2008/05/15


Falter 20/08



Piraten a. D.


MEDIEN Seit zehn Jahren gibt es Privatradio in Österreich. Erkämpft wurde es auch von einer Gruppe junger Radiopiraten, die, von Hubschraubern gehetzt, im Wienerwald funkten. Eine Erinnerung.


Thomas Madersbacher sitzt in seinem Büro im siebten Bezirk, Dachgeschoß, Blick über Wien. Es ist schlicht eingerichtet, an der Wand ein Flachbildschirm, auf ihm läuft gotv - eine Erfindung von Madersbacher. Der gebürtige Tiroler trägt dezentes Schwarz, er überschlägt die Beine, blickt konzentriert zu Boden, wenn er sich erinnert, und erzählt - vom Leben eines Piraten in der kargen österreichischen Medienlandschaft Anfang der 90er-Jahre. Er spricht dann von Aktionismus, von medientheoretischen Diskursen, von gelebter Demokratie und Meinungsvielfalt. Irgendwann im Gespräch richtet er den Blick auf die verglaste Fensterfront und zeigt mit dem Finger auf Cobenzl und Kahlenberg. Madersbacher kennt die Gegenden gut, er saß in Baumkronen, installierte Antennen und beschallte Wien mit einem illegalen Radiosignal. Das Programm: Radio Boiler, 103,3 MHz. Einer von rund 30 illegalen Piratensendern. Madersbacher spricht von "massiven Verfolgungen durch Post und Polizei" und "von kriegsähnlichen Zuständen". Von einem tieffliegenden Hubschrauber sei er verfolgt worden. Madersbacher rannte vom Cobenzl bis nach Grinzing und entkam. Während in Europa Privatradio schon lange Normalität war, machten in Österreich bewaffnete Beamte Jagd auf Piraten.

Ende der 80er-Jahre gab es im Osten Österreichs keine Alternative zum ORF-Monopol: FS1 und FS2 im Kastl, Ö1 bis Ö3 im Radio. Das war's. "Man war schon froh, wenn man in Linz über Antenne ARD und ZDF schauen konnte oder wenn man das Glück hatte, in verkabelte Haushalte eingeladen zu werden. Das war noch was", erinnert sich Rüdiger Landgraf, Radiopirat der ersten Stunde, heute Programmchef von Kronehit-Radio. Zu einem Zeitpunkt, da dualer - also öffentlich-rechtlicher und privater Rundfunk - in Europa die Regel war, bildete Österreich mit einer ORF-Monokultur die Ausnahme: Privat-TV und privates Radio waren gesetzlich verboten. Erst seit zehn Jahren gibt es private Radiostationen und seit elf Jahren privates Fernsehen. "Freiwillig wurde in diesem Land noch nie Medienpolitik gemacht", sagt Madersbacher. Landgraf bemüht Berthold Brecht: "Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht." Die Piraten wurden aktiv - wider das Monopol, für Meinungsfreiheit und gelebte Demokratie. Spaßige Aufklärung, angereichert mit viel Adrenalin. Tote Briefkästen mit selbstgebastelten Sendern, konspirative Treffen im Café Rüdigerhof und in diversen Wohnungen in der Triester Straße und in der Rembrandtstraße, ständig Gefahr laufend, von Polizei und Post, die für die Frequenzen zuständig war, hopsgenommen zu werden. Hausdurchsuchungen standen auf der Tagesordnung. Zwischen 1991 und 1993 spielten Piraten und Gesetzeshüter Räuber und Gendarm. Die einen sendeten, die anderen peilten. Die Piraten wollten nicht akzeptieren, dass es in Österreich zwar möglich ist, Zeitungen zu verlegen, Privat- und freies Radio zu machen aber verboten sein soll. Eine illegale, bunte und bald bundesweite Radioszene war so entstanden. Von Radio Föhn in Vorarlberg bis Radio Hotzenplotz in Wien - insgesamt funkten 30 "Rundfunkanstalten" schwarz. "Jeder konnte mitmachen. Es war eine sehr pluralistische, undogmatische Struktur", erinnert sich Madersbacher.

