"Falter" Nr. 35/07 vom 29.08.2007
ZEITGESCHICHTE In Salzburg tobt ein Streit um die angeblich braune Vergangenheit des renommierten Journalisten René Marcic. Die "Salzburger Nachrichten" sehen sich als Opfer einer "grotesken Nazijagd".
Salzburg, Weihnachten 1949. Seit vier Jahren herrscht Frieden im besetzten Österreich, das Land sucht seine neue Identität. In den damaligen Ausgaben der Salzburger Nachrichten kann man die Welt von einst aufspüren: Bei den Salzburger Festspielen dirigiert Wilhelm Furtwängler, dem die Amerikaner kurz nach dem Krieg wegen seiner Nähe zum Dritten Reich Berufsverbot erteilt hatten. Von einer "Weihnachtsamnestie für Kriegsverbrecher" ist in den Chronikspalten zu lesen. Und in einem Leitartikel schreibt SN-Herausgeber Gustav Canaval über das Wesen des Menschen, "vor dem wir zittern müssen, weil wir nimmer mehr wissen, was sein Hass verbunden mit seinem Können morgen über uns alle bringen kann".
Die Weihnachtsausgabe der SN hatte 1949 stolze 28 Seiten, es gab endlich wieder Inserate, auch ein Zeichen des kommenden Aufschwungs. Texte von Erich Kästner und Alfons Dalma wurden gedruckt, und einer des Redakteurs René Marcic. Der erörterte in einem Artikel mit dem Titel "Strahlungen und Gegenstrahlungen" die notwendige Hingabe zu Gott mit verstörenden Worten: "Wer über Gott und das Gebet Spott treibt, oder wer in Gott höchstens ein Es, jedoch keine Person, kein Du erfährt, der darf sich nicht wundern, wenn er die Abwertung seines Wesens am eigenen Leibe zu spüren bekommt und eines Tages in die Gaskammer gesteckt wird. Mendelssohn und seinesgleichen haben selber die Welt heraufbeschworen, von der sie dann verfolgt wurden." Ge-münzt war dieses Zitat auf den jüdischen Schriftsteller und Journalisten Peter de Mendelssohn, der ein Werk von Ernst Jünger verissen hatte.
Was wollte Marcic damit zum Ausdruck bringen? Dass jene die Gaskammer verdienen, die nicht an Gott glauben? Dass die Juden letztlich selbst schuld seien am Holocaust? Oder dass die Gaskammer droht, wenn Gott nicht mehr geehrt wird, weil dann die Welt nur noch des Teufels sei? Um Marcics Text wird heute noch heftig und leidenschaftlich gestritten. Denn der Journalist galt jahrzehntelang als einer der renommiertesten Publizisten Salzburgs. Landeshauptfrau Gabriele Burgstaller (SPÖ) sollte, geht es nach den Salzburger Nachrichten und der ÖVP, bald schon wieder einen Journalistenpreis verleihen, der nach Marcic benannt ist. Es ist ein staatlich finanzierter Preis.
Doch Burgstaller will die Verleihung des 7300-Euro-Preises erneut "ausfallen lassen" und eine Neugestaltung des Preises 2009 durchsetzen. Diesen Mittwoch wird Burgstaller jedoch einen Zwischenbericht einer Studie übergeben, die von der Jury des Marcic-Preises in Auftrag gegeben wurde. Michael Schmolke, Juryvorsitzender, sagt: "Bei einer Untersuchung der Texte Marcics zwischen 1946 und 1955 wurde kein vergleichbares Zitat gefunden."
Dennoch tobt ein Streit darum, ob ein Preis nach einem wie Marcic benannt werden kann. Nein, sagen Grüne und SPÖ, und stützen sich dabei auf die Forschungen des Wiener Universitätsprofessors Fritz Hausjell. Der machte bereits Ende der Achtzigerjahre auf Marcics Rolle während des Zweiten Weltkriegs aufmerksam. Während des Krieges war der gebürtige Wiener nämlich Presse- und Kulturreferent des klerikalfaschistischen UstasÇa-Regimes in Wien gewesen. Also jenes Regimes, das im Konzentrationslager Jasenovac in Kroatien - laut Zahlen des Simon-Wiesenthal-Zentrums - 600.000 Menschen ermorden ließ. "Marcic", sagt Hausjell, "war offizieller Vertreter des klerikalfaschistischen Kroatien in Wien, hatte aber keine hochrangige Position inne."
Ronald Barazon, ehemaliger Chefredakteur der bürgerlichen Salzburger Nachrichten, weist solche Kritik an Marcic hingegen zurück. Er warnt vor "gefährlichen und grotesken Nazijägern", welche nicht nur Marcic, sondern die ganze Zeitung in ein rechtes Eck stellen wollen, wo sie nicht hingehöre. In der Tat: Barazon betont in einer E-Mail an den Falter, selbst Jude zu sein, seine Verwandten wurden in Konzentrationslagern der Nazis ermordet. Der Herausgeber des Blattes, Maximilian Dasch jun., kritisiert das "links angehauchte Wiener Publizistikinstitut" und betont, Marcics Zitat sei "aus dem Zusammenhang gerissen".
Hausjell jedoch steht zu seiner Kritik. Er schlug vor, den Preis auf "Friederike- und-Stefan-Zweig-Preis für Europa und Frieden" umzubenennen. Ein Vorschlag, der Burgstaller zu gefallen scheint - zumindest signalisiert das ihr Büro. Doch die SPÖ koaliert mit der ÖVP, die sich gegen eine Umbenennung des Preises sträubt.
Der Kampf um Marcic offenbart etwas Grundsätzliches. Kann einer, der sich einem faschistischen Regime verpflichtet fühlte, ein geläuterter Demokrat, ein Vertreter der bürgerlichen Presse werden, nachdem heute noch Landespreise benannt werden? Marcic begann als Gerichtsreporter für die SN, er verließ das Blatt als Chefredakteur. In dieser Zeit engagierte er sich am Wiederaufbau der Universität Salzburg. In den Siebzigern machte sich Marcic einen Namen als Rechtsphilosoph an der Universität. In seinen Schriften predigte er den Widerstand gegen die Tyrannei. Michael Fischer, Assistent Marcics, beschreibt seinen Lehrer als "offenen und toleranten Universitätsprofessor". Er glaubt an einen Wandel, den Marcic über die Jahre durchgemacht habe. In seinen Büchern fänden sich keinerlei Hinweise auf neonazistisches Gedankengut. Den Grund, weshalb gerade die ÖVP und die bürgerliche SN an Marcic festhalten, glaubt Fischer zu kennen: "Marcic war ein klassischer Vordenker der Ära Lechner (Landeshauptmann von 1961 bis 1977, Anm. d. Red.) bis hin zur Ära Haslauer in den Siebzigerjahren."
Marcic glaubte, genau so wie Jünger, dass die Zukunft des Menschen von der Frage abhänge, ob der Mensch wieder glauben können wird oder nicht.
Ob aber die Ausführungen Marcics in all seinen Schriften bloße Fassade sind oder einen tatsächlichen inneren Wandel illustrieren, kann rückblickend schwer festgestellt werden. 1966, fünf Jahre vor seinem Tod, bat Marcic schriftlich um Verzeihung: "Ich bitte Sie und alle, die ich ahnungslos gekränkt habe, freilich allen voran: Peter de Mendelssohn, um Verzeihung. Ich wollte helfen, nicht kränken." Für die Publizistin Hilde Spiel, die Frau des angegriffenen Mendelssohn, war diese Entschuldigung nicht glaubwürdig. Spiel war mehrere Jahrzehnte mit Mendelssohn verheiratet und gilt als eine der publizistischen Größen Österreichs. Ein Jahr vor ihrem Tod, im Jahr 1989, erklärte sie in einem Interview mit Hausjell: "Bei aller Wandlung, die er vielleicht nachher durchgemacht hat, und bei allen Versuchen, sich dann als großer Moralist, christlicher Theoretiker und Verfechter des Naturrechts zu gerieren, bei all den Versuchen kann man nicht vergessen, wie sich dieser Mann nach dem Krieg geäußert hat. (...) Das sind Dinge, die in einem heutigen Österreich nicht mit einem Journalistenpreis verbunden sein sollten." Hausjell kann sich einen Wandel Marcics zwar vorstellen, "wenn aber immer argumentiert wird, das Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen, dann möge mir bitte jemand jenen Zusammenhang erklären, welcher solch eine Aussage und schließlich solch einen Preis rechtfertigt."
