2009/08/19

„Ich war eine moralische Instanz“

Der Journalist und profil-Mitbegründer Peter Michael Lingens über Verhaberung, Eitelkeit, Anstand und den schlechten Stil des Aufdeckers Alfred Worm

mit Julia Ortner für Falter


Kanzlerfeste und Politikerheurige sind nicht seine Sache. Peter Michael Lingens sitzt die ganze Zeit in Spanien, glaubt selbst sein Herausgeber. „Wahrscheinlich, weil ich nicht in den Lokalen verkehre, in denen, man‘ sich zeigt“, sagt Lingens. Der profil-Mitbegründer und späterer Standard-Chefredakteur hat sich abseits seiner profil-Kolumne zurückgezogen. Zu seinem 70. Geburtstag rechnet er in „Ansichten eines Außenseiters“ mit sich selbst und dem Land ab – eine spannende Mischung aus persönlicher Chronik, Journalismusgeschichte und scharfer Analyse des Zeitgeschehens.

1994 schied Lingens im Zuge der Kalal-Mekis-Affäre aus der Führungsfunktion im Standard aus. Ihm wurde vorgeworfen, seinen Freund Franz Kalal angestiftet zu haben, beim Wiener Staatsanwalt Wolfgang Mekis hinsichtlich der Einstellung eines Strafverfahrens interveniert zu haben. Der Starjournalist wurde wegen „versuchter Anstiftung zum Amtsmissbrauch“ angeklagt und rechtskräftig freigesprochen. Seit dieser Affäre, die er in seinem Buch ausführlich beschreibt, verbringt Lingens seine Zeit in Marbella und Wien.



Falter: Herr Lingens, wie lebt es sich in der Rolle des Außenseiters?

Peter Michael Lingens: Manchmal ist es unangenehm, und man fühlt sich einsam. Manchmal ist es erträglich.

Diese Selbstdefinition als einer, der außerhalb des Systems steht – ist das Koketterie oder der Versuch, unabhängig zu bleiben?

Lingens: Es ist sicher auch kokett. Was ich meine: Bei mir konnte man nie sicher sein, wie ich zu einer gewissen Frage Stellung nehme, während man das bei vielen Journalisten schon im Vorhinein weiß. Nicht einmal darauf konnte man sich verlassen, dass ich alles, was Jörg Haider oder die Kronen Zeitung sagen, falsch finde – obwohl ich beide für eine Katastrophe für das Land gehalten habe und halte.

Muss ein Journalist immer am Rand stehen, um Distanz zu den Mächtigen zu wahren?

Lingens: Ja. Aber natürlich macht auch jeder Journalist Politik, indem er sich an viele Leser wendet. Nur sollte er die Leute dabei nach bestem Wissen und Gewissen aufklären, nicht manipulieren, wie die Krone. Das ist das Gegenteil von Journalismus. Eine Verhaberung, wie sie zwischen Kronen Zeitung oder Österreich und Kanzler Faymann bestanden hat beziehungsweise besteht, ist ein abenteuerlicher Zustand. Angesichts der riesigen Anzeigenetats, die dabei vergeben werden, könnte man es auch gekauften Journalismus nennen.

Ist diese Freunderlwirtschaft ein spezifisch österreichisches Phänomen?

Lingens: Ich glaube, dass es diese Form des Kaufens von einzelnen Medien durch Inserate zum Beispiel in Deutschland nicht gibt, weil Inserate nicht in diesem Ausmaß politisch vergeben werden können.

Sie gelten als Chronist der Kreisky-Ära. Konnte man mit Kreisky verhabert sein?

Lingens: Kreisky konnte mit allen Journalisten. Die Problematik seiner Ära war nicht die Verhaberung, sondern dass der Linken – darunter auch vielen Journalisten – jegliche Distanz zu seiner Politik gefehlt hat.

Viele Politiker beziehen sich noch heute auf den „Sonnenkönig“. Warum?

Lingens: Natürlich hatte er unglaubliches Charisma. Trotzdem hat mich betroffen gemacht, dass an sich kritisch denkende Menschen sein Wort wie die Bibel genommen haben. Man musste froh sein, dass Kreisky ein Demokrat war. Wäre er keiner gewesen und die Leute wären ihm so gefolgt, wie sie es getan haben, es wäre eine Katastrophe gewesen.

Ist Journalismus Gabe oder Handwerk?

Lingens: Man kann diesen Beruf erstaunlich gut lernen. Ich kenne wenige Personen, die anfangs so schlecht geschrieben haben wie der berühmte Professor Alfred Worm. Das war nicht zu lesen. Aber seine Geschichten hatten enorme sachliche Substanz und im Lauf der Jahre konnte er dann auch immer bessere Kommentare schreiben.

In Ihrem Buch schreiben Sie: „Ich war ziemlich intelligent, ziemlich fähig und habe
darüber hinaus über eine enorme Arbeitskraft verfügt.“ Wie eitel sind Sie?


Lingens: In beruflicher Hinsicht eitel genug, um zu behaupten, dass das stimmt. Privat bin ich absolut uneitel.

Wie viel Selbstverliebtheit gehört zum Job?

Lingens: Eine gewisse Eitelkeit ist nützlich, wenn man angegriffen wird. Eitlen Menschen fällt es leichter, mit Angriffen umzugehen.

Thomas Bernhard bezeichnete den Beruf des Journalisten als ein ständiges Über-Leichen-Gehen, weil man den Dingen, über die man berichtet, nie gerecht werden kann. Wie viele Leichen gehen auf Ihr Konto?

Lingens: Ich hoffe, dass es nicht sehr viele sind. Man muss nicht ständig über Leichen gehen. Wenn man etwa Porträts schreibt, soll man sich dessen bewusst sein, dass der Betreffende auch eine Familie hat, die das lesen wird.Höchstens Adolf Hitler hätte man schwer so porträtieren können, dass es auch Eva Braun nicht verletzt hätte.

Sie haben als Gründungschefredakteur des profil einen neuen, kritischen Journalismus in Österreich miterfunden. Wie hat das Land das aufgenommen?

Lingens: Die Leser mit großem Interesse, die Werbewirtschaft mit großer Reserviertheit. Eines unserer Probleme war, dass wir anfangs trotz eines überragenden Erfolgs bei den Lesern nur schwer Inserate bekommen haben, weil die Wirtschaft nicht in einer so angriffslustigen Zeitung inserieren wollte.

Wie haben die Politiker reagiert, die zuvor nur Hofberichterstattung gewohnt waren?

Lingens: Mit enormer Irritation. Insofern hatten wir mit Kreisky großes Glück, weil der eben auch ein Journalistenkanzler war. Anfangs haben wir seine Regierung auch vornehmlich gelobt. Mit Wiens Bürgermeister Felix Slavik gab es hingegen große Schwierigkeiten, weil wir seine Amtsführung heftig – und zu Recht – kritisiert haben. Das hat prompt dazu geführt, dass die Arbeiterzeitung versucht hat, uns mit gefälschten Dokumenten der politischen Korruption zu bezichtigen.

Hatte die Arbeit von investigativen Journalisten früher mehr Einfluss auf das politische System?

Lingens: Der investigative Journalismus bei profil hat unter anderem solchen Umfang angenommen, weil die Staatsanwaltschaft damals ihrer Aufgabe absolut nicht nachgekommen ist. Der SPÖ nicht genehme Verfahren wurden grundsätzlich eingestellt. Der damalige Justizminister Christian Broda war darin unglaublich geschickt: Schriftliche Weisungen lagen kaum je vor. Es genügte der vorauseilende Gehorsam der von ihm eingesetzten handelnden Personen. Denken Sie an den Skandal um den Bau des AKH, bei dem die Staatsanwaltschaft Wien dafür plädiert hat, das Verfahren einzustellen. profil hat durch hartnäckige Berichterstattung und viel Glück erreicht, dass das Verfahren dennoch eröffnet wurde.

Glauben Sie, dass Skandale wie die jetzt vom Falter aufgedeckten Missstände rund um die Weisungsabteilung des Justizministeriums etwas im System verändern werden?