Die Sender hießen Zorn, Boiler, Breifrei oder Radio Filzlaus, das erste Wiener Warmenradio. Ihre DJs gaben sich Synonyme, um unerkannt zu bleiben: Lotte Bonanza von Boiler, Hak Finn bei Radio Zorn und Luke Skywalker (Landgraf) bei Hotzenplotz. Die Themen waren ganz verschieden: Für die einen stand Musik im Vordergrund, für die anderen Politik, die Gleichstellung von Männern, Frauen oder Homosexuellen. Links-Linke, Marxisten, Feministinnen und Liberale gaben sich das Mikrofon in die Hand und sendeten über den Äther - auf 103,3 MHz.

Das war ein wenig Farbe in der grauen Radiowelt, in der es sich die Politik heimelig eingerichtet hatte. Seit Jahren war eine duale Medienlandschaft Thema in der Alpenrepublik, schließlich begann der deutsche Markt sukzessive heimische Werbegelder abzuschöpfen. Doch es blieb bei langen Diskussionen, die großen Koalitionen konnten sich nie auf ein Gesetz einigen. "Die bestehende Situation war für die Politik zu schön, schließlich hatte man das Medium unter Kontrolle", sagt Madersbacher und meint den nach den Gesetzen des Proporzes funktionierenden ORF. Landgraf glaubt, dass "sich vor allem die SPÖ vor privatem Kapital in den Medien gefürchtet hat. Man ging von einer enormen Meinungsbildungskraft des Radios aus". Konsequent nannte die Truppe um Landgraf, zu diesem Zeitpunkt Programmmacher von Radio Hotzenplotz ("wir suchten nach einem positiv besetzten Begriff für Illegalität"), ihren ersten Sender "Franzi" - Bundeskanzler Franz Vranitzky stand Pate, er galt den Piraten als "Betonierer", stellvertretend für alle anderen Politiker, die sich auf kein Gesetz einigen konnten. Franzi war ein 5-Watt-Sender, mit Endverstärker auf 40 Watt aufgemotzt - an Stereo war dabei nicht zu denken, doch für Mono reichte Franzi allemal.

Auch Doris Knecht war damals mit von der Partie. Die heutige Falter- und Kurier-Kolumnistin lebte in einer WG mit sechs anderen Piraten von Boiler, einer Truppe rund um Flex-Leute. Auch Madersbacher ging dort aus und ein. "Ein bisschen Post-68 und ein revolutionäres Ding", sagt sie heute. Damals begann sie einen Artikel für den Falter mit den Worten: "Der fünfte sonntägliche Livesendenachmittag der vereinigten Piraten Wiens hat mit der sofortigen und mehrheitlichen Ablehnung eines von irgendwem geforderten Alkoholverbots begonnen." Die Konsequenz: Man verlor mitunter an Deutlichkeit. Anlass zum Funkprotest war für sie, wie für viele andere auch, dass der ORF die "Musicbox" einstellte. "Dann gab es gar nichts mehr, wo unsere Musik gespielt wurde." Ein eigener Sender musste her. Am 31.3.1991 fand der erste Wiener Piratentag statt - die heiße Phase der Radiopiraterie begann. Polizei und Post waren überfordert. In den kommenden Monaten, bis Jahresende 1991, wurden 1400 Überstunden geschrieben, 6500 Kilometer mit Peilwägen der Post zurückgelegt. Hubschrauber kamen zum Einsatz.

Nicht ganz so viel Glück wie Madersbacher, der dem Hubschrauber entkam, hatte Wolfgang Hirner, heute Landesgeschäftsführer der Grünen in Salzburg und damals Gründer von Radio Bongo. Nach einer Sendung auf dem Untersberg rannte Hirner Richtung Stadt. Hinter ihm: ein Hubschrauber der Polizei, drinnen Polizisten mit Waffen im Anschlag. Hirner wurde mit einem Kollegen festgenommen. "Da ist mir das Lachen vergangen."

Das Spiel war dabei immer dasselbe: Piraten installieren eine Antenne auf einem möglichst hochgelegenen Punkt in oder um Wien. Zu Beginn der Schwarzfunkerei wurde hauptsächlich vom Wienerwald aus gesendet, später konnten die Piraten von den Universitäten aus on Air gehen. Anfangs sendete man einmal die Woche, nach einer gewissen Zeit gab es ein fixes Sendeschema: täglich von 17 bis 24 Uhr, am Wochenende schon ab 14 Uhr. Sobald man also eine vorproduzierte Sendung startete, die Kassette lief, musste man rennen, um den Beamten zu entkommen. Im Arsenal stellten die Angestellten der Funküberwachung derweil ein Signal auf ihrem Spektrenanalyzer fest, das da nicht hingehörte: jenes des Piratensenders. Obgleich sie auf den Analyzer auch hätten verzichten können, schließlich druckten Arbeiterzeitung und Standard das Piratenprogramm ab. Wurde dieses Signal festgestellt, wurde mit drei fixen Stationen in Wien eine Grobpeilung veranlasst, die Peilwägen der Post wurden losgeschickt, um die Piraten genauer zu lokalisieren. Die Piraten ihrerseits haben immer von wechselnden Standorten aus gesendet, um den Beamten das Leben schwerzumachen.