2007/08/29
2007/08/10
Leserinnen verzweifelt gesucht
Martin Gantner und Barbara Tóth
MAGAZINE Mit "Madonna" aus dem Hause Fellner und "Secret" aus dem News Verlag haben Österreichs Leser ab September zwei Hochglanzillustrierte mehr. "Madonna" richtet sich klar gegen "Woman". Der Kampf am Frauenzeitschriftenmarkt ist eröffnet. Die Welt von Secret existiert derzeit nur im 14. Stock des News-Medientowers am Wiener Schwedenplatz. Im Sommer wurde das Geschoß komplett geräumt, um eine Art Themenpark zu installieren. Wer ihn betritt, soll ein Gefühl für das neue Hochglanzmagazin aus dem Hause News bekommen, noch bevor er die erste Ausgabe in den Händen hält. Secret, das ist also viel schwarzes Glas, zwei weiße und drei schwarze Ledercouchen und lila Orchideenschmuck, dazu mit Stoff bezogene Lampen im Loungelook. Dieser Raum könnte genauso gut eine Hotellobby in New York sein, eine Bar in Paris oder ein Club in Berlin. International, modern - aber auch irgendwie austauschbar.
Nicht nur die News-Medienmanager versuchen derzeit, eine neue Medienmarke mit Gefühlen aufzuladen, wie es in der Werbebranche heißt. Auch in der Redaktion von Österreich, der Tageszeitung der Fellner-Brüder, wird dieser Tage am Image einer Neugründung gefeilt. Madonna soll sie heißen. Ganz in Weiß und Gold gehalten sind die edlen Folder, mit denen für das neue Frauenmagazin Uschi Fellners geworben wird. Nicht von ungefähr erinnert das Design an die erfolgreiche Marke Woman, dem bereits existierenden Heft aus dem News-Verlag, das vor sechs Jahren von Fellner gegründet worden ist.
Madonna, das am 22. September mit einem Kampfpreis von einem Euro erstmals erscheint, ist klar gegen Woman positioniert. Auch Secret, das ebenfalls maßgeschneidert für weibliche Lesegewohnheiten wirkt, aber eher in der Liga von Vogue oder Vanity Fair mitspielen möchte, wird zeitgleich auf den Markt kommen. "Wir erscheinen wenige Stunden oder Tage danach", kündigt Oliver Voigt, Chef der News-Verlagsgruppe, an. Und scherzt: "Der Herbst wird ein bisschen ungemütlich."
Das klingt bewusst untertrieben. Mit Madonna und Secret - das, wie Falter-Recherchen ergaben, in der Endversion übrigens First heißen dürfte (siehe Kasten) - begibt sich der Medienkonkurrenzkampf zwischen der News-Gruppe und der Fellner-Familie auf neues, ungewohntes Terrain. Durch die Fellner-Neugründung Österreich geriet der Boulevard- und Gratiszeitungsmarkt unter Druck, nun ringen beide Verlagshäuser in einer Sparte, die gemeinhin als eine der letzten der Branche gilt, in denen Zuwächse noch möglich sind: im Bereich der Frauenmagazine.
Der Blick über die Grenze nach Deutschland scheint dies zu bestätigen. Horst Röper, Geschäftsführer des Formatt-Instituts in Dortmund, verweist auf die zahlreichen Neuerscheinungen und Relaunches, die der deutsche Medienmarkt im Bereich der Frauenzeitschriften in den letzten Jahren erlebt hat. Der Magazinmarkt in der Bundesrepublik gilt als einer der wettbewerbsintensivsten Märkte weltweit. Frauenmagazine sind in Deutschland die zweitgrößte Sparte nach den Programmzeitschriften. "Ein Wachstum des Anzeigenmarktes ist da kaum mehr möglich. Neuerscheinungen können fast ausschließlich über Umverteilung von finanziellen Mitteln funktionieren", erklärt Röper. Ein Nullsummenspiel also. Das Erscheinen des einen Mediums geht zulasten eines bereits bestehenden, im selben Segment fischenden Titels. Matthias Karmasin, Institutsvorstand an der Universität Klagenfurt, sieht das ähnlich. Auch er glaubt nicht an ein generelles Wachstum des Anzeigenmarktes, sieht aber durchaus Potenzial für Umverteilungen in Österreich. "Neue Frauenmagazine können schon erfolgreich sein. Mit ästhetischer Oberflächenpolitur allein ist es aber nicht getan." Neben der journalistischen Qualität müsse vor allem auch auf die Bedürfnisse der Werbewirtschaft eingegangen werden. "Dieses Schielen auf die weibliche Zielgruppe ist in der Regel weniger redaktionell, als vielmehr ökonomisch motiviert," glaubt Röper.
Wurden Frauen als Zielgruppe bis heute sträflich vernachlässigt? Zumindest Röper sieht das so. Die Verlage hätten sich lange nur an den Haushaltsvorstand gerichtet, der meist männlich war. Ein Bild, das sich in den vergangenen Jahren jedoch zusehends verändert hat. Die deutsche Wochenzeitung Zeit hat auf diese Entwicklung bereits reagiert. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo spricht von einer bewussten "Öffnung" bei der Auswahl der Themen, um auch wieder verstärkt für Leserinnen attraktiv zu sein.
Karen Müller, Chefredakteurin der Wienerin, fürchtet sich jedenfalls noch nicht vor der neuen Konkurrenz ab Herbst. "Die Markteintrittskosten sind hoch, und neue Anbieter müssen sich erst das Vertrauen der Kundinnen erarbeiten." Wie viele andere glaubt auch sie, dass die Fellners - wie bereits bei der täglichen Hochglanzbeilage ihrer Tageszeitung Österreich, genannt Life & Style - mit viel Dampf in den Markt fahren werden. Aber auch da, so Müller, "war die Furcht unbegründet".
Wie viel Dampf die Fellners machen, lässt sich im goldverzierten Imagefolder nachlesen, mit dem die Anzeigenkeiler von Madonna für ihre Neugründung werben. 200.000 Leser will Madonna wöchentlich erreichen, 100.000 davon über Abos, 70.000 über den Einzelhandel, 30.000 über den Trafikenverkauf. Eine Seite kostet 11.700 Euro, gleichzeitig ist viel von Rabatten und Kombiangeboten die Rede. Wer das "Bonus-Paket" bucht, bekommt beispielsweise zum Preis von zehn Anzeigen in Madonna fünf gratis und zwei in Life & Style, der Beilage in Österreich, dazu. Zum Vergleich: Wer seine Werbung in Secret platzieren will, muss 6900 für eine Seite bezahlen, wer ein Jahrespaket nimmt, bekommt sie bis zu vierzig Prozent günstiger.
Solche Schnäppchen nähren in der Branche den Verdacht, dass die Österreich-Macher auf diesem Weg für ihre tägliche Magazinbeilage endlich jene Inserate einfangen wollen, die ihnen bis dato fehlten: Kosmetik, Mode und Luxusgüter. "Nach dem - sorry - Flop mit der Österreich-Beilage Life & Style probiert man es jetzt halt mit dem ursprünglichen Woman-Konzept. Nach allem, was ich über Madonna gehört habe, wird es aussehen wie Woman vor fünf Jahren. Eh auch nett, aber halt ein bisserl retro", höhnt Secret-Chefin Euke Frank, die in der Verlagsgruppe News auch Woman führt. Der Konter aus der Österreich-Redaktion ist nicht weniger scharf: "Ich betrachte Madonna als Weiterentwicklung eines Magazins, das ich gegründet habe, nicht als Konkurrenzprodukt zu Woman", meint Uschi Fellner. "Secret bedient eine ganz andere Zielgruppe. Das ist ein sehr kleines Segment, so weit ich das sehe." Eine Kannibalisierung des Anzeigenmarktes fürchtet sie nicht.