Lingens: Ich hoffe es. Das Weisungsrecht muss endlich reformiert werden.

Leidet die Schärfe des profil unter dem Zusammenschluss mit dem News-Verlag aus dem Jahr 2001?

Lingens: Generell ist die Medienkonzentration in Österreich ein Problem. Andererseits hat selbst ein so dramatischer wirtschaftlicher Zusammenschluss, wie der von Kurier und Krone, nicht dazu geführt, dass die beiden Blätter auch nur entfernt ähnlich berichten. Ich glaube auch nicht, dass Format und profil ähnliche politische Ausrichtungen aufgrund der Eigentümerstruktur haben, sondern wenn, dann denken die Journalisten hier wie dort ähnlich.

Aber auch auf das profil-Cover kommen immer öfter Wohlfühlthemen wie Wellness oder Lifestyle.

Lingens: Wo Schärfe notwendig ist, ist auf das profil nach wie vor Verlass. Außerdem sind Gesundheitsfragen ein immer wichtigeres Thema geworden. Abseits dessen gibt es heute auch andere Medien, die guten investigativen Journalismus machen. Bei der vom Falter aufgedeckten Weisungsaffäre wird Herausgeber Christian Rainer seine Mannschaft sicher fragen, warum das profil diese Geschichte nicht hat. Konkurrenz ist immer gut – auch im Journalismus.

Sie schreiben in Ihrem Buch: „Warum jemand wie ich vor 50 Jahren Sozialist geworden ist und heute keiner mehr sein kann.“ Weshalb diese Abkehr?

Lingens: Die SPÖ hat heute keine Problemlösungskompetenz und agiert in wirtschaftlichen Belangen meist noch ungeschickter als die Konservativen. Die Sozialdemokratie hat zwar weiterhin die Absicht, den Schwächeren zu helfen – aber wo sind die effizienten Antworten für deren Probleme? Vermögenssteuern abzuschaffen war zum Beispiel eine besonders dumme Antwort. Das ist Teil des sozialdemokratischen Versagens.

Die SPÖ kann aus der Krise keinen Vorteil ziehen, im Gegensatz zur FPÖ. Hat Sie der Wiederaufstieg der Blauen nach Jörg Haiders Tod überrascht?

Lingens: Der Erfolg der FPÖ bedrückt mich wie nichts sonst. Sie hat offenbar zu allen Zeiten ein Viertel der Bevölkerung auf ihrer Seite. Das liegt nicht nur an manchen Fehlern, die die Großparteien machen – das spricht gegen Österreich.

Hat das profil mit den vielen Haider-Covers nicht dazu beigetragen, dass der Provinz-

politiker zum Mythos hochstilisiert wurde?


Lingens: Das war tatsächlich ein kaum lösbarer Konflikt: Auf der einen Seite musste man sich mit ihm auseinandersetzen, weil er ständig Stoff zur Diskussion geliefert hat. Andererseits hat man damit eine gewaltige Medienpräsenz geschaffen. Es gab eben die Hoffnung, dass sich im Rahmen dieser Auseinandersetzung letztlich die Argumente Haiders als die schwächeren erweisen würden. Das Problem war, dass die größte und einflussreichste Zeitung des Landes, die Krone, Haiders Argumentation ständig gestützt hat.

Zurück zu Ihrer persönlichen Geschichte. Die Kalal-Mekis-Affäre, über die Sie gestolpert sind, führte Ihnen die eigene Fehlbarkeit vor Augen. Wie hat das Ihre Art, über andere zu urteilen, verändert?

Lingens: Meine Arbeit hat sich dadurch nicht verändert. Obwohl ich angeblich ein „Moralist“ war, habe ich auch vorher nie Leute wegen eines Fehlers verdammt. Aber natürlich war die Kalal-Affäre ein irrsinniger Einschnitt in mein Leben. Ich verdanke ihr einen Herzinfarktt und das Ende meiner Karriere in einer führenden journalistischen Funktion. Dazu kommt: Es gab und gibt in Österreich sehr wenige sogenannte moralische Instanzen, – ich war eine davon. Jemand, dessen moralisches Urteil Gewicht hatte. Diese Stellung habe ich durch mein Verhalten und den Prozess verspielt. Das ist nicht nur für mich schade.

Fühlen Sie sich heute völlig rehabilitiert?


Lingens: So etwas wird man nie ganz los.

Ihr Buch liest sich streckenweise wie eine Beichte, Sie gehen schonungslos mit sich ins Gericht. Sie klingen wie ein Katholik, der bekennen will.

Lingens: Also, ich bin sicher nicht katholisch. Aber ich glaube, dass man auch gegenüber sich selbst zu einem Höchstmaß an Ehrlichkeit verpflichtet ist.

Sie haben an der Angewandten studiert, schreiben Gedichte. Wären Sie lieber Maler oder Dichter geworden?

Lingens: Ich wäre gerne beides geworden – doch für mehr als drei, vier gute Bilder und Gedichte hat das Talent nicht gereicht. Ich denke, das Stilistische, das Sprachgefühl war zumindest für einen guten Journalisten ausreichend.

Wie gelingt es Ihnen heute, mit dem zunehmenden Bedeutungsverlust umzugehen?

Lingens: Ruhm, Macht, Geld waren mir nie rasend wichtig. Zeitungmachen dagegen sehr wohl. Keine Zeitung mehr zu machen fällt mir schwer. Das wird nur dadurch gelindert, dass ich ein Buch schreibe, ein Gedicht verfasse und ein erfülltes Familienleben führe.

Haben Sie manchmal Angst vor dem Tod?

Lingens: Nein. Auch wenn man nach zwei Herzinfarkten natürlich weiß, dass man den dritten vielleicht nicht überlebt. Es gibt da ein wunderschönes Zitat von Rilke: „Oh Herr, gib jedem seinen eigenen Tod / das Sterben, das aus jenem Leben geht / darin er Liebe hatte, Sinn und Not.“ Ich habe in meinem Leben Liebe, Sinn und Not gehabt. Daher wäre mir nichts entgangen, wenn sich der Bogen des Lebens etwas früher neigt.



Zur Person

Peter Michael Lingens, Jahrgang 1939, wurde als Sohn eines Wiener Ärzte-Ehepaars geboren. Seine Eltern waren überzeugte Linke, seine Mutter versteckte Juden vor den Nazis. Nach der Matura trat er in die Klasse für Malerei an der Angewandten ein. Nach Stationen bei der Arbeiter Zeitung und dem Kurier holte ihn Oscar Bronner 1970 zum neugegründeten profil. 1990 übernahm er die Österreich-Ausgabe der WirtschaftsWoche, 1993 wechselte er in die Chefredaktion des Standard

2009/08/12

Das Schweinegeschäft





Wie die Pharmaindustrie mit dem weltweiten Grippewahn Milliarden verdient

für Falter

Der Druck ist enorm. „Die Grippe kam praktisch über Nacht, und Fehler darf man sich keine leisten.“ Thomas Geiblinger wählt seine Worte mit Bedacht. Der Pressesprecher von Gesundheitsminister Alois Stöger wägt ab, warnt und beruhigt zugleich. Die Pandemie zu leugnen wäre sinnlos, sie zu beschwören gefährlich. Denn eines soll auf alle Fälle vermieden werden: „unbegründete Hysterie“.

Seit drei Monaten hat die Schweinegrippe die Welt fest im Griff. 153 Länder – darunter Österreich – sind bereits betroffen. 208.000 Menschen sind oder waren mit dem Virus infiziert. 1688 Menschen starben an den Folgen der Grippe. In Österreich gab es bis zu Wochenbeginn 192 Infektionen, aber noch keinen Todesfall. „Wir müssen aber davon ausgehen, dass auch hier Menschen an dem Virus sterben werden“, sagt Geiblinger.