Gegen Ende der Piratenära, eine politische Einigung wurde immer konkreter, kam es dann zu einem "Gentlemen's Agreement" zwischen Piraten und Behörde. Seitens der Funküberwachung garantiert man freies Geleit trotz Schwarzfunk, im Gegenzug bekommen die Beamten einmal im Monat einen Sender überreicht - "eine österreichische Lösung", sagt Madersbacher.

Formal gesehen begingen Piraten eine Verwaltungsübertretung, ähnlich dem Falschparken. Das Problem: "Damals gab es noch unbedingte Haftstrafen bei Verwaltungsübertretungen", sagt Landgraf, "aber eingesperrt wurde meines Wissens niemand." Der Verstoß gegen das Fernmeldegesetz konnte bis zu 15.000 Schilling kosten. Insgesamt hat die Post bis Mitte 1993 rund 35 Sender beschlagnahmt. Diese kosteten ihrerseits auch einige tausend Schilling und wollten finanziert sein. Die Piraten führten also eine Piratensteuer ein. Auf Konzerten im Flex, der Arena und im Wuk wurden den Besuchern zehn Schilling abgeknöpft. "Die meisten haben auch brav gezahlt", erzählt Knecht. Das Geld wurde für Sender und Anwälte verwendet.

Und während die Piraten im Wienerwald von Bäumen sendeten, pendelten andere mehrmals die Woche zwischen Wien und Sopron (Antenne Austria) oder Wien und Bratislava. Georg Spatt ist einer von ihnen. Heute ist er Chef von Ö3, damals war er Chef von Radio CD, das von Bratislava aus Wien mit Musik versorgte. Ein slowakischer Staatssender, um die Bedürfnisse der Österreicher zu befriedigen. "Es war eine wilde Konstruktion: Österreichische Geschäftsleute, die mit der CÇSSR, dann mit der CÇSFR und schließlich mit dem slowakischen Rundfunk über Verträge festhalten, dass wir auf slowakischer Frequenz deutschsprachiges Programm für Österreich und die Slowakei machen." Ein Sender aus der ehemaligen Sowjetunion bot den Österreichern, was deren Staat nicht zu organisieren vermochte: Privatradio. Piraterie mit legalen Mitteln. Landgraf formuliert es so: "Die Leute von Radio CD waren keine echten Piraten. Die haben einfach eine Tatsache ausgenutzt, nämlich dass elektromagnetische Wellen auf österreichische Gesetze pfeifen." Die Motive der echten Piraten unterschieden sich tatsächlich von jenen der falschen. Radio CD ist von Beginn an als klassisches Privatradio konzipiert - mit Werbung und allem, was dazugehört. Den echten Piraten ging es dahingegen vor allem um politische Partizipation. Radio sollte jeder machen können. Die eine Szene hatte mit der anderen nichts zu tun. Doch die Zielrichtung war die gleiche: gegen das Establishment, gegen das Monopol, gegen den ORF. Und auch falsche Piraten erlebten Abenteuerliches. "Wir waren Gast in einem System, mit dem wir uns ständig arrangieren mussten." Spatt lebte eineinhalb Jahre in Bratislava, teilte sich eine WG mit anderen Radiomachern, im Schichtbetrieb pendelte er zwischen Wien und der Slowakei. "Es war ein ständiges Angewiesensein auf die Launen der Grenzkontrollen." Zigaretten und CDs im Gegenzug für zügiges Passieren waren keine Seltenheit.