Offiziell hat die Gründung von Secret natürlich nichts mit dem Start von Madonna zu tun, inoffiziell wird im News-Medienturm eine andere Strategie ausgegeben: die Sandwichstrategie. In Zukunft soll das eingeführte und breite Woman (verkaufte Auflage nach eigenen Angaben knapp 200.000) den Massenmarkt bedienen, Secret das gehobene Publikum. "Und Madonna muss sich irgendwo dazwischen zurecht finden", hofft ein News-Verlagsmanager. Der hintere Teil der Secret-Nullnummer schaut auch aus wie ein ordentlich aufpoliertes Woman: Zu finden sind der für alle Frauenmagazine übliche Mix aus Kosmetiktipps, Modestrecken und Einblicke in das Leben Prominenter, nur deutlich üppiger inszeniert, auch aufgrund des übergroßen Formats (230 mal 300 Millimeter).
Spätestens im September wird dann auch die Secret-Lounge im News-Tower belebt werden. Anzeigen-, Marketing- und Redaktionsmannschaft sollen einziehen. Letztere braucht am wenigsten Platz: Das, wie Voigt es nennt, "Upscale"-Produkt soll von nur zehn Menschen gemacht werden - und vielen, vielen freien Autoren.
2007/06/29
maschek: "Politiker sind auch nur Dodln"
"Vorarlberger Nachrichten" Nr. 148 vom 29.06.2007

quelle: maschek.org
VN-INTERVIEW: "maschek" synchronisieren TV-Beiträge neu - und sorgen so für Lacher
Die Wiener Mediensaboteure "maschek" reden drüber - im wahrsten Sinne.
MARTIN GANTNER
VN: Was macht den Erfolg, den Reiz von "maschek" aus?
Stachel: Dass es von der Form her so einfach ist. Jeder hat schon einmal über Fernsehstimmen drübergeredet. Stichwort youtube.com: Die Leute machen das ja auch nach. Das macht uns großen Spaß, weil wir sehen, dass wir andere inspirieren.
VN: Kann man über unsere Politiker mehr lachen als über andere?
Stachel: Die Politiker sind sicher nahbarer, als etwa in Deutschland. Schlüsse auf den Charakter sind da leichter zu ziehen. Und das ist ja gerade das Spannende. Die politischen Botschaften interessieren weniger. Uns geht es darum zu zeigen: Politiker sind auch nur "Dodln". Das macht sie ja auch menschlicher.
VN: Gibt's Feedback von
Politikern?
Stachel: Nein, überhaupt nicht. Es interessiert uns aber auch nicht. Wir treten für uns und fürs Publikum auf. Wir sind weit entfernt von einem Villacher-Fasching-Effekt.
VN: Welche Politiker geben besonders viel her?
Stachel: Der Gusi, weil er sehr natürlich agiert. Er steht zu seinen Fehlern und macht sie sogar zu seinem Markenzeichen. Ich glaube, dass der Gusi irgendwann ein ganz Großer sein wird, aber er muss noch einige Jahre durchtauchen. Weil einer, der sich dermaßen keine Blöße gibt, ist nach Schüssel eine sehr erfrischende Persönlichkeit. Er ist in unseren Stücken immer mehr zu Homer Simpson geworden, der auch für "maschek" eine der wichtigsten Inspirationsquellen darstellt.
VN: Wie medienkritisch
wollt ihr sein?
Stachel: Wir erheben einen klaren, medienkritischen Anspruch. Wir haben uns anfangs - vor unserer Zeit im ORF - auch als eine Art Anti-ORF verstanden und haben Kritik am ORF unter der schwarzblauen Regierung geübt. Diese Kritik kann bis in die 90 er- Jahre zurückreichen. Seither besteht die Tendenz, den ORF zu einem stromlinienförmigen Medium zu machen. Es ist ein ständiges Schielen nach Quote, um für die Werbewirtschaft interessant zu sein.
VN: Und dennoch seid ihr dann zum ORF gegangen?
Stachel: Es fällt natürlich schwerer, Systemkritik zu üben, wenn man selbst Teil des Systems ist. Aber innerhalb der Sendung ist so viel möglich, es werden uns keine Grenzen gesetzt, sodass wir bereit sind, diesen Preis zu zahlen. Ich möchte mich auch am derzeitigen ORF-Bashing nicht beteiligen. Denn es ist einfach erfrischend, dass sich die neue Führung irgendwas traut. Selbst eine Serie wie "Mitten im Achten" muss man probieren dürfen, auch wenn sie letztlich gescheitert ist.
VN: Wie sehen eure Pläne
für die Zukunft aus?
Stachel: Für Herbst haben wir eine neue Produktion geplant, die sich mit den ökonomischen Zusammenhängen in der Medienwelt befassen wird. Wir werden das Publikum einladen, in uns zu investieren. Die Grenzen zwischen Spiel und Wirklichkeit sollen dabei verschwimmen.
VN: Was erwartet uns nächste Woche in Vorarlberg?
Stachel: Man braucht nicht in beide Veranstaltungen zu kommen. Wir werden sowohl in Bregenz als auch in Feldkirch das gleiche Programm spielen. Es wird, wie aus dem TV bekannt, ein "maschek.redet.drüber". Auch mit Sachen, die wir bei "Dorfers Donnerstalk" aufgrund der Länge nicht bringen können.
"maschek" sind live auf der Bühne zu erleben am 4. Juli beim Seelax-Festival in Bregenz und am 5. Juli beim Poolbar-Festival in Feldkirch. Karten: Musikladen.
ZUR PERSON
Robert Stachel Geboren: 1972 in Wr. Neustadt Geschichte von "maschek": 1996 lernen sich Peter Hörmanseder , Ulrich Salamun und Robert Stachel beim Studium in Wien kennen. Bühnendebüt im Dezember 1998 im Wiener Wohnzimmerclub Hobbythek. Bei der Moderation eines Abends zur Nationalratswahl 1999 experimentieren sie mit TV-Live-Synchronisationen, die zum dominierenden Element der Auftritte werden.
"Maschek" reden drüber: Sie legen Politikern Worte in den Mund - nächste Woche im Ländle. (Foto: maschek/Andrea Maria Dusl/Stephan Doleschal)
quelle: maschek.org
VN-INTERVIEW: "maschek" synchronisieren TV-Beiträge neu - und sorgen so für Lacher
Die Wiener Mediensaboteure "maschek" reden drüber - im wahrsten Sinne.
MARTIN GANTNER
VN: Was macht den Erfolg, den Reiz von "maschek" aus?
Stachel: Dass es von der Form her so einfach ist. Jeder hat schon einmal über Fernsehstimmen drübergeredet. Stichwort youtube.com: Die Leute machen das ja auch nach. Das macht uns großen Spaß, weil wir sehen, dass wir andere inspirieren.
VN: Kann man über unsere Politiker mehr lachen als über andere?
Stachel: Die Politiker sind sicher nahbarer, als etwa in Deutschland. Schlüsse auf den Charakter sind da leichter zu ziehen. Und das ist ja gerade das Spannende. Die politischen Botschaften interessieren weniger. Uns geht es darum zu zeigen: Politiker sind auch nur "Dodln". Das macht sie ja auch menschlicher.
VN: Gibt's Feedback von
Politikern?
Stachel: Nein, überhaupt nicht. Es interessiert uns aber auch nicht. Wir treten für uns und fürs Publikum auf. Wir sind weit entfernt von einem Villacher-Fasching-Effekt.
VN: Welche Politiker geben besonders viel her?