Noch ist die Schweinegrippe aber nicht gefährlicher als jede andere saisonale Grippe. Jährlich sterben allein in Österreich etwa 1000 Personen an einer Influenza oder deren Folgen. Das ändert freilich nichts daran, dass täglich neue Schreckensmeldungen in den Medien auftauchen. Einer Fieberkurve gleich folgt auf jede Warnung eine sofortige Entwarnung. Hinzu kommen Berichte über Katakomben in England, die im Notfall zu Massengräbern umfunktioniert werden sollen. In Mexiko finden Fußballspiele vor verwaisten Rängen statt, und in Neuseeland werden Menschen, die glauben infiziert zu sein, gebeten, mit dem Auto vor dem Spital vorzufahren, mehrmals zu hupen, doch das Gefährt aus Sicherheitsgründen nicht zu verlassen.

„Es ist bis jetzt wie eine große Übung“, sagt Theresia Popow-Kraupp, Leiterin des nationalen Influenza-Centers der WHO in Wien. Eine Übung für den Fall, dass irgendwann ein Virus auftaucht, das nicht nur ansteckend wie die Schweine-, sondern auch tödlich wie die Vogelgrippe ist.

Doch von dieser „Übung“ profitiert derweil vor allem die Pharmaindustrie. Kein Staats- und Regierungschef möchte als jener in die Geschichte eingehen, der weder Medikamente noch Impfstoff vorrätig hatte, als es darauf ankam. „Die Regierungen setzen einander unter Druck, indem sie Impfvorräte in unterschiedlichem Ausmaß bestellen“, sagt Geiblinger.

Im Herbst sollen die Staaten mit den heißbegehrten Impfstoffen, auch Vakzine genannt, beliefert werden können. Die österreichische Bundesregierung hat mit Baxter schon vor Jahren einen Vorvertrag für 16 Millionen Impfdosen abgeschlossen. Novartis und GlaxoSmithKline haben den Deutschen zugesagt, im Ernstfall 160 Millionen Dosen zur Verfügung zu stellen. Die Franzosen haben Vakzine im Wert von einer Milliarde Euro geordert. Und die USA haben Pharmafirmen bereits 660 Millionen Euro überwiesen, weitere 880 Millionen Euro sollen folgen. Novartis verhandelt nach eigenen Angaben mit mehr als 35 Regierungen über Lieferungen im Herbst.

Aber auch ein Verkaufsschlager aus dem Jahre 2005 feiert sein Comeback: Tamiflu. Das Pharmaunternehmen Roche konnte seinen Umsatz mit dem Grippemedikament im ersten Halbjahr bereits verdreifachen. Immerhin hatte die WHO zuvor empfohlen, für 20 Prozent der Bevölkerung Grippemittel bereitzuhalten. Schon zum Höhepunkt der Vogelgrippe ließ das Mittel die Kassen klingeln. Damals investierte US-Präsident George Bush auf Anraten seines Verteidigungsministers Donald Rumsfeld in ein Vorsorgeprogramm für 3,8 Milliarden Dollar. „Rumsfeld war bis 2001 Aufsichtsrat und Miteigentümer der Biotechfirma Gilead Sciences. Jener Firma, die Tamiflu entwickelte, ehe Roche 1996 die Rechte zur Herstellung gekauft hat“, schreibt der renommierte österreichische Gesundheitsjournalist Martin Rümmele.

Egal ob Schweine- oder Vogelgrippe, auch dieses Mal soll Tamiflu im Kampf gegen das Virus helfen. Unter Experten gilt das Medikament bereits als Chiffre für einen Verkaufsschlager, der einer strauchelnden Industrie zuverlässige Gewinne beschert. Denn seit den 80er-Jahren werden Kassenschlager immer seltener. Medikamente werden oft nur noch im Detail geändert, um Kosten zu sparen. „Der Großteil neuer Pillen sind keine teuren Innovationen“, sagt Rümmele im Gespräch mit dem Falter. Zwischen 1998 und 2003 seien in den USA etwa 487 Medikamente auf den Markt gekommen. Die nationale Gesundheitsbehörde stufte 78 Prozent davon als nicht besser ein als bereits vorhandene Produkte.

Auch Tamiflu war nicht das erste Medikament seiner Art. Unter anderem führten auch gut vermarktete Studien zum Erfolg. Der Grazer Public-Health-Experte Martin Sprenger kam in einer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass von 17 Studien über den Tamiflu-Wirkstoff Oseltamivir, die im Zeitraum zwischen 1999 und 2005 erschienen, ganze zehn Studien direkt von Roche gesponsert waren. Bei weiteren vier war das Unternehmen indirekt beteiligt, und nur bei drei Studien habe es keinen Interessenkonflikt gegeben.

Claudia Wild ist Expertin am Ludwig Boltzmann Institut für Health Technology Assessment in Wien. Sie sagt, dass die Wirkung der Behandlung einer normalen Grippe mit Medikamenten wie Tamiflu in keinerlei Verhältnis zu den Kosten stehe. Die Symptomdauer ließe sich um höchstens einen halben bis zwei Tage verkürzen. Auch zum Thema Impfstoff fällt Wild nicht viel Positives ein: „Noch weiß niemand, wie wirksam die Impfstoffe sein werden.“ Der Blick in die Vergangenheit zeige aber, dass Länder mit sehr hoher Durchimpfungsrate wie die USA dieselbe Sterblichkeit aufweisen würden wie Länder mit geringer Durchimpfungsrate wie Österreich.

Den österreichischen Sozialmediziner Michael Kunze hält dies freilich dennoch nicht davon ab, auf einer Pressekonferenz zu erklären: „Natürlich würde ich mich impfen lassen.“ Vier Jahre zuvor empfahl Kunze, Tamiflu für alle Familienmitglieder „vorrätig“ zu haben. Der Haken: Kunze wurde damals von der Regierung beauftragt, einen Pandemieplan auszuarbeiten. Ebendieses Tamiflu, das später teuer eingekauft wurde, lagert noch heute millionenfach in Bunkern des Bundesheeres – gemeinsam mit nie verwendeten Grippeschutzmasken. „Natürlich profitiert die Industrie von so einer Grippe“, sagt Kunze, doch im Laufe der Jahre würde man gegen solche Vorwürfe immun.

Auch Roche tritt den Vorwürfen im Zusammenhang mit Tamiflu gelassen entgegen. Die Pressestelle verweist unter anderem auf die WHO, welche das Medikament als wirksam gegen das Virus bezeichnet hat. Darüber hinaus könne man nicht von Profitgier sprechen, wenn ein Unternehmen ein wirksames Medikament gegen eine „potenziell schwere Infektionskrankheit“ zur Verfügung stellt. Außerdem habe man seit 2005 insgesamt zehn Millionen Packungen an die WHO gespendet.

Für den Wiener Medizinsoziologen Wolfgang Dür steht dennoch fest: „Die Mediziner haben sich in der Vergangenheit mit der Industrie ins Bett gelegt. Das Resultat ist eine massive Vertrauenskrise.“ Für den Laien seien nur noch Bauchentscheidungen möglich. „Solange Experten nicht in aller Öffentlichkeit mit Mundschutz rumlaufen, ist eine rationale Entscheidung nicht mehr möglich.“ Denn ihre Glaubwürdigkeit sei längst verspielt. Dem möchte Kunze gleich mit gutem Beispiel entgegentreten: „Ich habe Tamiflu und Relenza zuhause. Und um Ihrer Frage zuvorzukommen: Ich hab beide gekauft und nicht geschenkt bekommen.“


bild flickr.com von mugley

2009/07/15

Friss Vogel, oder stirb, sprach der Verleger


In der Zeitungsbranche geht’s rund. Die Verlage lagern aus und umgehen Verträge. Droht das Ende der Meinungsfreiheit?


mit Andreas Bachmann für Falter



Herbert Geyer ist erschöpft. Seit Wochen herrscht im Haus der Tageszeitung Wirtschaftsblatt, bei der er als Journalist arbeitet, Ausnahmezustand. Seit dem 25. Juni ist eine „permanente Betriebsversammlung“ einberufen. Das heißt, die Belegschaft kann jederzeit die Arbeit niederlegen und sich beraten, wie der Arbeitskampf mit der Betriebsführung der zur Styria-Verlagsgruppe gehörenden Tageszeitung weitergeführt werden soll. Der Betriebsratschef Geyer spricht von einem „konzernweiten Streik“ als letzter Waffe. Grund für den Aufstand: Vor knapp drei Wochen präsentierte Wirtschaftsblatt-Geschäftsführer Hans Gasser rigorose Sparpläne, um die Anzeigenkrise in den Griff zu bekommen, in der sich das Blatt befinde. Kurz davor hatte der Betriebsrat der Geschäftsführung noch Vorschläge unterbreitet, um in wirtschaftlich schweren Zeiten „einen gemeinsamen Weg aus der Krise zu finden“.