Madersbacher beschreibt die Bedeutung beider - echter und falscher Piraten - heute so: "Es war eine Art Zangenbewegung. Haben die Piraten eher Druck auf die SPÖ ausgeübt, so waren die Privaten der ÖVP lästig." Letztlich war es eine Melange, die für die heutige Gesetzeslage verantwortlich ist - eine Melange aus ganzer und halber Piraterie, versehen mit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR). Einige freie Radios hatten Österreich vor dem EGMR wegen Verletzung der freien Meinungsäußerung angeklagt. Gleichzeitig arbeitete die Pressuregroup "Freies Radio" Gesetzesentwürfe aus, die den Politikern übergeben wurden. Die Verurteilung durch den EGMR ist schlussendlich Anlass für die große Koalition, 1993 ein Regionalradiogesetz zu verabschieden. Doch selbst dann sollte es noch fünf weitere Jahre, bis 1998, dauern, ehe Privatradio tatsächlich möglich war. Heute, zehn Jahre später, fällt die Bilanz unterschiedlich aus: Es gibt zwölf freie, nicht kommerzielle und rund 50 private Radiostationen in ganz Österreich. Piraten von einst hören die Privaten von heute nicht so gerne. Die Privaten von heute sind grundsätzlich zufrieden mit der Situation: "Aus einem Monopol wurde ein Oligopol. Ich kann heute hier sitzen und werde nicht verfolgt. Private Firmen können Nachrichten machen. Es gibt Pluralismus, und die Menschen haben die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Sendern zu wählen. Vielleicht hat man sich vor einigen Jahren mehr erwartet", sagt Landgraf. Aber man dürfe nicht vergessen: "In Österreich hören 70 Prozent der Menschen Privatradio. Dummerweise hört die Hälfte von ihnen Ö3." Doch das wird sich ändern, ist sich Landgraf sicher. Piraten außer Dienst, aber nicht im Ruhestand.

2008/04/15






Musik als Partnerbörse




Parov Stelar gastiert am 18.4. im Conrad Sohm. Für die VN traf ich den Linzer vor seinem Konzert im Wiener Flex.




Wie unterscheidet sich eine Parov Stelar mit Band von Parov Stelar ohne Band?

Für mich war es eine krasse Erfahrung zu sehen, dass Dinge, die in einem DJ-Set funktionieren, live überhaupt nicht funktionieren und umgekehrt. Ich bin dankbar, mit so professionellen Leuten zusammen arbeiten zu können. Mit Leuten, die mir gezeigt haben, was "live" überhaupt ist.

Wo liegt dabei der Reiz für dich als Produzent und DJ?


Bei einer Live-Band hörst du nicht nur, wie die Musik entsteht, sondern du siehst es. Da liegt für mich der große Unterschied zum DJ-Set. Du siehst die Leute arbeiten und schwitzen, es ist ein viel unmittelbarerer Prozess. Bei meinen Sets hab ich mehr Zeit, eine Stimmung zu erzeugen. Bei einer Live-Band würde es komisch wirken, wenn Musiker erst einmal eine Stunde Zeit brauchen würden bis sie so richtig in Fahrt sind. Die Kunst ist, die Leute von Beginn an zu begeistern.

Euch wird auch immer gern das Jazz-Markerl umgehängt. Stört das?

Der Jazz spielt in unserer Musik eine weitaus geringere Rolle als viele glauben. Er ist ein Input von mehreren. Auf unserem Surfbrett steht halt Jazz irgendwo drauf, die Welle, die kommt, kennen wir nicht. Uns ist es wichtig, nicht nur alte Sachen wiederzugeben oder nur neuen Trends hinterher zu rennen. Es passieren im Moment sehr spannende Sachen: Der ganze Synthie-Wahnsinn und die Bands aus Frankreich – da geht’s wieder um was. Aber richtig spannend wird’s meiner Meinung nach erst durch die Kombination. Zum Schnitzel braucht man schließlich auch Reis und einen Erdäpfelsalat dazu.


Wer inspiriert Eure Musik?

Das reicht von bis. Wie bereits erwähnt: Die Sachen, die gerade aus Frankreich kommen - wie Sebastian oder das letzte Justice-Album. Gleichzeitig höre ich mir auch Klassiker wie Dave Brubeck und Artie Shaw an. Die Abwechslung spielt eine sehr große Rolle.

Wie entstehen die Nummern?

Das ist wie mit einer Partner-Börse: Wir basteln einen Beat und einen Soundteppich und schauen, wer passt zu dazu.

Und wird man immer fündig?

Nein. Ich hab sicher zweimal in der Woche Depressionen. Weil eben nichts passt. Aus zehn Verkuppelungen gehen vielleicht zwei glückliche Paare hervor, alle anderen lassen sich wieder scheiden.