Stachel: Der Gusi, weil er sehr natürlich agiert. Er steht zu seinen Fehlern und macht sie sogar zu seinem Markenzeichen. Ich glaube, dass der Gusi irgendwann ein ganz Großer sein wird, aber er muss noch einige Jahre durchtauchen. Weil einer, der sich dermaßen keine Blöße gibt, ist nach Schüssel eine sehr erfrischende Persönlichkeit. Er ist in unseren Stücken immer mehr zu Homer Simpson geworden, der auch für "maschek" eine der wichtigsten Inspirationsquellen darstellt.
VN: Wie medienkritisch
wollt ihr sein?
Stachel: Wir erheben einen klaren, medienkritischen Anspruch. Wir haben uns anfangs - vor unserer Zeit im ORF - auch als eine Art Anti-ORF verstanden und haben Kritik am ORF unter der schwarzblauen Regierung geübt. Diese Kritik kann bis in die 90 er- Jahre zurückreichen. Seither besteht die Tendenz, den ORF zu einem stromlinienförmigen Medium zu machen. Es ist ein ständiges Schielen nach Quote, um für die Werbewirtschaft interessant zu sein.
VN: Und dennoch seid ihr dann zum ORF gegangen?
Stachel: Es fällt natürlich schwerer, Systemkritik zu üben, wenn man selbst Teil des Systems ist. Aber innerhalb der Sendung ist so viel möglich, es werden uns keine Grenzen gesetzt, sodass wir bereit sind, diesen Preis zu zahlen. Ich möchte mich auch am derzeitigen ORF-Bashing nicht beteiligen. Denn es ist einfach erfrischend, dass sich die neue Führung irgendwas traut. Selbst eine Serie wie "Mitten im Achten" muss man probieren dürfen, auch wenn sie letztlich gescheitert ist.
VN: Wie sehen eure Pläne
für die Zukunft aus?
Stachel: Für Herbst haben wir eine neue Produktion geplant, die sich mit den ökonomischen Zusammenhängen in der Medienwelt befassen wird. Wir werden das Publikum einladen, in uns zu investieren. Die Grenzen zwischen Spiel und Wirklichkeit sollen dabei verschwimmen.
VN: Was erwartet uns nächste Woche in Vorarlberg?
Stachel: Man braucht nicht in beide Veranstaltungen zu kommen. Wir werden sowohl in Bregenz als auch in Feldkirch das gleiche Programm spielen. Es wird, wie aus dem TV bekannt, ein "maschek.redet.drüber". Auch mit Sachen, die wir bei "Dorfers Donnerstalk" aufgrund der Länge nicht bringen können.
"maschek" sind live auf der Bühne zu erleben am 4. Juli beim Seelax-Festival in Bregenz und am 5. Juli beim Poolbar-Festival in Feldkirch. Karten: Musikladen.
ZUR PERSON
Robert Stachel Geboren: 1972 in Wr. Neustadt Geschichte von "maschek": 1996 lernen sich Peter Hörmanseder , Ulrich Salamun und Robert Stachel beim Studium in Wien kennen. Bühnendebüt im Dezember 1998 im Wiener Wohnzimmerclub Hobbythek. Bei der Moderation eines Abends zur Nationalratswahl 1999 experimentieren sie mit TV-Live-Synchronisationen, die zum dominierenden Element der Auftritte werden.
"Maschek" reden drüber: Sie legen Politikern Worte in den Mund - nächste Woche im Ländle. (Foto: maschek/Andrea Maria Dusl/Stephan Doleschal)
2007/04/22
chorherr in viennablog vom 22.april 07
"Die Apokalypse lähmt"
Ich fürchte zu viele. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Wüsste ich es, würde ich mich wohl über etliche giften und müsste einige Aufträge kündigen. Ich sehe das aber als allgemeine Unterstützung durchaus sinnvoller Aktivitäten.

"Sehnsucht nach Politik größer geworden"/
quelle: http://www.gruene.at / montage gantner
Vor zehn Jahren sagten Sie, es gebe eine Sehnsucht nach Politik. Wie sehen sie das heute?
Ich würde es heute sogar noch verschärfen. Es gibt heute noch mehr Sehnsucht nach Politik. Politik verstanden als Gestaltung. Stichwort: nachhaltige Industriegesellschaft. Das interessiert die Menschen sehr. Politik unterschätzt jedoch permanent das Niveau ihrer Adressaten, der Citoyens. Das ist mit Sicherheit eine der Ursachen der Politikverdrossenheit. Das Bedürfnis, grundlegende Debatten zu führen, wäre jedenfalls vorhanden.
In welcher Form?
In jeglicher Form. In Debatten im Fernsehen, in den Feuilletons, auf Veranstaltungen. Ich sehe hier jedoch auch Versäumnisse der österreichischen Medienwirklichkeit. Komplexere Sachverhalte lassen sich nun mal nicht auf kürzere Sager zusammenstreichen. Es hat aber auch mit dem Niveau des österreichischen Journalismus zu tun. Ich bin immer total fasziniert, dass sich in allen Medien dieselben, langweiligen, oft irrelevanten Dinge wieder finden. Ein Spiel, dass Politiker sicherlich auch mitspielen. Da trifft sich das untere Mittelmaß und glaubt, mehr würde die Leute nicht interessieren.
Die Herausforderungen für die Wiener Grünen hinsichtlich der Wahlen 2010?
Es sind immer dieselben. Inhaltlich sind wir gut aufgestellt, die Performance könnte besser sein. Ziel muss es sein, an der Macht teilzuhaben, Regierung zu sein, um zu zeigen, dass unsere Visionen realitätstauglich sind.
Nach den Wahlen 2005 forderten sie noch „eine mittlere Revolution“ und eine „Säkularisierung der Partei“. Ist diese Revolution eingetreten?
Nein. Ich glaube, dass wir noch immer zu innenorientiert und strukturkonservativ sind. Ich habe damals eine stärkere Öffnung der Partei gefordert. Denn es bestehen bei allen Parteien große Klüfte zwischen Parteien und Wählern. Leider auch bei uns. Es werden immer wieder Entscheidungen getroffen, die der Durchschnittswähler nicht versteht. Wir müssen unabhängig von Parteienzugehörigkeiten Debatten und Dialoge anregen. Daran arbeite ich auch, halte mich deshalb ein wenig bedeckt. Nur soviel: Ich möchte sicherstellen, dass auf Listen ein gewisses Maß an Durchmischung herrscht, und dass Menschen, die neu in die Politik kommen, eine reale Chance haben. Siehe Eva Glawischnig und Alexander van der Bellen – zwei Beispiele für erfolgreiche Quereinsteiger. Wir sind da ein bißchen wie die anderen Parteien geworden.

"SPÖ macht Politik für und nicht mit den Bürgern" /
http://www.gruene.at / montage gantner
Sind die Grünen eine „normale“ Partei geworden?
Sie sind wenig anders als sie angetreten sind. Es ist ein natürlicher, nicht automatisch schlechter Prozess, weil das politische Spiel eben gewisse Regeln hat. Aber ein bißchen mehr Dynamik würde ich mir schon wünschen.
Gibt es die oft zitierte Kluft zwischen Realos und Fundis in der Partei?
Nein. Jede Partei hat Strömungen, hat Flügel. Mein persönlicher Zugang zu Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ist sicherlich liberaler als bei manch anderen in der Partei. Mein Glaube an die Segnungen des Staates immer und überall, insbesondere wo´s um Wirtschaftslenkung geht, ist sehr endenwollend. Es ist aber nur menschlich, dass es – wie bei allen Parteien – auch bei den Grünen Seilschaften gibt.
Michael Häupl hat bereits angekündigt, 2010 noch einmal zu kandidieren. Drohung oder Segen?
Es ist ein Faktum. So wie ich die SPÖ einschätze, ist die Chance, dass Häupls Nachfolger ein Qualitätssprung nach oben bedeutet, gering.
Konkret: Renate Brauner?