Die Wirtschaftsblatt Verlag AG soll ab 1. Oktober in vier Tochterfirmen gegliedert werden. 60 von rund 80 Mitarbeitern sollen in der Wirtschaftsblatt Agentur GmbH angestellt werden und Zeitung sowie Onlineauftritt mit Inhalten beliefern. Bezahlt werden sie dabei allerdings nicht mehr nach Kollektivvertrag (KV) für Journalisten, sondern nach dem für Verleger günstigeren Gewerbe-KV. Darüber hinaus sollten die Mitarbeiter „freiwillig“ auf fünf bis zehn Prozent ihres Gehalts verzichten – zumindest bis Montag dieser Woche. Da ruderte die Geschäftsführung zurück. Man sei zu der Auffassung gelangt, dass man die für einen freiwilligen Gehaltsverzicht erhoffte Zustimmung von 70 Prozent der Betroffenen nicht erreichen werde, so Vorstandsvorsitzender Hans Gasser zur APA. Am Vorhaben, die Redakteure des Wirtschaftsblatts in einen kostengünstigeren Kollektivvertrag auszugliedern, hält er weiter fest.

So wie Geyer geht es derzeit vielen Betriebsräten von Medienhäusern in ganz Österreich. Seit geraumer Zeit gründen ihre Vorgesetzten in den Verlagen neue Gesellschaften, um in Zeiten des Internets „eine Bresche in die Zukunft zu schlagen“, sagt Horst Pirker, Vorstandvorsitzender des Styria Verlags. Nebeneffekt: Journalisten werden nach dem deutlich günstigeren Gewerbe-KV oder auch dem KV für Werbung und Marktkommunikation angestellt. Nach Gewerbetarif bezahlt werden bisher Berufsgruppen wie Steinmetze, Augenoptiker und Hörgeräteakustiker und – geht es nach den Verlegern – in Zukunft auch Journalisten. Ihnen ist es inzwischen schlicht zu teuer geworden, nach Journalisten-KV zu bezahlen. Dazu sei dieser Vertrag auch noch gespickt mit Privilegien und in Zeiten des digitalen Wandels nicht mehr zeitgemäß. „Die Zeit, in der wir uns solche Standards leisten können, ist eindeutig vorbei“, sagt Styria-Chef Pirker. Die Differenz zwischen Gewerbe-KV und Journalisten-KV bezogen auf die Gesamtkosten für das Unternehmen, dürfte im Verlauf der ersten sechs Jahre einer Anstellung rund 60.000 Euro pro Vertrag betragen, behaupten betroffene Journalisten. Kosten, die sich ein Verlerger spart. Von Vorarlberg über Graz bis Wien entstanden so im vergangenen Jahr neue Gesellschaften wie die Content Engine des Styria-Konzerns, das Moho News Center der Moser Holding (Tiroler Tageszeitung) oder die VOL Live GmbH des Vorarlberger Medienhauses (Vorarlberger Nachrichten). Auch bei der Austria Presse Agentur wurde sehr zum Unmut der Mitarbeiter vor kurzem beschlossen, freie und neuangestellte Mitarbeiter in Zukunft nur noch nach Gewerbetarif zu entlohnen. Der Hintergrund ist klar: Als Genossenschaft gehört die APA den Verlagen und somit auch der Styria-Gruppe.

Der zunehmende Konflikt zwischen Journalisten und Gewerkschaft auf der einen sowie Verlegern auf der anderen Seite wirft Fragen danach auf, wie Journalismus in Zeiten der Wirtschaftskrise und des Internets künftig organisiert werden kann und soll und welchen Preis Verleger dafür zu zahlen bereit sind. Seit April verhandelt der Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) und die Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier (GPA-djp) über einen neuen Kollektivvertrag, der die zunehmende Flucht der Verleger aus tariflichen Bindungen stoppen und eine Vereinbarung für alle Journalisten schaffen soll. Schätzungen der Gewerkschaft zufolge sind nur mehr rund ein Drittel aller 7100 in Österreich tätigen Journalisten nach dem Tarifvertrag ihres Berufsstands angestellt. Daneben gibt es eine große Zahl freier Journalisten. „Mehr als der Hälfte der frei Beschäftigten würde eigentlich ein Kollektivvertrag zustehen“, sagt der oberste Journalistengewerkschafter Franz C. Bauer. Auch aus diesem Grund wurde beim ÖGB-Bundeskongress Anfang Juli ein Leitantrag der GPA angenommen, das Berufsbild des Journalisten im Kollektivvertrag neu zu definieren, der auf das Jahr 1928 zurückgeht.

Bislang sind die Fronten verhärtet. „Der Ball liegt bei der Gewerkschaft“, sagt Hermann Petz, Geschäftsführer der Tiroler Moser Holding, zum Stand der Verhandlungen. Schon Ende April hätten die Verleger der Gewerkschaft einen Vertragsentwurf vorgelegt. „Stimmt, der Ball liegt tatsächlich bei mir“, entgegnet Gewerkschafter Bauer. Dass er noch nicht zurückgepasst und die Gewerkschaft die Verhandlungen unterbrochen hat, liege aber an der Gegenseite. „Man verlangt von uns, über einen neuen KV zu verhandeln und gleichzeitig werden von unserem Gegenüber bestehende Verträge permanent gebrochen“, sagt Bauer. „Das läuft auf einen Arbeitskampf hinaus.“ Bauer sieht durch die gegenwärtigen Entwicklungen vor allem die innere Meinungsfreiheit des einzelnen Journalisten in Gefahr. „In einem gewerblichen Kollektivvertrag wird auf keinerlei redaktionelles Umfeld Rücksicht genommen. Was soll Journalismus denn für ein Gewerbe sein?“ Ein ganz normales, sagen die Verleger. „Medienunternehmen unterscheiden sich nicht von anderen Unternehmen“, sagt Horst Pirker von der Styria-Verlagsgruppe.

Der Journalisten-KV regelt nicht nur das 15. Monatsgehalt. Kündigungs- und Abfertigungsregeln sollen die „innere Meinungsfreiheit“ garantieren, betont Bauer. Für ihn steht fest: „Das ist ein Krieg gegen den Journalismus. Die Verleger wollen sich anscheinend selbst nicht eingestehen, dass sie dabei sind, einen ganzen Berufsstand abzuschaffen.“ Er bereite jedenfalls „gerichtliche Schritte“ gegen die Content Engine der Presse vor, die er als „eine ähnliche, völlig inakzeptable Flucht aus dem Kollektivvertrag“ bezeichnet. Die Content Engine ist eine unter dem Dach der Tageszeitung Die Presse angesiedelte Agentur, die Print-, Online- und Fotoredaktion mit Inhalten beliefert. Die dort arbeitenden Mitarbeiter werden nach Gewerbetarif bezahlt. Wer dagegen klage, der „klagt gegen die Zukunft“, pflegt Verlagsgruppenchef Pirker auf solche Drohungen zu entgegnen. Er sieht keinen Unterschied zwischen einem Journalisten und einem Augenoptiker. Daher könne auch für beide derselbe KV gelten: „Journalisten sind normale Menschen wie andere Menschen auch und keine seltenen Tiere.“ Daher sei es auch nicht zwingend notwendig, mit einem neuen Kollektivvertrag mehr Leute einzustellen. „Denn man kann auch mit weniger Personal mehr Qualität erzeugen.“

