2008/11/27

"Terror in dieser Dimension war nicht abzusehen"








































Christian Wagner ist Indien-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Im Interview mit ZEIT ONLINE spricht er über Motive und Folgen der Anschläge




ZEIT ONLINE:
Angesichts der jüngsten Anschläge in Indien ist die Rede von einer neuen Qualität des Terrorismus. Wodurch zeichnet sich diese aus?

Christian Wagner: Die neue Qualität kommt daher, dass wir zum einen das erste Mal direkte Angriffe auf Ausländer, auf Touristen haben, zum anderen weil es vermutlich einheimische, indische Muslime sind, die diesen Terrroanschlag durchgeführt haben. Die Gruppe Deccan Mujahideen gab es zuvor noch nicht und ich vermute, sie gehört in das Umfeld der indischen Mujahedeen, die bereits in den letzten Wochen und Monaten für eine Reihe von kleineren Anschlägen in Delhi und in anderen Orten verantwortlich waren. Wenn es indische Muslime wären, dann würde das darauf hindeuten, dass sie Verbindungen haben zu internationalen Terrororganisationen. Vorbereitung, Durchführung, Logistik und Organisation sprechen dafür, dass wir es hier mit erfahrenen Terrorgruppen zu tun haben und das würde natürlich auf al-Quaida und auf islamistische Gruppen in Pakistan hindeuten.

ZEIT ONLINE: Wieso spricht man hier von der Handschrift von al-Quaida?

Wagner:
Zum einen, weil Ausländer und Touristen gezielt attackiert werden. al-Quaida hat Indien ja vor einigen Jahren den Krieg erklärt. Man will die Region Kaschmir befreien und die indische Union islamisieren. Hier aber ist es wohl vor allem der Angriff auf die westlichen Staatsbürger, der ein typisches al-Quaida-Merkmal aufweist.

ZEIT ONLINE:
Was sind das für Leute? Attentäter aus Indien selbst?

Wagner:
Das wird die große Frage sein. Die indische Regierung verweist ja auf Spuren, die außerhalb Indiens liegen. Was die Art und Weise der Durchführung anbelangt, kann das durchaus sein, aber es gibt auch die Diskussion in Indien, dass sich die Muslime in Indien selbst zunehmend radikalisiert haben und dass es vor allem unter der jüngeren Generation der Muslime hohe Unzufriedenheit gibt. Und wenn es militanten Gruppen gelingen sollte, aus diesem großen Reservoir Kämpfer zu rekrutieren, dann steht man hier wirklich vor einer neuen Qualität des Problems, einer neuen Qualität des Terrors.

ZEIT ONLINE:
Warum ausgerechnet jetzt?

Wagner: Es gibt eigentlich keinen ersichtlichen Grund. Diese Anschläge waren ja in der Vergangenheit immer wieder dazu gedacht, den Friedensprozess zwischen Indien und Pakistan zu torpedieren. Das hat nicht funktioniert. Wir haben gegenwärtig Landtagswahlen in Kaschmir. Für mich ist nicht eindeutig ersichtlich, weshalb die Anschläge ausgerechnet jetzt passiert sind.

ZEIT ONLINE:
15 Bombenanschläge in etwas mehr als fünf Jahren. War solch ein Anschlag absehbar oder gar zu verhindern?

Wagner: Es war vermutlich abzusehen, dass es in Indien eine Reihe von sozialen Konflikten gibt. Dass der Terror solch eine Dimension annimmt, war jedoch nicht abzusehen. Es gab und gibt einfach eine wachsende Unzufriedenheit bei den ärmeren Bevölkerungsgruppen, die nicht an den Früchten der Entwicklung der letzten Jahre beteiligt waren. Das stellt die indischen Sicherheitskräfte vor völlig neue Herausforderungen. Denn es gibt eine Vielzahl solcher Terrorgruppen, die nicht zu Verhandlungen bereit sind.

ZEIT ONLINE:
Wie sieht die Situation der muslimischen Minderheit in Indien aus?

Wagner:
Sie werden als gesellschaftliche Minderheit eher vernachlässigt. Das heißt sie haben weniger Zugang zu Bildung, Einkommen und Beschäftigung und somit haben sie weniger vom wirtschaftlichen Wachstum in den vergangenen Jahren profitiert.