Es gibt viele Kritikpunkte an Michael Häupl, aber er ist erstens intelligent und zweitens als Person breiter als die SPÖ. Dennoch: Er macht zu wenig aus dem mächtigen Amt des Bürgermeisters. Ich persönlich habe einen guten Draht zu ihm. Eine Reihe von Innovationsprojekten, die ich für Wien geplant habe, hat er wohlwollend geduldet. Da ist Renate Brauner viel enger. Aber: Wien ist feudal und strukturkonservativ und das wird es auch weiter bleiben.
Wie erklären sie den Erfolg der SPÖ?
Der SPÖ gelingt es, ein sehr positives Lebensgefühl, das in Wien besteht, auf sich selber zu übertragen.

"Ich würde mir mehr Dynamik in der Partei wünschen" /
http://www.gruene.at / montage gantner
Wie erklären sie sich die Tatsache, dass ausgerechnet in Wien das rechte Lager so stark ist?
Das ist einer meiner schärfsten Vorwürfe an die SPÖ. Indem sie nach wie vor glaubt, Politik für die Menschen und nicht mit den Menschen zu machen und so permanent Abhängigkeitsverhältnisse produziert, schafft sie die Voraussetzungen, wirklich autoritären Strukturen oder Parteien zuzulaufen. Die wirkliche Entfeudalisierung Wiens ist noch lange nicht gelungen. Von Kultur in Kleingartensiedlungen bis Gemeindebauten wird individuelles Engagement, das sich auch gegen die Obrigkeit richtet, von der SPÖ zu wenig gefördert. Unabhängigkeit wird nicht als Wert erkannt.
Was müsste die SPÖ den konkret ändern?
Ihre Haltung. Die Partei glaubt wirklich: Wien ist gleich SPÖ und wenn du dich dazu bekennst, bekommst du auch etwas. Wenn ich versuche, ihnen das zu sagen, verstehen sie mich nicht und schauen mich ganz fassungslos an. Sie verstehen´s wirklich nicht. In ihrem Verständnis tun sie alles für die Menschen. Das ist im Grund zu tiefst autoritär und schafft Abhängigkeiten. Und wenn´s dann hart auf hart kommt, geht man eben lieber zum Schmied und nicht zum Schmiedl.
Sie kritisieren ja den Alarmismus, die „fünf vor Zwölf-Stragie“ der Grünen im Bereich der Umweltpolitik. Wieso?
Weil die Apokalypse lähmt. Die Apokalypse – im Sinne von „die Welt geht unter“– ist unrichtig. Die ökologische Frage ist viel mehr eine soziale und kulturelle Frage, weil sich die Lebensumstände enorm verändern werden. Und treffen wird es vor allem die Armen. Kulturell insofern, als dass die Menschheit auch ohne Leonardo DaVinci, die Altstadt von Venedig und ohne den Eisbären leben kann. Wir werden nur viel schlechter und ärmer leben. Vielleicht wäre diese Argumentation zielführender, als permanent die Katastrophe auszurufen.
Auf der anderen Seite ist doch aber das Bewusstsein so groß wie noch nie?
Richtig. Das sehe ich auch als Chance. Ich glaube aber, dass die Umstellung viel fundamentaler sein muss. Da geht es nicht um ein paar Filter und ein paar Energiesparlampen. Es geht um eine Neujustierung von zwei- bis dreihundert Jahren Industriegeschichte. Die Aufgabe ist eine postfossile, industrielle Gesellschaft zu schaffen.
Macht Wien dabei eine schlechte Figur?
Nein, aber Wien könnte mehr. Das ist auch mit Chancen verbunden. Beispiel: Wir könnten Wien zu einem Herzeig-Kompetenzzentrum für energieeffiziente Wohn- und Hochhäuser machen. Was mich frappiert ist die Diskrepanz zwischen „Hilfe, wir rotten den Eisbären aus“ und konkretem, politischen Handeln. Da wird oft kein Zusammenhang gesehen.
Eine letzte Frage: Würde es Sie reizen, noch einmal in die Bundespolitik einzusteigen?
Ich habe keine Lust auf ein Nationalratsmandat. Ich bin sehr zufrieden in Wien sein zu können, wo es viel leichter ist als auf Bundesebene, konkrete Dinge umzusetzen, zu zeigen, wie Alternativen ausschauen können. Dazu brauche ich in aller Bescheidenheit kein Nationalratsmandat.
Herr Chorherr, vielen Dank für das Gespräch.
Der Landtagsabgeordnete und frühere Bundessprecher der Grünen, Christoph Chorherr, über die Zukunft der Partei, der Stadt und den Erfolg des rechten Lagers in Wien.
Auf dem Weg hierher wurde ich von mehreren NGO-Aktivisten angesprochen. Wie viele Daueraufträge gehen bei Ihnen auf das Konto von Greenpeace und Co?Ich fürchte zu viele. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Wüsste ich es, würde ich mich wohl über etliche giften und müsste einige Aufträge kündigen. Ich sehe das aber als allgemeine Unterstützung durchaus sinnvoller Aktivitäten.
"Sehnsucht nach Politik größer geworden"/
quelle: http://www.gruene.at / montage gantner
Vor zehn Jahren sagten Sie, es gebe eine Sehnsucht nach Politik. Wie sehen sie das heute?
Ich würde es heute sogar noch verschärfen. Es gibt heute noch mehr Sehnsucht nach Politik. Politik verstanden als Gestaltung. Stichwort: nachhaltige Industriegesellschaft. Das interessiert die Menschen sehr. Politik unterschätzt jedoch permanent das Niveau ihrer Adressaten, der Citoyens. Das ist mit Sicherheit eine der Ursachen der Politikverdrossenheit. Das Bedürfnis, grundlegende Debatten zu führen, wäre jedenfalls vorhanden.
In welcher Form?
In jeglicher Form. In Debatten im Fernsehen, in den Feuilletons, auf Veranstaltungen. Ich sehe hier jedoch auch Versäumnisse der österreichischen Medienwirklichkeit. Komplexere Sachverhalte lassen sich nun mal nicht auf kürzere Sager zusammenstreichen. Es hat aber auch mit dem Niveau des österreichischen Journalismus zu tun. Ich bin immer total fasziniert, dass sich in allen Medien dieselben, langweiligen, oft irrelevanten Dinge wieder finden. Ein Spiel, dass Politiker sicherlich auch mitspielen. Da trifft sich das untere Mittelmaß und glaubt, mehr würde die Leute nicht interessieren.
Die Herausforderungen für die Wiener Grünen hinsichtlich der Wahlen 2010?
Es sind immer dieselben. Inhaltlich sind wir gut aufgestellt, die Performance könnte besser sein. Ziel muss es sein, an der Macht teilzuhaben, Regierung zu sein, um zu zeigen, dass unsere Visionen realitätstauglich sind.
Nach den Wahlen 2005 forderten sie noch „eine mittlere Revolution“ und eine „Säkularisierung der Partei“. Ist diese Revolution eingetreten?
Nein. Ich glaube, dass wir noch immer zu innenorientiert und strukturkonservativ sind. Ich habe damals eine stärkere Öffnung der Partei gefordert. Denn es bestehen bei allen Parteien große Klüfte zwischen Parteien und Wählern. Leider auch bei uns. Es werden immer wieder Entscheidungen getroffen, die der Durchschnittswähler nicht versteht. Wir müssen unabhängig von Parteienzugehörigkeiten Debatten und Dialoge anregen. Daran arbeite ich auch, halte mich deshalb ein wenig bedeckt. Nur soviel: Ich möchte sicherstellen, dass auf Listen ein gewisses Maß an Durchmischung herrscht, und dass Menschen, die neu in die Politik kommen, eine reale Chance haben. Siehe Eva Glawischnig und Alexander van der Bellen – zwei Beispiele für erfolgreiche Quereinsteiger. Wir sind da ein bißchen wie die anderen Parteien geworden.
"SPÖ macht Politik für und nicht mit den Bürgern" /
http://www.gruene.at / montage gantner
Sind die Grünen eine „normale“ Partei geworden?