Was Journalismus für die Gesellschaft leisten soll, darüber gehen die Meinungen auseinander. Das fange aber schon beim Leser an, sagt der Medienwissenschaftler Matthias Karmasin. „Der kann kaum unterscheiden, ob Qualität da ist oder nicht.“ Das würden die Verleger derzeit ausnutzen. „Die können den Betrieb runterfahren, ohne dass es sich auf die Leserzahlen auswirkt“, sagt Karmasin. Ob eine Zeitung aus Vorarlberg und eine aus der Steiermark den wortgleichen Artikel abdruckt, merkt kaum ein Leser. Ob von einem innenpolitischen Ereignis nur mehr ein Journalist und nicht zwei berichten, macht möglicherweise schon einen Unterschied. „Da geht es um Qualität von Öffentlichkeit. Die kann man nicht schrankenlos nach unten nivellieren“, sagt Karmasin. Dass es dennoch geschehe liege auch im Versagen der Medienpolitik begründet, „die nicht die Frage stellt, ob wir wollen, dass dort Menschen arbeiten, die heute einen PR-Artikel, morgen eine Beilage und übermorgen mal einen politischen Leitartikel schreiben“. Dass der Berufsstand des Journalisten besonderer Schutzmechanismen bedürfe, darüber sind sich der Medienwissenschaftler und der Gewerkschafter einig. „Wir haben eine spezielle Arbeitssituation. Journalismus hat eine große Bedeutung für die Demokratie und trägt dazu bei, Missstände aufzudecken“, sagt Bauer. Kann schon sein, sagen die Verleger, aber mit dem Kollektivvertrag habe das nichts zu tun. „Der KV ist sicher keine Voraussetzung für Qualitätsjournalismus“, sagt Eugen Russ vom Vorarlberger Medienhaus und verweist auf die USA, Großbritannien und die Schweiz. Länder, in denen es keinen KV für Journalisten gibt, aber „genügend Beispiele für hervorragenden Journalismus“. Dass es dem Medienzaren aus dem Ländle um Qualität geht, glaubt Gewerkschafter Bauer nicht. „Den Herren interessieren Journalisten nicht. Den Herrn Russ interessieren nur Kostenstellen“, unterstellt er.

In der Branche herrscht Unsicherheit darüber, welche Rechte und Pflichten und welche Gesetze in welchem Ausmaß für welchen Vertrag Gültigkeit besitzen. „Sicher ist, dass das Journalistengesetz unabhängig vom KV gilt“, sagt Hannes Schneller, Experte der Arbeiterkammer (AK). Selbiges gelte auch für Haftungsfragen. Auch daran würde sich mit dem KV-Wechsel nichts ändern. Dennoch erwägt die AK, gemeinsam mit der Gewerkschaft ein besonderes Feststellungsverfahren beim Obersten Gerichtshof zu erwirken, „um die Gültigkeit dieser Kollektivverträge überprüfen zu lassen“. Währenddessen dauert die permanente Betriebsversammlung beim Wirtschaftsblatt weiter an. Doch Geyer scheint zu ahnen, dass die Lösung des Problems Zugeständnisse beider Parteien bedarf: „Aber die bloße Tatsache, dass man glaubt, mit uns Journalisten umgehen zu können wie mit Masseuren, verrät einen gewissen Geist, mit dem die Verleger uns Journalisten gegenübertreten.“

2009/07/08

Musikvideos aus Kaffeehaus und Waschsalon

Die Macher von They Shoot Music drehen No-Budget-Videos von in Wien gastierenden Musikern und stellen diese ins Netz


Drei Schweden stehen verloren vor dem Radiokulturhaus in der Argentinierstraße. Peter, Bjorn und John von der gleichnamigen Band haben eine FM4-Session hinter sich und müssen gleich weiter in die Arena, wo sie am Abend ein Konzert spielen. Für die Videos bleibt kaum Zeit. Doch Michael Luger und Simon Brugner sind es gewohnt zu improvisieren. Seit eineinhalb Jahren betreiben sie gemeinsam mit zwei Freunden das Musik- und Geoblog They Shoot Music ( www.theyshootmusic.at).

Die Idee solcher Blogs ist nicht neu: Die Ersten, die ihre Aufnahmen ins Netz stellten, waren Franzosen ( www.takeawayshows.com), es folgten die Wiener Black-Cab-Sessions ( www.blackcabsessions.com) und ähnliche Projekte in Australien und in den USA ( www.pitchfork.com/tv).

Für They Shoot Music werden Musiker, die in Wien Station machen, gefilmt, wie sie fernab von durchinszenierten Musikvideos ihre Songs interpretieren. Als Bühne dient dabei das nächstgelegene Café, ein Waschsalon oder ein Gehsteig in der Argentinierstraße.

Über 70 Filme sind auf der Webseite bereits abrufbar. Auf einer Karte werden jene Schauplätze markiert, an denen die No-Budget-Handkamera-Videos entstanden sind. Zu sehen und zu hören sind etwa: Eva Jantschitsch im Backstagebereich des Porgy & Bess, Vic Chesnutt auf dem Dach der Urania oder Antifolkmeister Dufus in einer Unterführung nebst dem Wiener Wurstelprater.

„Wir wollen die musikalischen Klischees, mit denen Wien verbunden wird, durchbrechen“, sagt Luger. „Daher die Kombination aus Musik- und Geoblogging. Die Stadt wird auf einer musikalischen Ebene abseits von Mozart neu erfahrbar.“ Neben den Videos werden die Schauplätze selbst beschrieben. So entsteht ein Klangporträt Wiens.

Dabei kommt es auch zu berührenden Momenten, etwa wenn Singer/Songwriter Daniel Johnston inmitten eines bis an die Decke angeräumten Comicgeschäfts auf dem Boden sitzt und verschiedene Kisten nach wertvollen Heften durchwühlt. Das sei das Schöne an seiner Tour, erklärt Johnston schelmisch, so komme er in unzählige Comicläden auf der ganzen Welt. Kurz darauf singt der übergewichtige Liedermacher zwischen Super- und Batmanfiguren einen Song mit dem Titel „There Is a Sense of Humour Way beyond Friendship“.

2009/06/24

Der neue Riese






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Styria-Boss Horst Pirker schluckt die Moser Holding und will Österreich vor der Mediaprint retten. Doch wer rettet uns vor ihm?


Bericht: Martin Gantner, Michael Weiß

für Falter



Franz C. Bauer argumentiert wie jemand, der es gewohnt ist, in Verhandlungen die eigene Position so lange zu wiederholen, bis sie jeder am Verhandlungstisch als seine eigene bezeichnen würde. Doch in einer Sache scheint sich der Chef der Journalistengewerkschaft im Moment selbst nur bedingt zu glauben: „Wir befinden uns in einer Situation, in der man sich beinahe wünschen muss, dass es einen ebenbürtigen Akteur neben der Mediaprint gibt. Das ist verrückt, schließlich ist der Zusammenschluss von Moser Holding und Styria AG per se nicht wünschenswert.“ So wie dem Bauer geht es derzeit vielen Experten in Österreich: An mehreren Fronten kündigt sich der wohl größte Umbruch in der Medienlandschaft seit mehreren Jahrzehnten an, und keiner weiß so recht, was davon zu halten ist.