ZEIT ONLINE: Wie funktioniert das Zusammenleben von Hindus und Moslems?

Wagner:
Es ist in den meisten Fällen ein friedliches Nebeneinander, aber es kommt im lokalen Kontext auch immer wieder zu Spannungen. Ich sehe auch nicht, dass sich die muslimische Minderheit mit den Terroristen solidarisiert. Es gibt einfach eine kleine Minderheit unter den Muslimen, die sich radikalisiert hat.

ZEIT ONLINE:
Welche Konsequenzen sehen sie für die muslimische Minderheit in Indien?

Wagner:
Ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten Tagen eine Reihe von Attacken auf Muslime in Bombay, aber auch in anderen Orten sehen werden. Es gibt in diesen Orten einfach die Tradition von religiösen Unruhen. So ein Anschlag schürt dann natürlich Rachegefühle seitens militanter Hindus.



ZEIT ONLINE:
Wie ist es zu bewerten, dass Pakistan sogleich die Zusammenarbeit auf geheimdienstlicher Ebene angeboten hat? Nach früheren Anschlägen stand Pakistan noch immer gleich unter Generalverdacht?

Wagner: Indien und Pakistan haben sich bereits vor einem Jahr dazu entschlossen, im Bereich des Terrorismus zusammenzuarbeiten. Das gelang bisher nur sehr schleppend. Es wäre natürlich eine völlig neue Qualität der bilateralen Beziehungen. Man wird abwarten müssen, ob die indische Regierung auf dieses Angebot eingehen wird. Beide Länder haben hier ja auch eine gemeinsame Sicherheitsbedrohung. Somit könnte es sein, dass dieser Anschlag gar den Prozess der Annäherung noch mal verstärkt, auch wenn das Ziel des Anschlags vermutlich war, diesen Prozess der Annäherung zu torpedieren.

ZEIT ONLINE: Ist also eine Beteiligung Pakistans an den Anschlägen auszuschließen?

Wagner:
Ich würde schon davon ausgehen, dass wir hier keine unmittelbare Beteiligung von pakistanischen Stellen vorliegt. Die Politik Pakistans zielt deutlicher als früher auf eine Annäherung mit Indien ab. Außerdem ist Pakistans Armee mittlerweile mit einem ähnlichen Problem an der Grenze zu Afghanistan konfrontiert. Und auch im Land selbst kommt es häufig zu terroristischen Angriffen von islamistischen Terrorgruppen. Daher glaube ich nicht, dass der Prozess der Annäherung beeinträchtigt wird. Im schlimmsten Fall wird es zu einer Pause in den Verhandlungen kommen.

ZEIT ONLINE: Muss man sich auf weitere Anschläge in nächster Zeit in Indien einstellen?

Wagner:
Ja, ich glaube wir werden noch eine Reihe von weiteren Anschlägen sehen. Nächstes Jahr sind Wahlen in Indien und das Thema "Innere Sicherheit" ist eines der beiden großen Themen neben der wirtschaftlichen Entwicklung. Und es gab ja bereits in den vergangenen Wochen immer wieder kleinere Anschläge, also ist davon auszugehen, dass wir weiterhin Terroranschläge in unterschiedlicher Form sehen werden. Vermutlich nicht in diesem Ausmaß.

ZEIT ONLINE:
Wie kann man sich Reaktionen von Hindus vorstellen. In Form von Übergriffen oder auch in Form von Anschlägen?

Wagner:
In Form von Übergriffen, eventuell auch in Form einzelner Anschläge. Man spricht in Indien mittlerweile auch von einem Hindu-Terrorismus. Hier wird man abwarten müssen, wie sich die militanten Hindus organisieren werden.

ZEIT ONLINE: Wie kann dem Problem in Indien Abhilfe geschaffen werden?

Wagner:
Wenn es indische Muslime waren, dann sind wohl die ökonomische Diskriminierung und die soziale Diskriminierung der Muslime für die Entwicklung verantwortlich. Dann müssten Entwicklungsmaßnahmen deutlich ausgeweitet werden. Das haben zwar Regierungen in der Vergangenheit immer wieder versprochen, aber wenig davon umgesetzt. Wenn es pakistanische Gruppen waren, denen es um die Torpedierung des Friedensprozesses ging, dann ist es vor allem ein Problem, das mit polizeilichen Mitteln bekämpft werden muss. Es könnte aber auch eine Mischung von beidem sein.

