über andere lachen, dann müssen wir uns über uns selber mindestens genauso lustig machen können.

ZEIT ONLINE: In Österreich betonten Experten nach der Wahl: "Das Volk hat nicht rechts gewählt. Das sind Protest- und keine Rechtswähler.“

Stermann: Das gehört zu den Dingen, die man nicht erklären kann. Das ist die Lebenslüge Österreichs. Das Problem aber ist: Die wissen alle, wen sie gewählt haben. Die wählen diese Parteien nicht nur aus Protest. Aus Protest könnten Sie auch die Christenpartei wählen. Aber sie wählen die total ausländerfeindlichen Parteien, was auf Plakaten und in den Reden überprüfbar ist und das seit Jahrzehnten. Man weiß das, also ist man Rechts- und nicht Protestwähler. Das soll man den Menschen auch sagen. Sie dürfen ja rechts wählen, aber das sollte ihnen bewusst sein.

ZEIT ONLINE:
Kann man heute eher Witze über den Nationalsozialismus machen als noch vor wenigen Jahren?

Stermann: Es bleibt natürlich eine Gratwanderung. Aber ich finde, über den Nationalsozialismus lachen zu können, hat einen befreienden und bewusstseins- bildenden Charakter, mehr als die immer gleiche Betroffenheit, die zwar auch notwendig ist, die sich aber auch entwickeln können muss.

ZEIT ONLINE:
Wie unterscheiden sich deutscher und österreichischer Humor voneinander?

Stermann: Der Humor ist in Österreich brutaler als in Deutschland. In Deutschland sind die Leute viel schneller von etwas geschockt. Wir sehen dann immer ratlose Gesichter im Publikum.

ZEIT ONLINE:
Bei euch verhält es sich wie bei Harald Schmidt: Man verzeiht es euch, wenn ihr mal über einen längeren Zeitraum nicht witzig seid.

Stermann: Unser Motto lautet: Akzeptanz durch Penetranz. Wenn man lange da ist, ist das so wie Regen oder Matsch. Man ist da.

ZEIT ONLINE:
Ihr seid seit 20 Jahren ein Duo. Wer braucht wen mehr in eurer Beziehung?

Stermann: Ich brauche ihn, weil er genialer ist als ich, und er braucht mich, weil ich organisierter bin als er. Was uns aber wirklich verbindet, ist der Umstand, dass wir beide eine Mutter aus der ehemaligen DDR haben. Das merkt man.

Interview: Martin Gantner


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Dirk Stermann

Geboren: 7. Dezember 1965 in Duisburg, lebt seit 1987 in Wien. Er arbeitet als Radiomoderator (FM4, Radio Eins), Kabarettist und Autor. Seit 1988 ist er für den ORF tätig. Als die deutsche Hälfte des Duos Stermann & Grissemann tritt er seit 1990 auf. Stermann ist verheiratet und hat eine Tochter.


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Die Medien und die Herde








Über die Inflation des Krisenbegriffs und den Einfluss von Schlagzeilen auf Aktienkurse. Ein Gespräch mit Medienwissenschaftler Bertram Scheufele

ZEIT ONLINE:
Herr Scheufele, Sie haben sich intensiv mit der Frage beschäftigt, wie sich Wirtschaftsberichterstattung auf Aktienkurse auswirken kann. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?


Bertram Scheufele: Im Kern reflektiert die Berichterstattung das Marktgeschehen. Das Gegenteil ist nur sehr selten der Fall.

ZEIT ONLINE: Gibt es also keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Berichterstattung und Kursentwicklung?

Scheufele: Investoren, die tatsächlich große Anteile an Unternehmen halten, beziehen ihre Informationen aus sehr spezifischen Medien. Sie nutzen Massenmedien kaum als Informationsgrundlage.

ZEIT ONLINE: Wie sieht die Situation bei Kleinanlegern aus?

Scheufele: Bei Aktien, die stark im Streubesitz, also im Besitz vieler Kleinanleger sind, kann ein gewisser Herdentrieb vorkommen. Die T-Aktie wäre so ein Beispiel. Im Falle der VW-Aktien, von denen nur rund sechs Prozent im Streubesitz sind, gibt es aber keinen großen Zusammenhang. Das heißt aber nicht, dass Medien keine Rolle spielen. Im Gegenteil: Professionellen Investoren dienen die Medien als eine Art Seismograph.

ZEIT ONLINE:
Was bedeutet das?

Scheufele: Anhand der Massenmedien versuchen Investoren, das Verhalten von Kleinanlegern zu antizipieren, einen etwaigen Herdentrieb vorwegzunehmen und für die eigene Strategie fruchtbar zu machen. Nach dem Motto: "Ich glaube, dass Medien wenn schon nicht auf mich, dann doch auf andere wirken. Daher versuche ich, mit der vermuteten Medienwirkung zu spielen." Das Problem ist nur: Die Sache ist so komplex, so viele Faktoren spielen eine Rolle, dass die Wirkung einzelner Faktoren sehr schwer nachweisbar ist.