Eine große Veränderung betrifft die Quasiübernahme der Moser Holding (Tiroler Tageszeitung) durch die Styria AG (Presse, Wirtschaftsblatt und Kleine Zeitung). Der Zusammenschluss (Arbeitstitel: Regionalmedien Holding AG, siehe Grafik) dürfte aller Voraussicht nach das zweitgrößte Medienunternehmen des Landes nach dem ORF mit einem Umsatz von 707 Millionen Euro und knapp 4530 Mitarbeitern hervorbringen. Dieser Deal wirft unzählige Fragen auf – wie jene, ob am Ende dieser Konzentrationsbewegung nicht mehr, sondern weniger Medienvielfalt stehen könnte. Oder ob es kleinere, regionale Zeitungen wie Oberösterreichische oder Salzburger Nachrichten künftig noch schwerer haben werden, am Anzeigenmarkt neben Mediaprint und der neuen Styria-Moser-AG zu reüssieren. Eine überbordende Marktmacht der Großen könnte es für Kleine immer schwieriger machen, Anzeigen zu verkaufen und Zeitungen zu drucken und auch zu vertreiben. „Das heißt, dieser Zusammenschluss muss zumindest mit Auflagen geschehen – wie Arbeitsplatzgarantien und Sicherung der Medienvielfalt“, sagt Bauer. Oliver Voigt, Chef des News-Verlags sieht das ähnlich: „Wir hatten nach der Fusion von News- und Profil-Gruppe (2001, Anm. d. Red.) ganz klare Auflagen. Es gab etwa über Jahre eine Titelgarantie. Die Frage ist, mit welchen Vorgaben man solch einen Zusammenschluss begleitet.“

Ein Sprecher der Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) versichert, dass dieser Aufforderung ohnedies nachgekommen würde: „Es wird geklärt werden, ob es durch den Zusammenschluss zu einer Gefahr für die Medienvielfalt kommen kann oder nicht. Darüber hinaus müssen Styria und Moser nachweisen, dass nach dem Zusammenschluss keine Marktmacht vorliegt.“ Doch bislang haben weder Horst Pirker, Vorstandsvorsitzender der Styria, noch Hermann Petz, Geschäftsführer der Moser Holding, genaue Pläne für die Fusion bei der Behörde eingereicht. Fest steht nur, dass sich die Moser Holding komplett und die Styria nur mit ihren regionalen Aktivitäten in die neue AG einbringen wird. Dennoch werden Petz und Pirker nicht müde zu betonen, dass es sich bei der Übernahme um ein „partnerschaftliches Modell“ handelt, „das offen für weitere Partner“ sei.

Überhaupt geht es Pirker nach eigenen Ansagen um Grundlegendes: In einer Aussendung verkündete er, er wolle „ein glaubwürdiges Gegengewicht zur demokratiepolitisch belastenden Dominanz von Kronen Zeitung und Mediaprint bilden“. In einem Interview mit der Presse ergänzt Petz: „Unser Gegengewicht versteht sich als eine Gruppe selbstständiger Regionalmedien, die alle Seiten zu Wort kommen lässt.“ Auch wenn dies schon in naher Zukunft immer weniger Seiten werden könnten. Schließlich hat Pirker bereits angekündigt, dass alle Unternehmensbereiche auf Einsparungspotenziale hin durchleuchtet werden. Jobs sollen dort eingespart werden, wo es zu Doppelgleisigkeiten kommt. Man werde über den gleichen VW-Polo nicht mehr zwei „Geschichten“ schreiben, sondern künftig nur noch eine. Wie Petz erklärt, ist diese Strategie sogar in der Politik denkbar. Die Medienvielfalt ist in seinen Augen dadurch nicht in Gefahr.

In der Wiener Praterstraße, wo die BWB untergebracht ist, verfolgt man derartige Aussagen sehr aufmerksam: „Alles, was in Richtung Monopol oder Duopol geht, wird von uns genau überprüft werden.“ Doch Pirker und Petz scheinen sich ihrer Sache bereits sehr sicher zu sein. Ihr Argument: Aufgabe der BWB und des Kartellgerichts könne es nicht sein, die weltweit einzigartige Stellung der Krone abzusichern und eine Alternative und Konkurrenz im Bereich der Anzeigen zu verhindern. Bleibt die Frage, ob es Aufgabe des Gerichts sein kann, der Bildung eines ähnlich dominanten, voraussichtlich noch größeren Medienunternehmens als der Mediaprint zuzustimmen.

Einmal waren Petz und Pirker mit ihrem demokratiepolitischen Argument vor dem Kartellgericht schon erfolgreich: Seit April diesen Jahres arbeiten sie im Bereich der Gratiswochenzeitungen eng zusammen. Der sogenannte Gratiszeitungsring deckt fast das gesamte Bundesgebiet ab: 118 verschiedene Titel mit einer Auflage von 3,3 Millionen Stück versorgen wöchentlich vier Millionen Leser mit Nachrichten. Zum Vergleich: Die Krone erreicht am Wochenende rund drei Millionen Leser. Schon im Fall des Zeitungsrings äußerte die BWB Bedenken, dass auf dem Anzeigenmarkt ein Marktteilnehmer zu entstehen drohe, der allen anderen Mitbewerbern weit überlegen sein könnte. Das Kartellobergericht teilte diese Sorge nicht. Der Zeitungsring wurde ohne jegliche Auflagen genehmigt.

Zeitpunkt und Tempo, mit welcher die neue Styria-Moser-AG nun gegründet werden soll, kommen nicht von ungefähr: Petz und Pirker wollen die Fusion offenbar umsetzen, ehe ihnen ihr stärkstes Argument dafür, die marktbeherrschende Stellung der Mediaprint, abhanden kommen könnte. Deren Zukunft ist alles andere als gewiss. Seit Jahren versucht Krone-Herausgeber Hans Dichand seinen Hälfteeigentümer, die deutsche WAZ, aus der Zeitung hinauszudrängen. So nah wie jetzt war er diesem Ziel noch nie. Schon im Herbst könnte die WAZ, der auch knapp die Hälfte des Kurier gehört, die Krone verlassen. Darüber hinaus hat Dichand immer wieder betont, dass ihm die 70 Prozent der Gewinne der Mediaprint, die an die Krone gehen, zu wenig seien. Möglich also, dass sich die „demokratiepolitisch belastende Dominanz“ der Mediaprint bald von selbst erübrigt und Dichand mit der Kronen Zeitung unterm Arm die Mediaprint verlässt. Pirkers Argument verlöre dadurch vor dem Kartellgericht deutlich an Gewicht.

Worum also geht es Petz und Pirker, wenn nur vordergründig um eine Demokratisierung der Medienlandschaft? Andy Kaltenbrunner vom Medienhaus Wien sieht medienökonomische Gründe für den Zusammenschluss: „Die neue Gesellschaft bietet eine zukunftsfähige Perspektive: Moser und Styria verfügen mit Tiroler Tageszeitung und Kleiner Zeitung über stark verankerte regionale Marken, was in Zukunft immer wichtiger wird. Außerdem sind sie im Verbund ökonomisch schlagkräftiger.“ Dass die Styria mit ihrem Vorgehen gleichsam die gesamte Medienlandschaft demokratisiert, sieht Kaltenbrunner etwas sachlicher: „Pirker sollte die Kirche im Dorf lassen. Ob er Einsparungseffekte tatsächlich dazu verwenden wird, um für mehr publizistische Vielfalt und Qualität zu sorgen, ist erst einmal zu beweisen.“ Voigt ergänzt: „Man muss nüchtern sehen, dass mit großen Konglomeraten Meinungsvielfalt nicht automatisch vergrößert wird. Die Meinungsvielfalt kann im Worst Case sogar zurückgehen, wenn Marktteilnehmer miteinander verschmelzen.“

Kaltenbrunner ist davon überzeugt, dass vor allem Salzburger und Oberösterreichische Nachrichten durch den Deal stärker gefordert sind. „Die neue Gesellschaft kann stärker Druck auf den Anzeigenmarkt machen. Der ist ja nicht nur regional.“ Voigt: „Die große Gefahr besteht darin, dass aggressive Anzeigenpreise eingeführt werden. Davon wären nicht nur der News-Verlag, sondern auch die Krone, der ORF und andere betroffen.“ Auch Standard-Geschäftsführer Wolfgang Bergmann empfindet die geplante Fusion als Gefahr: „Man muss sich fragen, welche Position sich für die Styria als Gesamtunternehmen ergibt. Ich rechne damit, dass die finanziellen Einbußen auch dafür verwendet werden, die Presse bei ihren Angriffen auf den Standard zu unterstützen.“