Sie sind wenig anders als sie angetreten sind. Es ist ein natürlicher, nicht automatisch schlechter Prozess, weil das politische Spiel eben gewisse Regeln hat. Aber ein bißchen mehr Dynamik würde ich mir schon wünschen.
Gibt es die oft zitierte Kluft zwischen Realos und Fundis in der Partei?
Nein. Jede Partei hat Strömungen, hat Flügel. Mein persönlicher Zugang zu Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ist sicherlich liberaler als bei manch anderen in der Partei. Mein Glaube an die Segnungen des Staates immer und überall, insbesondere wo´s um Wirtschaftslenkung geht, ist sehr endenwollend. Es ist aber nur menschlich, dass es – wie bei allen Parteien – auch bei den Grünen Seilschaften gibt.
Michael Häupl hat bereits angekündigt, 2010 noch einmal zu kandidieren. Drohung oder Segen?
Es ist ein Faktum. So wie ich die SPÖ einschätze, ist die Chance, dass Häupls Nachfolger ein Qualitätssprung nach oben bedeutet, gering.
Konkret: Renate Brauner?
Es gibt viele Kritikpunkte an Michael Häupl, aber er ist erstens intelligent und zweitens als Person breiter als die SPÖ. Dennoch: Er macht zu wenig aus dem mächtigen Amt des Bürgermeisters. Ich persönlich habe einen guten Draht zu ihm. Eine Reihe von Innovationsprojekten, die ich für Wien geplant habe, hat er wohlwollend geduldet. Da ist Renate Brauner viel enger. Aber: Wien ist feudal und strukturkonservativ und das wird es auch weiter bleiben.
Wie erklären sie den Erfolg der SPÖ?
Der SPÖ gelingt es, ein sehr positives Lebensgefühl, das in Wien besteht, auf sich selber zu übertragen.
"Ich würde mir mehr Dynamik in der Partei wünschen" /
http://www.gruene.at / montage gantner
Wie erklären sie sich die Tatsache, dass ausgerechnet in Wien das rechte Lager so stark ist?
Das ist einer meiner schärfsten Vorwürfe an die SPÖ. Indem sie nach wie vor glaubt, Politik für die Menschen und nicht mit den Menschen zu machen und so permanent Abhängigkeitsverhältnisse produziert, schafft sie die Voraussetzungen, wirklich autoritären Strukturen oder Parteien zuzulaufen. Die wirkliche Entfeudalisierung Wiens ist noch lange nicht gelungen. Von Kultur in Kleingartensiedlungen bis Gemeindebauten wird individuelles Engagement, das sich auch gegen die Obrigkeit richtet, von der SPÖ zu wenig gefördert. Unabhängigkeit wird nicht als Wert erkannt.
Was müsste die SPÖ den konkret ändern?
Ihre Haltung. Die Partei glaubt wirklich: Wien ist gleich SPÖ und wenn du dich dazu bekennst, bekommst du auch etwas. Wenn ich versuche, ihnen das zu sagen, verstehen sie mich nicht und schauen mich ganz fassungslos an. Sie verstehen´s wirklich nicht. In ihrem Verständnis tun sie alles für die Menschen. Das ist im Grund zu tiefst autoritär und schafft Abhängigkeiten. Und wenn´s dann hart auf hart kommt, geht man eben lieber zum Schmied und nicht zum Schmiedl.
Sie kritisieren ja den Alarmismus, die „fünf vor Zwölf-Stragie“ der Grünen im Bereich der Umweltpolitik. Wieso?
Weil die Apokalypse lähmt. Die Apokalypse – im Sinne von „die Welt geht unter“– ist unrichtig. Die ökologische Frage ist viel mehr eine soziale und kulturelle Frage, weil sich die Lebensumstände enorm verändern werden. Und treffen wird es vor allem die Armen. Kulturell insofern, als dass die Menschheit auch ohne Leonardo DaVinci, die Altstadt von Venedig und ohne den Eisbären leben kann. Wir werden nur viel schlechter und ärmer leben. Vielleicht wäre diese Argumentation zielführender, als permanent die Katastrophe auszurufen.
Auf der anderen Seite ist doch aber das Bewusstsein so groß wie noch nie?
Richtig. Das sehe ich auch als Chance. Ich glaube aber, dass die Umstellung viel fundamentaler sein muss. Da geht es nicht um ein paar Filter und ein paar Energiesparlampen. Es geht um eine Neujustierung von zwei- bis dreihundert Jahren Industriegeschichte. Die Aufgabe ist eine postfossile, industrielle Gesellschaft zu schaffen.
Macht Wien dabei eine schlechte Figur?
Nein, aber Wien könnte mehr. Das ist auch mit Chancen verbunden. Beispiel: Wir könnten Wien zu einem Herzeig-Kompetenzzentrum für energieeffiziente Wohn- und Hochhäuser machen. Was mich frappiert ist die Diskrepanz zwischen „Hilfe, wir rotten den Eisbären aus“ und konkretem, politischen Handeln. Da wird oft kein Zusammenhang gesehen.
Eine letzte Frage: Würde es Sie reizen, noch einmal in die Bundespolitik einzusteigen?
Ich habe keine Lust auf ein Nationalratsmandat. Ich bin sehr zufrieden in Wien sein zu können, wo es viel leichter ist als auf Bundesebene, konkrete Dinge umzusetzen, zu zeigen, wie Alternativen ausschauen können. Dazu brauche ich in aller Bescheidenheit kein Nationalratsmandat.
Herr Chorherr, vielen Dank für das Gespräch.
2007/03/31
Thurnher: "Spüre Aufbruchstimmung"
Vorarlberger Nachrichten" Nr. 076 vom 31.03.2007
VN-INTERVIEW: Ingrid Thurnher über Programmreform, neue ZiB und Vorarlberger Wurzeln
VN-INTERVIEW: Ingrid Thurnher über Programmreform, neue ZiB und Vorarlberger Wurzeln
Ab 10. April moderiert die Vorarlbergerin Ingrid Thurnher die neue Zeit im Bild 1.
MARTIN GANTNER redaktion@vn.vol.at
VN: Sind Sie froh, nach dem Wechsel zur ZiB 1 künftig wieder früher schlafen gehen zu können?
Thurnher: Das ist mir eigentlich ziemlich egal.
VN: Es hieß, Sie hätten zu diesem Schritt überredet werden müssen?
Thurnher: Ich bin überzeugt worden, weil das Konzept ist neu, interessant und herausfordernd. Ich würde fast sagen revolutionär. Ich freue mich auch sehr auf die wieder eingeführte Doppelmoderation mit Gerald Gross. Wir haben bereits bei der Wahlberichterstattung optimal zusammengearbeitet.
VN: Wie würden Sie unseren Lesern die ZiB neu schmackhaft machen?
Thurnher: Die ZiB 1 wird eine Nachrichtensendung sein, die sich mit großen internationalen Formaten messen kann. Sie wird mehr vertiefen, ohne den Blick fürs Gesamte zu verlieren. Moderatoren, Grafik, Redaktion und Regie werden die Sendung in enger Zusammenarbeit gemeinsam entstehen lassen. Das Studio ist gerade im Aufbau. Es herrscht kreativer Hochdruck.
VN: Wie stehen Sie grundsätzlich zur "größten Reform aller Zeiten"?
Thurnher: Ich glaube, sie ist sehr ambitioniert angegangen. Der ORF wird nach dem 10. April ganz anders ausschauen.
VN: Ist es Ihrer Meinung nach sinnvoll, die ZiB nicht mehr durchzuschalten?
Thurnher: Das war höchste Zeit. Damit wird ihr auch dieser offiziöse Amtscharakter genommen, der ihr immer ein wenig angehaftet hat.
VN: Wie nervös sind Sie nach zwölf Jahren noch im Umgang mit Politikern?