Eignet sich Linz als Labelstandort und Platz für Musiker?

Überhaupt nicht. Linz begegnet Musik mit Desinteresse und mit Ignoranz. Es passiert musikalisch genau gar nichts. Sämtliche Spielwiesen, die es einmal gab, werden klein gehalten oder geschlossen. Ich weiß nicht, woran es liegt – sind es die Leute, die Politik, ich weiß es nicht.

Ihr habt viel Tour-Erfahrung im Süden und im Osten Europas gesammelt. Wie lief es da?


Wenn wir im Süden spielen, ist die Bereitschaft der Leute größer, sich auf Neues einzulassen. Hier haben die Leute oft Probleme, sich gehen zu lassen. Man bekommt den Eindruck, dass das Publikum in reicheren Ländern träger ist als anderswo. Jeder hat zuhause eine Dolby-Surround-Anlage und einen riesigen Fernseher stehen. Da bleibt man gerne mal zu Hause.

Welche Pläne gibt’s für die Zukunft?

Ende April kommt die neue EP „Flame of Fame“ raus, mit vier Tracks. Ein neues Album kommt frühestens 2009.

Was ist das Erfolgsrezept von Parov Stelar?


Wir erreichen Leute, die von sich aus nicht so auf elektronische Musik stehen, weil wir Vertrautes mit Neuem mischen. Wir machen durchaus auch Musik mit Kanten, weil das ganz Glatte ist da und gleich wieder vergessen.

Wieso heißt Marcus Füreder Parov Stelar?

Keine Ahnung. Als Kind war ich immer Fan von Agentenfilmen und zum Zeitpunkt des Mauerfalls hab ich in Berlin gelebt. Man hat gemerkt: Da kommt was Neues – deshalb Parov. Stelar heißt Sterne und ist wahrscheinlich auf meine esoterische Ader zurückzuführen.

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Zur Person

Marcus Füreder aka Parov Stelar ist Produzent und DJ im Bereich Jazz, House, Elektro und Breakbeat. Die Band des 33-jährigen Linzers besteht aus professionellen Musikern. Die Musik klingt wie eine Mischung aus Jestofunk und Shirley Bassey gemischt mit Füreder´schen Beats. Bisher hat Füreder drei Alben auf seinem eigenen Label Etage Noir veröffentlicht.

Parov Stelar mit Band, am 18.4. im Conrad Sohm in Dornbirn.



foto parovstelar.com

2008/04/05





Mengenlehre in der Malerei

Alexander Waltner, geb. 6.10.1968,

Maler, lebt in Wien

Er bietet nicht wenig, sondern alles. „Alle Vorurteile auf einen Blick“, lautet der Titel seiner Ausstellung, die am siebten November im Wiener Künstlerhaus eröffnet wird. Alexander Waltner malt seit 15 Jahren Bilder auf Groß- und Kleinformat. Gewaltig sind die Bilder, ohne Kompromisse und in Farbe. „Die Bilder sollen beim Betrachter etwas auslösen.“ Seine figurative Malerei soll funktionieren, neu erfinden und nicht bloß wiedergeben. Der Körper steht im Mittelpunkt der Arbeiten. Dem gebürtigen Dornbirner geht es um die Positionierung der Figur im Raum, um Interessen, Abhängigkeiten, um Spannungen. Er nennt es „Mengenlehre in der Malerei“. Zu sehen sind die Bilder im November, im Rahmen einer Einzelausstellung im Wiener Künstlerhaus.

2008/03/26

FALTER/26.3.08

Nicht nur freitags


ACCESSOIRES Die neuesten Planentaschen der Stadt kommen aus Ottakring.

Josef ist nicht so der abstrakte Typ. "Ich hab geometrische Formen lieber", sagt der 34-jährige Wiener über sich. Josef näht Planentaschen aus gebrauchten Werbeplanen. Täglich eine. Im H/K/E (die Abkürzung steht für Handwerk, Kunst, Entwicklung) der Caritas in Ottakring sitzen Leute in der Auslage. Vor ihnen stehen Nähmaschinen, hinter ihnen an den Wänden hängen Planentaschen in verschiedenen Farben, unterschiedlich bedruckt, unterschiedlich groß, zum Umhängen oder Einstecken.