In den nächsten Jahren werden die Karten in der Medienlandschaft neu gemischt. Davon sind die meisten Branchenkenner überzeugt. Daran, dass sich Eigentümerstrukturen schon bald quer durch die Medienhäuser verändern könnten, zweifelt kaum jemand mehr. Es sind Gerüchte und „unterschiedliche Varianten“, die zurzeit unter Journalisten die Runde machen. Sie reichen von einer neuen Zeitung für Wien bis hin zu einer Übernahme der WAZ-Anteile an der Kronen Zeitung durch den Raiffeisen-Konzern, der ohnehin schon zahlreiche Beteiligungen am gesamten österreichischen Medienmarkt hat. Auch Pirker scheint nicht genug zu haben: Für den Fall, dass die WAZ auch beim Kurier aussteigen sollte, hat er sein Interesse bekundet. Dass ihn Macht nicht interessiert, wie Pirker immer wieder betont, glaubt in der Branche kaum jemand mehr. Christian Rainer, Chefredakteur des Profil: „Ich glaube Pirker genauso wenig wie Dichand, dass ihn Macht nicht interessiert. Über Macht verfügt auch der Styriaboss – und zwar über Marktmacht, die ihm die Möglichkeit gibt, politische Inhalte zu beeinflussen. Das fängt an bei der Frage, ob man Besteuerungsmöglichkeiten in Österreich verändern kann, reicht über die Frage, ob Fusionen ermöglicht werden können, bis hin zur Ausgestaltung von Vertriebssystemen.“ Für die Kleinen wird es jedenfalls schwierig. Bergmann sieht seinen Standard schon jetzt als ein „gallisches Dorf“, das, selbst wenn es wollte, nirgends mehr Anschluss finden wird. „Wo auch? Sollen wir die letzten Reste zusammenklauben?“

bild flickr.com von just.Luc

2009/06/10

Die stille Revolution






Die Notebooks werden zum ständigen Begleiter. Ihre rasante Verbreitung hebt auch die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit auf

für Falter


Der Mann an der Buchausgabe der Österreichischen Nationalbibliothek zuckt angesichts der genervten Studentin unbeholfen mit den Schultern. „Tut mir leid, aber das Internet muss überlastet sein.“ Die Funkverbindung ist unterbrochen. Das Problem sind die zu vielen Studierenden, die alle gleichzeitig eines wollen: surfen – um zu lernen, um sich abzulenken oder um zu arbeiten. Die Welt dieses Bibliothekars besteht aus Lexika, Signaturen, Zettelkästen und Katalogen, mit Laptops, die ihren Weg ins Internet nicht finden und mit überlasteten Leitungen möchte er möglichst nichts zu tun haben. „Bitte wenden Sie sich an den Informationsschalter. Wir sind hier nur die Entlehnung und Buchrückgabe“, sagt er schon fast flehend.

Ob es dem Bibliothekar nun recht ist oder nicht, die vielzitierte digitale Revolution findet statt. Keine fünf Meter von der Buchrückgabe entfernt, hinter einer Glasschiebetür, kann man inmitten der größten Bibliothek Österreichs beobachten, wie sich unsere Gesellschaft in wenigen Jahren bereits verändert hat, und erahnen, wie sie sich weiter verändern wird: Zur Mittagszeit ist der große Lesesaal voll mit Studenten. Fast vor jedem der 200 Besucher steht ein technisches Gerät: größere Notebooks, mittelgroße Sub-Notebooks und die noch kleineren Netbooks. Daneben das Handy. Über allem das leise Surren der Prozessoren. So oder so ähnlich sehen die großen Bibliotheken der Ersten und Zweiten Welt heute aus – ganz gleich ob in Wien, Paris, Belgrad oder Tokio. Hier treffen Buchdruck- und Computergesellschaft aufeinander.

Noch vor 2004 gab es in der Nationalbibliothek einen eigens abgetrennten kleinen Raum, der ausschließlich für Computertätigkeiten vorgesehen war, erzählt Ingrid Tanzberger vom Informationsschalter. Besucher, die ungestört Bücher lesen wollten, sollten von Computerbenutzern nicht belästigt werden. Jene Spezies Bibliotheksbenutzer ist heute ein Exot, und die Beschwerden über das Laptopsurren und die Tippgeräusche werden seltener. Sogar die Nationalbibliothek selbst hat längst begonnen, ihre Bestände zu digitalisieren. Künftig werden neben historischen Zeitungen, Plakaten und Tonträgern etwa auch die Inhaltsverzeichnisse wissenschaftlicher Sammelwerke und die Webseiten von österreichischen Nachrichtenseiten gespeichert.

Doch Notebook-Besitzer prägen nicht nur das Bild an den Bibliotheken, auch aus Kaffeehäusern, Hörsälen, Zügen oder Parks sind arbeitende Jungunternehmer, vielbeschäftigte Geschäftsleute oder spielende Jugendliche nicht mehr wegzudenken. Rund 70 Prozent der österreichischen Haushalte verfügen über Breitbandanschluss, und knapp 30 Prozent der Bevölkerung nutzen mobiles Internet. Tendenz steigend. Dadurch und durch den raschen technologischen Wandel ist die Wahrscheinlichkeit, dass die kleinen Rechner im öffentlichen Raum noch präsenter werden, ausgesprochen groß. Zwar glaubt das Marktforschungsinstitut Gartner aus den USA, dass die gegenwärtige Wirtschaftskrise auch an der Computerindustrie nicht spurlos vorübergehen wird, dennoch sind die Absatzzahlen nach wie vor enorm: Das Institut rechnet für 2009 mit 257 Millionen verkauften Computern weltweit. Die Hoffnungen der IT-Branche ruhen auf mobilen Endgeräten, also vor allem auf Notebooks und den noch kleineren und deutlich billigeren Netbooks. Gerade Letztere erlebten im Vorjahr trotz oder gerade wegen der kleinen Bildschirmgröße (bis zu zehn Zoll) und des im Vergleich günstigeren Preises (zwischen 300 und 600 Euro) einen regelrechten Boom. Weltweit wurden zwölf Millionen solcher Netbooks verkauft. 2009 könnten es nach Einschätzungen der Experten bereits fast doppelt so viele sein.

Der Traum einer Wissensgesellschaft scheint mit Riesenschritten Realität zu werden. Wissen ist – zumindest in der Theorie – für jedermann jederzeit verfügbar. Doch ist eine Gesellschaft, die ständig kommuniziert, auch gezwungenermaßen eine klügere Gesellschaft? Oder aber macht die Vielzahl möglicher Kommunikationen – E-Mail, Twitter, Foren und Facebook – produktives Arbeiten und somit Wissen immer unwahrscheinlicher und uns selbst zu Knechten eines nie enden wollenden Kommunikationsstroms, dem sich zu entziehen immer schwerer fällt?

Der Blick in einen Hörsaal an der TU Wien bietet eine mögliche Antwort auf diese Fragen. Bereits mehr als die Hälfte der Studenten verfügt über Note- oder Netbook, um sich während der Vorlesungen Notizen zu machen, Unklarheiten zu beseitigen oder einfach nur um zu surfen. Peter Purgathofer lehrt am Institut für Gestaltungs- und Wirkungsforschung an der Technischen Universität Wien. Er weiß, dass ein Notebook allein einen Studenten noch nicht zwingend gescheiter machen muss: „Wir haben festgestellt, dass viele Studenten ihr Notebook mit in den Hörsaal nehmen, in der Hoffnung, es sinnvoll nutzen zu können. Das Problem: Es fehlte bislang an Angeboten, wie das funktionieren kann.“ Er entwickelte daher ein System, das es den Studierenden ermöglicht, in Echtzeit seine Folien öffentlich oder privat zu kommentieren, zu erweitern und später wieder darauf zurückzugreifen. „Das Ergebnis geht meist weit über das hinaus, was in der Vorlesung vorgetragen wurde. Schließlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass es unter meinen Studenten auch Leute gibt, die von dem, was ich gerade vortrage, in manchen Bereichen mehr verstehen als ich, sehr groß.“ Das Wissen eines einzelnen soll so gleichzeitig mit allen Studierenden geteilt werden können. „Der Computer und das Internet haben unsere Art zu lernen bereits radikal verändert. Studenten ahnen heute immer schon, dass Wissen auch abseits des Hörsaals permanent verfüg- und auch abrufbar ist.“

Dabei ist Technologie nicht immer nur ein Segen: Das mobile Büro kann zur echten Belastung werden – zur ständigen Verpflichtung, immer und überall erreichbar zu sein. Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit, Büro und Zuhause, Off- und Online verschwimmt dabei zusehends. Der Arbeitsplatz ist da, wo Empfang vorhanden und Strom verfügbar ist. Der Arbeitnehmer wird heute an der Schnelligkeit seiner Kommunikation gemessen. Ein moderner Büroarbeiter springt alle drei Minuten zu einer neuen Aufgabe. Die amerikanische Journalistin Maggie Jackson nennt dies „Klima der Ablenkung“, Psychologen sprechen von der „Continuous Partial Attention“: der Unfähigkeit, im Internet zur Ruhe zu kommen. Die Freiheit, sich am Notebook für viele Dinge gleichzeitig entscheiden zu können, wird nicht mehr als Freiheit, sondern als Belastung wahrgenommen. Der User als Getriebener seiner kommunikativen Möglichkeiten. Für viele Menschen, vor allem jene, die den Umgang mit Computer und Internet nicht von Kindesbeinen an gelernt haben, wird es dabei immer schwieriger, mit der Gleichzeitigkeit verschiedener Kommunikationsmöglichkeiten klarzukommen.