Thurnher: Gar nicht mehr. Ich vergleiche das immer mit einem Arzt, der bei seiner ersten Blinddarmoperation garantiert nervös ist. Nach zwölf Jahren aber ist das vorbei. So ähnlich geht's mir auch.
VN: Wie kann man verhindern, dass Interviews angesichts immer professioneller agierender Politiker nicht völlig flach werden?
Thurnher: Indem wir sie nicht flacher führen. Es wird schwieriger. Politiker werden zunehmend geschult und wollen nur noch ihre Messages transportieren. Dem müssen Journalisten vorbeugen.
VN: Im Zusammenhang mit der ORF-Reform ist oft von Aufbruchstimmung die Rede. Wie sehen Sie das?
Thurnher: Ich spüre meine eigene Aufbruchstimmung. Es wird überall an neuen Sendungen gearbeitet. Wir können in dieser Phase kreativ sein, etwas Neues ausprobieren. Diese Möglichkeit gibt es nur selten.
VN: Was hat sich seit dem Amtsantritt von Alexander Wrabetz als Generaldirektor geändert?
Thurnher: Es ist Gott sei Dank alles neu. Lassen Sie uns also nicht über vergossene Milch diskutieren.
VN: Spürt man eigentlich - wenn man so intensiv mit Medien arbeitet - von Zeit zu Zeit eine Nachrichtenverdrossenheit?
Thurnher: Manchmal denkt man sich schon, gerade wenn man eine Zeit im Ausland verbringt, dass sich keine Schraube weitergedreht hat. Man kommt sich manchmal vor wie in diesen Soap Operas, wo es reichen würde, eine Folge in der Woche anzuschauen und man würde nichts dramatisch Wichtiges versäumen.
VN: Würde also eine ZiB pro Woche reichen?
Thurnher: Nein, nein, ich bin mir ganz sicher, dass die ZiB keine Seifenoper ist.
VN: Was verbindet Sie heute noch mit dem Ländle?
Thurnher: Die Sprache. Innerhalb der Familie sprechen wir nur Dialekt. Ansonsten kann ich das mit keinem Vorarlberger, auch nicht mit dem Elmar Oberhauser. Wenn man mich fragt, woher ich komme, würde ich nie sagen, dass ich aus Wien stamme. Ich bin immer eine Vorarlbergerin gewesen. Die Liebe zum Bregenzerwald und zu Kässpätzle sind mir auch geblieben. Und wahrscheinlich schlummert in mir auch ein bisschen "Schaffa, schaffa, Hüsle baua". Ausschließen würde ich es nicht.
ZUR PERSON
Ingrid Thurnher
Moderatorin
Geboren: 6. Juli 1962 in Bludenz Ausbildung: Publizistik, Theaterwissenschaften-, Wirtschaftsstudium Laufbahn: Seit 1985 beim ORF, seit 1995 Präsentation der ZiB 2. Im Zuge der Programmreform wird Thurnher ab 10. April die ZiB 1 moderieren.
Die gebürtige Bludenzerin Ingrid Thurnher moderiert ab 10. April die ZiB 1.
MARTIN GANTNER redaktion@vn.vol.at
VN: Sind Sie froh, nach dem Wechsel zur ZiB 1 künftig wieder früher schlafen gehen zu können?
Thurnher: Das ist mir eigentlich ziemlich egal.
VN: Es hieß, Sie hätten zu diesem Schritt überredet werden müssen?
Thurnher: Ich bin überzeugt worden, weil das Konzept ist neu, interessant und herausfordernd. Ich würde fast sagen revolutionär. Ich freue mich auch sehr auf die wieder eingeführte Doppelmoderation mit Gerald Gross. Wir haben bereits bei der Wahlberichterstattung optimal zusammengearbeitet.
VN: Wie würden Sie unseren Lesern die ZiB neu schmackhaft machen?
Thurnher: Die ZiB 1 wird eine Nachrichtensendung sein, die sich mit großen internationalen Formaten messen kann. Sie wird mehr vertiefen, ohne den Blick fürs Gesamte zu verlieren. Moderatoren, Grafik, Redaktion und Regie werden die Sendung in enger Zusammenarbeit gemeinsam entstehen lassen. Das Studio ist gerade im Aufbau. Es herrscht kreativer Hochdruck.
VN: Wie stehen Sie grundsätzlich zur "größten Reform aller Zeiten"?
Thurnher: Ich glaube, sie ist sehr ambitioniert angegangen. Der ORF wird nach dem 10. April ganz anders ausschauen.
VN: Ist es Ihrer Meinung nach sinnvoll, die ZiB nicht mehr durchzuschalten?
Thurnher: Das war höchste Zeit. Damit wird ihr auch dieser offiziöse Amtscharakter genommen, der ihr immer ein wenig angehaftet hat.
VN: Wie nervös sind Sie nach zwölf Jahren noch im Umgang mit Politikern?
Thurnher: Gar nicht mehr. Ich vergleiche das immer mit einem Arzt, der bei seiner ersten Blinddarmoperation garantiert nervös ist. Nach zwölf Jahren aber ist das vorbei. So ähnlich geht's mir auch.
VN: Wie kann man verhindern, dass Interviews angesichts immer professioneller agierender Politiker nicht völlig flach werden?
Thurnher: Indem wir sie nicht flacher führen. Es wird schwieriger. Politiker werden zunehmend geschult und wollen nur noch ihre Messages transportieren. Dem müssen Journalisten vorbeugen.
VN: Im Zusammenhang mit der ORF-Reform ist oft von Aufbruchstimmung die Rede. Wie sehen Sie das?
Thurnher: Ich spüre meine eigene Aufbruchstimmung. Es wird überall an neuen Sendungen gearbeitet. Wir können in dieser Phase kreativ sein, etwas Neues ausprobieren. Diese Möglichkeit gibt es nur selten.
VN: Was hat sich seit dem Amtsantritt von Alexander Wrabetz als Generaldirektor geändert?
Thurnher: Es ist Gott sei Dank alles neu. Lassen Sie uns also nicht über vergossene Milch diskutieren.
VN: Spürt man eigentlich - wenn man so intensiv mit Medien arbeitet - von Zeit zu Zeit eine Nachrichtenverdrossenheit?
Thurnher: Manchmal denkt man sich schon, gerade wenn man eine Zeit im Ausland verbringt, dass sich keine Schraube weitergedreht hat. Man kommt sich manchmal vor wie in diesen Soap Operas, wo es reichen würde, eine Folge in der Woche anzuschauen und man würde nichts dramatisch Wichtiges versäumen.
VN: Würde also eine ZiB pro Woche reichen?
Thurnher: Nein, nein, ich bin mir ganz sicher, dass die ZiB keine Seifenoper ist.
VN: Was verbindet Sie heute noch mit dem Ländle?
Thurnher: Die Sprache. Innerhalb der Familie sprechen wir nur Dialekt. Ansonsten kann ich das mit keinem Vorarlberger, auch nicht mit dem Elmar Oberhauser. Wenn man mich fragt, woher ich komme, würde ich nie sagen, dass ich aus Wien stamme. Ich bin immer eine Vorarlbergerin gewesen. Die Liebe zum Bregenzerwald und zu Kässpätzle sind mir auch geblieben. Und wahrscheinlich schlummert in mir auch ein bisschen "Schaffa, schaffa, Hüsle baua". Ausschließen würde ich es nicht.
ZUR PERSON
Ingrid Thurnher
Moderatorin
Geboren: 6. Juli 1962 in Bludenz Ausbildung: Publizistik, Theaterwissenschaften-, Wirtschaftsstudium Laufbahn: Seit 1985 beim ORF, seit 1995 Präsentation der ZiB 2. Im Zuge der Programmreform wird Thurnher ab 10. April die ZiB 1 moderieren.
Die gebürtige Bludenzerin Ingrid Thurnher moderiert ab 10. April die ZiB 1.