Die Näher, die
hier arbeiten, mögen exponiert im Schaufenster sitzen, das Geschäft ist dennoch vielen Leuten unbekannt. "Manchmal kommen zwei bis drei Leute am Tag hier vorbei. Manchmal auch weniger", beschreibt Projektleiter Michael Kozeluh das Laufkundenverhalten. Die Taschen dürften weniger dafür verantwortlich sein als vielmehr die Lage des Ladens. Für Josef ist das H/K/E jedenfalls eine Möglichkeit, wieder zurück ins Berufsleben zu finden. Anfangs war er skeptisch, heute gefällt ihm seine Arbeit. Er ist seit zwei Jahren clean, und seit zwei Monaten arbeitet er zwölf Stunden in der Woche in der Sozialeinrichtung

Dass er einmal halbtags hinter einer Nähmaschine sitzen würde, hätte er früher nicht gedacht. "Heute nähe ich am liebsten, obwohl ich früher das Klischee vor Augen hatte, dass Nähen eher Frauensache ist." Josef lacht. So wie er nähen noch 19 andere langzeitarbeitslose Männer und Frauen zwischen 19 und 35 Jahren aus ehemaligen Reklameplanen Taschen, Geldbörsen oder Papierkörbe. "Es sind beispielsweise Migranten, die hier noch nicht Fuß gefasst haben, Leute mit Drogenkarrieren oder ganz einfach Menschen, die irgendwie den Anschluss an ein normales Berufsleben verpasst haben", erklärt Kozeluh.

Das Ziel: den Menschen mittels geringfügiger, aber sinnvoller Beschäftigung eine Perspektive und Kunden ein schmuckes Tascherl zu geben. "Wir therapieren hier nicht. Die Leute sind in erster Linie hier, um wieder zu arbeiten." In einem halben Jahr soll Josef weitervermittelt werden. Wohin die Reise gehen wird, weiß er selbst noch nicht. "Mit 34 Jahren ist das nicht mehr so einfach." Finanziert wird das Caritas-Projekt mit Geldern von Stadt und EU. "Aber ohne die Unterstützung privater Spender wär das Ganze nicht zu machen." Planentaschen wie vom Schweizer Label Freitag, aber die ganze Woche in Ottakring, kosten übrigens zwischen zehn und 35 Euro.


H/K/E, 16., Ottakringer Straße 149, Tel. 585 60 54, Mo, Di, Do, Fr 9-15.30 Uhr oder gegen Voranmeldung.

fotos falter und caritas

2008/03/25

Im Gedenkjahr ein GedenkNein

Der Herr auf dem Bild gibt zu: "Der Vergleich ist hart aber griffig". Aber wenn es darum geht, den EU-Reformvertrag schlecht zu machen, sind scheinbar alle Mittel recht, aber vor allem billig und geschmacklos.


foto gantner

2008/03/14





Kurier

- Martin Gantner


Ein Leben für die Schellack-Platten

Stadt-Menschen - Günther Schifter ist auch mit 84 nicht leise

Günther Schifter legt eine Schellackplatte auf und beginnt zu wippen. Es hat sich viel geändert in den letzten Jahren, Schifters Liebe zu Jazz und Swing ist geblieben. Das typische Schifter-Lachen auch. Schifter lacht viel. Wenn er von seinen Radiosendungen erzählt, von "Western Saloon" oder "Music Hall", von "Klingenden Kleinigkeiten" und dem "Alten Plattenmann", dann spürt man die Begeisterung des 84-jährigen. Er erzählt die Dinge mit der Lässigkeit eines alten Jazzers, und das Wort "Jazz" spricht Schifter gedehnt: "Jaaaazz". Schifter hat den Blues.

50 Jahre lang, bis 1999, geht "Howdy" über den Äther. Er macht Sendungen für Radio und Fernsehen. Auf Ö3 präsentiert er Songs und Geschichte. "Ich weiß gar nicht mehr, was ich alles gemacht habe", sagt Schifter. Aber: "Wir haben damals Sendungen gemacht, die genau so gut waren wie heute. Nur interessanter, weil noch neu." Lachen.

Schifter sitzt in seinem Büro im neunten Bezirk. Tausende Schellacks reihen sich auf wenigen Quadratmetern bis an die Decke aneinander, daneben ein Grammofon und alte Fotografien. "Mittlerweile sind es etwa 30.000 Schellacks", sagt Schifter. Er sammelt seit seiner Kindheit. Mit vier Jahren will er schon die Namen von Louis Armstrong und Duke Ellington geschrieben haben. "Mit zehn Jahren war ich schon recht etabliert."