Nicht so für den Studenten Stephan Meier, der mit seinem richtigen Namen nicht in der Zeitung stehen will. Er steht in der Garderobe der Nationalbibliothek und steckt gerade sein kleines Notebook in den Rucksack: „Ich habe in den letzten Monaten hier erfolgreich meine Diplomarbeit geschrieben und dabei gleichzeitig so viele Filme runtergeladen, wie es mit meinem Zugang zuhause nie möglich gewesen wäre.“ Das Notebook war sein ständiger Begleiter in die Nationalbibliothek, und die Grenze zwischen Uni und Privatvergnügen verschwand. Es ist eine stille Revolution, meist nur als leises Surren vieler Prozessoren wahrnehmbar. Laut wird sie nur dann, wenn das Netz wieder einmal überlastet ist und vor dem Herren an der Buchrückgabe wütende Laptop-Besitzer stehen.

foto flickr.com von bernd.karrenbauer

2009/04/21

Hybrid aus Hure und Söldner


Ein junger österreichischer Banker in London spricht über die Krise seiner Branche


Erschienen im FALTER


Wenn T. zu Bett geht, weiß er, wie die Börsen geschlossen haben, und er hat eine Vorstellung, wie sie am nächsten Tag öffnen werden. T. ist Banker bei einer internationalen Großbank in der City of London - neben der Wall Street das zweite Epizentrum des globalen Bebens. "London liegt unter einer Wolke der Depression", sagt T.

Es ist eine gänzlich andere Stadt als jene, die er vor drei Jahren kennengelernt hat, als er hierherzog. Die Stadt an der Themse war der Big Apple Europas. "Du hattest die Möglichkeit, in wenigen Jahren sehr viel zu arbeiten und noch mehr zu verdienen." Junge Universitätsabsolventen aus ganz Europa folgten diesem Versprechen in die britische Hauptstadt. "Alle glaubten, es ginge nur nach oben." Für einige Jahre sollte dies auch stimmen. T. arbeitet oft 120 Stunden an sieben Tagen in der Woche. Oft verlässt T. seinen Terminal mit mehreren Bildschirmen erst nach Mitternacht. An Tagen, an denen weniger los ist, gehen er und seine Kollegen in Anzug und Krawatte ins gegenüberliegende Pub. Sie trinken ein, zwei Bier und schauen Fußball. In den vergangenen Monaten gab es öfter Bier, die Arbeit wurde weniger. "Die Luft ist draußen", sagt T. Die Krise mag in den USA ihren Anfang genommen haben, doch in Zeiten einer internationalen Finanzarchitektur ist New York gleich London und London gleich Tokio.

Der 29. September 2008 bereitete T.s Team besonderes Kopfzerbrechen. An jenem Tag gab es nur ein Thema in der Morgenbesprechung: den Staatsbankrott Islands. Erst ein Notkredit des Internationalen Währungsfonds konnte die drohende Insolvenz der Insel abwenden. Ab nun war klar: Die Krise ist in Europa angekommen, und sie wurde immer mehr auch zu einer Krise einer ganzen Branche.

Mit den riskanten Derivaten und "strukturierten Produkten", die für die Krise verantwortlich gemacht werden, habe er nichts zu tun gehabt, sagt der Wiener. Er ist für Unternehmensfinanzierung zuständig. Deutsche Industrieunternehmen oder Städte wie Wien wenden sich an den 27-Jährigen, wenn sie Geld benötigen. Im Handumdrehen organisiert er eine Milliarde Euro am Kapitalmarkt. "Es ist ein spannender, abwechslungsreicher Job. Du drehst an einem großen Rad und übernimmst Verantwortung." Das Team, in dem er arbeitet, ist jung, keiner älter als 35 Jahre, eine eingeschworene Truppe. Sein Erfolg bemisst sich an schwierigen Transaktionen, die er im Markt durchbringt, an neuen Lösungen, die er für Kunden findet, und am Gehalt, das er verdient. "Es war wie im Sport", sagt T., "die Saison lief gut, du hast immer gewonnen. Eine einzige, riesige Party."

Schon während des Studiums wollte er nach London. Der Wunsch brachte den Verzicht auf Reisen in den Sommermonaten und dreimonatige Praktika bei Banken in Deutschland und in der Schweiz mit sich. Von der letzten Prüfung zum Praktikum und wieder zurück auf die Universität. Auf die Bewerbung folgten Workshops in Wien, Interviews und ein zweitägiges Assessment-Center in London - irgendwann kamen die Angebote der Banken. Anfangs hielt T. eine Bank für sympathischer als die andere, heute weiß er, dass im Grunde eine wie die andere funktioniert und dass die Regeln des freien Marktes vor allem auch für den Arbeitsmarkt der Banker gelten.

"Sie wollen nur deine Leistung sehen. Die Bank wird dir gegenüber nie loyal sein, und genauso ist kein Banker gegenüber seiner Bank loyal. Wir sind eine Mischung aus Prostituierten und Söldnern." Widerspruch steht nicht hoch im Kurs. "Man hält sich an die Spielregeln, die dir die Bank vorsetzt. Du kannst nicht sagen, du machst diese oder jene Transaktion nicht, weil du sie für unmoralisch hältst. Dann ist deine Karriere innerhalb kürzester Zeit zu Ende." In den vergangenen Monaten mussten viele ihr Terminal räumen. Allein in T.s Abteilung arbeiteten vor der Krise rund 100 Leute, in der Zwischenzeit wurden knapp 30 gekündigt. Sarkasmus und Galgenhumor prägen die Gespräche. Die große Party ist vorerst zu Ende.

Viele Leute haben London bereits den Rücken gekehrt oder suchen nach neuen Jobs. Üppige Bonuszahlungen dürften in den kommenden Jahren ebenfalls keine überwiesen werden. "Natürlich fragst du dich dann, wieso du dir den ganzen Stress noch antust oder ob sich die Entbehrungen lohnen." Ohne Bonus ist das Leben in London selbst mit Grundgehalt von 40.000 Euro teuer. T. zahlt viermal so viel Miete wie einst in Wien. Die Wohnung ist nicht einmal halb so groß. "Eine Familie kann ich mir so nicht leisten." Dass die Boni zu Jahresende, die 50 Prozent des Grundgehalts oder mehr ausmachen, jetzt wegfallen, verschlechtert die finanzielle Situation merklich.

Doch sind das zum gegenwärtigen Zeitpunkt überhaupt die richtigen Nöte und Fragen? Wäre es nicht angebracht, sich selbst die Frage nach der eigenen Verantwortung zu stellen? T. sagt, es waren nur einige wenige Banker, die mit ihren riskanten Spekulationen die Krise auslösten. Obwohl: "Natürlich waren auch die Banken zu gierig." Doch die Gier sei nicht auf Banker beschränkt. "Die Leute wollten diesen Konsum, und die Banken haben ihn ermöglicht." Der Markt - so ist er überzeugt - werde sich irgendwann selbst heilen, auch wenn die goldenen Zeiten fürs Erste vorbei sind. "Dann beginnt es wieder von vorne, die nächste Blase kommt bestimmt."


bild auf flickr.com von Cathrine