ZEIT ONLINE:
Wir stecken in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Wie empfinden Sie den bisherigen Umgang der Medien mit der Krise?

Scheufele: Grundsätzlich als sehr verantwortungsbewusst. Auffällig war in der Vergangenheit, also vor Ausbrechen der Krise, dass die Wirtschaftsberichterstattung meist positiv verlief. Das unterscheidet sie deutlich von der Politikberichterstattung, die meist einen kritischeren Zugang wählt. Interessant ist dies vor allen Dingen, weil dieses Muster der Wirtschaftsberichterstattung in der Krise teilweise kippt.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Scheufele: Was die Kritik an Managern anbelangt, zeigt sich jetzt ein Muster, das wir aus der Politikberichterstattung schon lange kennen. Also eine starke Personalisierung des Problems und eine Suche nach den Verantwortlichen. Aber auch hier bleibt die Berichterstattung im Rahmen. Gefährlich wäre es, wenn panikartig berichtet würde, wenn also Tipps für Finanzverhalten gegeben würden oder Ähnliches mehr.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie gedacht, als Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärt hat, sämtliche Spareinlagen würden staatlich garantiert? Hätte diese Erklärung nicht auch völlig falsch verstanden werden und das Gegenteil bewirken können?

Scheufele: Das war auch mein erster Gedanke. Fakt ist aber, dass die Auswirkungen solcher Entscheidungen im Vorfeld einfach sehr schwer abzuschätzen sind. Die Tragweiten all dieser politischen Entscheidungen sind noch nicht fassbar. Ich möchte in dieser Situation jedenfalls nicht in der Haut von Frau Merkel oder Herren Steinbrück stecken.

ZEIT ONLINE:
Medien schreiben andauernd von Krisen: Klima, Terrorismus und jetzt die Wirtschaftskrise. Wird der Krisenbegriff inflationär gebraucht?

Scheufele: Es gibt in der Tat eine Tendenz seit den siebziger Jahren hin zu negativerer Berichterstattung. Viele Wissenschaftler sehen hier einen direkten Zusammenhang mit der zunehmenden Politikverdrossenheit und der zunehmenden Zahl der Protestwähler in westlichen Demokratien. In wirtschaftlichen Fragen, also auch jetzt in der aktuellen Finanzkrise, kann eine übertriebene Krisenberichterstattung zu Verunsicherung in der Bevölkerung führen. Denn das Thema ist sehr komplex. Die Funktion der Medien, komplizierte Inhalte, wie beispielsweise Leerverkäufe, verständlich zu erklären, ist nun wichtiger denn je.

ZEIT ONLINE: Ist das Publikum bereits immun gegen die vielen Krisen?

Scheufele: Man könnte es vermuten. Diskutiert wird auch die Frage, ob diese zunehmende Negativberichterstattung Grund für ein sich änderndes Wahlverhalten ist: für den stärkeren Zulauf zu Parteien, die am Rande oder außerhalb des demokratischen Spektrums agieren. Doch wirklich nachweisen lässt sich solch eine These nur schwer.

ZEIT ONLINE: Welche Frage würden Sie im Zusammenhang mit der Krise gerne erforschen?

Scheufele: Mich würde ein Vergleich zwischen der Berichterstattung in Deutschland und den USA interessieren. Meine Vermutung ist, dass die Berichterstattung in den USA eine andere ist, weil dort der Umgang mit privaten Schulden und Krediten großzügiger ist als in Deutschland. Die persönliche Betroffenheit in der Bevölkerung dürfte viel größer sein als hier. Die Menschen sind in den USA deutlich stärker verschuldet, eine Panik des Mittelstands ist in den USA daher wahrscheinlicher. Unabhängig davon, ob die Leute Aktien besitzen oder nicht.

ZEIT ONLINE: Hat die gegenwärtige Finanzkrise für die Bevölkerung einen anderen Charakter als 9/11 oder die Polkappenerwärmung?

Scheufele: Viele haben direkt am Fernseher gesehen, wie das zweite Flugzeug in das World Trade Center gekracht ist. Auf der anderen Seite ist es schwierig, steigende oder fallende Kurse, Leerverkäufe oder Kaufoptionsscheine darzustellen. Das Typische für diese Krise ist, dass es keine Bilder dazu gibt. Und dann greifen Journalisten auf Köpfe zurück – Stichwort personalisierte Berichterstattung. Und schmelzende Polkappen lassen sich ebenfalls besser darstellen als der fallende Dax.

Fragen Martin Gantner

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Bertram Thiemo Scheufele

Scheufele hat die Rolle der Medien am Aktienmarkt untersucht. Es geht um den Zusammenhang zwischen Aktienberichterstattung und steigenden bzw. fallenden Aktienkursen und Handelsvolumina börsennotierter deutscher Unternehmen in den Jahren 2000 und 2005. Scheufele lehrt empirische Methoden in der Kommunikationswissenschaft an der Universität in Jena.


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