Und auch im Krieg blieb der gebürtige Wiener der von den Nazis verbotenen, "entarteten Musik" treu. Schifter hörte die Feindsender BBC und Radio Straßburg. "Darauf stand Zuchthaus". Die Gestapo wurde auf ihn aufmerksam. Kurze Zeit war Schifter bei der Wehrmacht, wurde jedoch als untauglich befunden und versetzt. Zu seinem Glück zur Firma Schrack, die Radiogeräte herstellte.

Als der "Irre von Braunau" (Zitat Schifter) besiegt war, begann die Karriere als Radio- und Fernsehmoderator beim ORF. "Es war a Hetz. Wenn ich wieder auf die Welt komme, werde ich dasselbe noch einmal machen." Lachen.


bild von MentalWorks
www.schifter.mediathek.at



acht eier gelegt...


in den vergangenen 2,5 monaten wurden in medianet / healtheconomy acht spitäler porträtiert. jedes für sich spannend und auch alle trägerschaften, gleich ob orden, stadt, privat, in sich schlüssig. abgesehen von den privaten spitälern, haben alle eine sache gemeinsam: ihnen fehlt das geld.

ob die regierung unter bundeskanzler gusenbauer und gesundheitsministerin kdolsky, den ganz großen wurf, nämlich eine allumfassende gesundheitsreform und somit auch eine spitalsreform, auf die reihe zu bringen, darf unter den momentanen umständen wohl eher bezweifelt werden.

sicher ist: die reform wird kommen, weil sie früher oder später kommen muss. besser früher als später, auch auf die gefahr hin, dass angesichts der vielen player, die in dieses spiel involviert sind, ein kompromiss (und somit eine klassische großkoalitionäre lösung) nicht möglich ist, sondern allein eine echte reform, welche zahlungsströme transparent gestaltet und vereinheitlicht.

ich hoffe, sie hatten spaß beim lesen...


bild www.flickr.com von Miala

2008/03/05

KURIER

"Werte Reisende" reisen lieber

Stadtmenschen - Raimund Korners ungewöhnliche Durchsagen sind stadtbekannt

Angefangen hat alles mit: "Bitte beachten Sie, dass das Ein- und Aussteigen nach Abfertigung des Zuges unerwünschte Nebenwirkungen haben kann." Das war vor knapp zwölf Jahren. Heute ist Raimund Korner stadtbekannt. Mit seinen Durchsagen heitert er auf, er weist zurecht, bittet "bewährte Gepflogenheiten auch im dritten Jahrtausend beizubehalten".

Seit 28 Jahren ist Korner U-Bahnfahrer, davor ist er sieben Jahre mit der Tramway durch Wien gefahren. "Ein erhebendes Gefühl, mit einem 20 bis 30 Tonnen schweren Gefährt durch die Stadt zu fahren", sagt der 56-Jährige. Lange bevor er den Autoführerschein besaß, fuhr Korner als Student mit dem 58er-Wagen die Mariahilfer Straße entlang.

Ursprünglich wollte der gebürtige Amstettner Lehrer werden, studierte Geschichte und Geografie, ehe irgendwann der Universität den Rücken kehrte. "Bereut hab ich meine Entscheidung eigentlich nie. Wahrscheinlich wär ich kein guter Lehrer geworden", glaubt er heute.

Wenngleich er auch lehrerhaft auftreten kann. Er schafft das, was so mancher Lehrer nicht vermag: Randalierende Jugendliche werden rot, wenn Korner "die Burschen, die mit dem vielen Testosteron noch nicht umgehen können" zurechtweist - freilich übers Mikrofon.

Reaktionen

Schon lange wird er der "U-Bahnpoet" genannt. Doch Poesie ist nicht jedermanns Sache. "Die Reaktionen sind völlig unterschiedlich", erzählt er, "die positiven überwiegen aber." Von Applaus über Stinkefinger bis hin zu Entschuldigungen ertappter Fahrgäste ist alles dabei. "Aber Wien ist ein guter Boden für meine Ansprachen. Ich weiß nicht, ob das in Göttingen möglich wäre", scherzt Korner.

Gesammelte Zitate gibt es keine. Will man Korners Reden hören, empfiehlt es sich, mit der U4 zwischen Heiligenstadt und Hütteldorf zu pendeln. "Da treib ich mein Unwesen."


foto www.flickr.com von xizoom