2007/03/26
2006/12/18
Hakoah - viennablog 18.Dez.2006
Die Hakoah kehrt heim in den Prater

Erich Sinai war von 1959 bis 1989 Präsident der Hakoah/
foto gantner
Der muskelschwache Jud
Damals sollte mit dem Bild des schwächelnden Juden aufgeräumt werden, was den Sportlerinnen und Sportlern der Hakoah auch durchaus gelang, die blau-weiße Klubfahne wurde mit Stolz getragen. Der Verein brachte es zu einer großen Zahl österreichischer Titel und Teilnahmen an internationalen Bewerben in allen möglichen Sportarten. Legendär die Erfolge der Schwimmerinnen, denen 2004 mit "Hakoah Lischot" ein filmisches Denkmal gesetzt wurde. Aber auch die Fußballmannschaft konnte Erfolge feiern. In der Saison 1924/25 wurde sie österreichischer Meister und erreichte im Jahr zuvor, was noch keiner österreichischen Fußballmannschaft bis dahin gelungen war: ein Auswärts–Sieg gegen ein englisches Team (Westham United).
Politischer Widerstand
In der Hakoah fand auch politischer Widerstand statt. Als sich die Hakoahnerinnen Ruth Langer, Judith Deutsch und Lucie Goldner weigerten, an der Olympiade 1936 in Berlin unter dem Hakenkreuz teilzunehmen, wurden sie vom österreichischen Schwimmverband lebenslang gesperrt – das Urteil wurde nach 1945 nicht revidiert. "1938 wurden die Vereinsstätten der Hakoah arisiert", erzählt Sinai. Sinai gelang es, zunächst nach Riga zu entkommen. Kurz bevor die deutsche Armee in Lettland einmarschierte, wurde er - obwohl von seinen eigenen Landsleuten verfolgt - als deutscher Staatsangehöriger von den Sowjets in ein Arbeitslager nach Kasachstan verschleppt. Sinai kehrte nach Wien zurück und mit ihm 5.000 Juden. Es dauerte nicht lange und die Hakoah wurde wieder gegründet. "Doch uns fehlte das Geld, um den Platz im Prater wieder aufzubauen", so Sinai.

Markus Rogan (beiger Mantel) und Erich Sinai (ganz r.)/
foto:hakoah.at
"Eine neue Ära der Hakoah"
Es sollte noch bis 2005 dauern, 60 Jahre nach Kriegsende, ehe das Grundstück der Hakoah auf Basis des "Washingtoner Abkommens" von 2001 restituiert wurde. Hakoah-Präsident Karl Haber brachte es anlässlich der Grundsteinlegung auf den Punkt: "Österreich hat versagt", zu viele könnten die Rückerstattung nicht mehr miterleben, auch aus Sinais alter Mannschaft "lebt heute niemand mehr". Dennoch "glauben wir, dass mit diesem Projekt die Nachkriegszeit ein Ende gefunden und die jüdische Gemeinde wieder einen angemessenen Platz bekommen hat", so Haber. Auch Sinai sieht eine "neue Ära der Hakoah" heranbrechen. Sinai kann die Sorge mancher Mitglieder der jüdischen Gemeinde nicht teilen, wonach den Juden wieder eine Ghettoisierung drohe. „Ich freue mich, dass an einem Ort Menschen verschiedener Generationen zusammen sein können“.

Ein in dieser Größe in Europa einzigartiges Projekt/
foto: hakoah.at
Der Bau des Hakoahzentrums in Wien Leopoldstadt schlägt ein neues Kapitel im Leben der jüdischen Gemeinde auf. Das FH-Magazin sprach mit Ehrenpräsidenten Erich Sinai.
Wien - "Es fehlen uns noch zweineinhalb Millionen Euro zur Aufrecherhaltung des Schwimmbads", erklärt Hakoah-Urgestein Erich Sinai im Gespräch mit dem FH-Magazin. Auf 20.000 Quadratmetern entsteht im Wiener Prater mit einem Sportclub, einer jüdischen Schule und einem Altenheim das größte jüdische Zentrum Europas. "Es war ein langer Weg. Ich habe ehrlich gesagt nicht mehr an eine Rückkehr der Hakoah in den Prater geglaubt. Auf jenen Platz, auf dem ich schon in den 30ern Handball gespielt habe“. Die Geschichte des traditionsreichen Sportclubs Hakoah (hebräisch: Kraft) spiegelt auch das Schicksaal der Wiener Juden im 20. Jahrhundert wider. „Vor 1938 lebten rund 200.000 Juden in Wien, nach dem Krieg 1945 waren es nur mehr 5.000, heute zählt die Israelitische Kultusgemeinde noch 7.500 Juden", erzählt Langzeit-Hakoah-Präsident Sinai. Doch Antisemitismus gab es in Österreich bereits vor 1938, was mit ein Grund für die Gründung eines jüdischen Sportvereins im Jahr 1909 war.Erich Sinai war von 1959 bis 1989 Präsident der Hakoah/
foto gantner
Der muskelschwache Jud
Damals sollte mit dem Bild des schwächelnden Juden aufgeräumt werden, was den Sportlerinnen und Sportlern der Hakoah auch durchaus gelang, die blau-weiße Klubfahne wurde mit Stolz getragen. Der Verein brachte es zu einer großen Zahl österreichischer Titel und Teilnahmen an internationalen Bewerben in allen möglichen Sportarten. Legendär die Erfolge der Schwimmerinnen, denen 2004 mit "Hakoah Lischot" ein filmisches Denkmal gesetzt wurde. Aber auch die Fußballmannschaft konnte Erfolge feiern. In der Saison 1924/25 wurde sie österreichischer Meister und erreichte im Jahr zuvor, was noch keiner österreichischen Fußballmannschaft bis dahin gelungen war: ein Auswärts–Sieg gegen ein englisches Team (Westham United).
Politischer Widerstand
In der Hakoah fand auch politischer Widerstand statt. Als sich die Hakoahnerinnen Ruth Langer, Judith Deutsch und Lucie Goldner weigerten, an der Olympiade 1936 in Berlin unter dem Hakenkreuz teilzunehmen, wurden sie vom österreichischen Schwimmverband lebenslang gesperrt – das Urteil wurde nach 1945 nicht revidiert. "1938 wurden die Vereinsstätten der Hakoah arisiert", erzählt Sinai. Sinai gelang es, zunächst nach Riga zu entkommen. Kurz bevor die deutsche Armee in Lettland einmarschierte, wurde er - obwohl von seinen eigenen Landsleuten verfolgt - als deutscher Staatsangehöriger von den Sowjets in ein Arbeitslager nach Kasachstan verschleppt. Sinai kehrte nach Wien zurück und mit ihm 5.000 Juden. Es dauerte nicht lange und die Hakoah wurde wieder gegründet. "Doch uns fehlte das Geld, um den Platz im Prater wieder aufzubauen", so Sinai.
Markus Rogan (beiger Mantel) und Erich Sinai (ganz r.)/
foto:hakoah.at
"Eine neue Ära der Hakoah"
Es sollte noch bis 2005 dauern, 60 Jahre nach Kriegsende, ehe das Grundstück der Hakoah auf Basis des "Washingtoner Abkommens" von 2001 restituiert wurde. Hakoah-Präsident Karl Haber brachte es anlässlich der Grundsteinlegung auf den Punkt: "Österreich hat versagt", zu viele könnten die Rückerstattung nicht mehr miterleben, auch aus Sinais alter Mannschaft "lebt heute niemand mehr". Dennoch "glauben wir, dass mit diesem Projekt die Nachkriegszeit ein Ende gefunden und die jüdische Gemeinde wieder einen angemessenen Platz bekommen hat", so Haber. Auch Sinai sieht eine "neue Ära der Hakoah" heranbrechen. Sinai kann die Sorge mancher Mitglieder der jüdischen Gemeinde nicht teilen, wonach den Juden wieder eine Ghettoisierung drohe. „Ich freue mich, dass an einem Ort Menschen verschiedener Generationen zusammen sein können“.
Ein in dieser Größe in Europa einzigartiges Projekt/
foto: hakoah.at
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