Die Fragen stellte Martin Gantner.


foto www.flickr.com von jusincase_ryc

2008/11/26

Die große Leere










© ZEIT ONLINE 26.11.2008




David Goecker arbeitet mit Menschen, die mit pädophilen Neigungen leben müssen. Ein Interview über Folgen und Motive des Konsums von Kinderpornografie



ZEIT ONLINE: Herr Goecker, was halten Sie von dem Vorschlag von Familienministerin Ursula von der Leyen, Websites mit kinderpornografischen Inhalten sperren zu lassen?

David Goecker: Ich begrüße den Vorschlag, weil zu hoffen ist, dass durch einen kleineren Markt auch weniger Kinder für die Herstellung pornografischen Materials sexuell missbraucht werden.


ZEIT ONLINE:
Das Problem hat durch das Internet eine neue Dynamik erhalten. Medien sprechen von einer "Generation Porno“, die Berichterstattung suggeriert, dass es auf einmal auch mehr pädophile Menschen gibt.

Goecker: In der Regel ist es so, dass die sexuelle Präferenz schon vor dem Konsum vorliegt. Auch wenn zahlreiche Betroffene glauben, erst durch den Konsum solcher Bilder pädophil geworden zu sein. In der Tat ist es aber so, dass pädosexuelle Wünsche zu dem Konsum von Kinderpornografie hinführen.


ZEIT ONLINE:
Hat der Konsum des Materials auch irgendwelche Auswirkungen auf das sexuelle Verhalten der Betroffenen?

Goecker: Wie sich der Konsum letztlich auf das Sexualverhalten auswirkt, das heißt, ob dadurch das Risiko eines realen sexuellen Übergriffs erhöht wird, darüber kann derzeit nur spekuliert werden.


ZEIT ONLINE:
Welche Rolle spielt der Konsum bei Pädophilen?

Goecker: Die meisten Pädophilen haben Erfahrungen mit kinderpornografischem Material. Es gibt einige, die schauen sich Unterhosen- oder Badehosen-Models an, andere betrachten Akt- und FKK-Bilder, wiederum andere jedoch auch sexuelle Handlungen zwischen Kindern und Erwachsenen.


ZEIT ONLINE:
Der kanadische Psychiater Norman Doidge sagt, die Mechanismen, die beim Konsum von Pornografie greifen, seien ähnlich wie das Phänomen des Pawlow´schen Hundes. Man würde konditioniert, verlange immer mehr und entdecke unter Umständen neue sexuelle Präferenzen.

Goecker: Das berichten auch teilweise Patienten von uns. Aber wenn man nicht pädophil ist, kann man noch so viel kinderpornografisches Material anschauen und wird in der Regel immer noch Abbildungen von Erwachsenen zur sexuellen Erregungssteigerung bevorzugen. Auf die sexuelle Präferenz hat der Konsum von Kinderpornografie vermutlich keine große Auswirkung. Dadurch dürfte es nicht mehr pädophile Menschen geben als zuvor. Es gibt einige, bei denen die Pädophilie nur einen Teil der sexuellen Präferenz ausmacht, die werden durch den Konsum möglicherweise eher auf ihr Verlangen aufmerksam gemacht.


ZEIT ONLINE:
Beschreiben Sie das Dilemma, in welchem sich Pädophile befinden.

Goecker: Es ist so, dass Pädophile ja keine Möglichkeit haben, ihre Sexualität mit dem gewünschten Sexualpartner, nämlich einem Kind, auszuleben. Sie fantasieren sexuelle Beziehungen mit Kindern und schauen sich kinderpornografische Bilder bis hin zum Orgasmus an. Allerdings hinterlässt das auch immer wieder ein Gefühl der Leere. Pädophile verlieben sich ja auch in die Kinder und wünschen sich eine Beziehung auf Augenhöhe mit ihnen. Diese Bedürfnisse werden durch den Konsum von Kinderpornografie aber nicht befriedigt. Und weil dieses Begehren unerfüllt bleibt, kann das auch dazu führen, dass der Konsum von kinderpornografischem Bildmaterial zunimmt.


ZEIT ONLINE: Leiden Pädophile unter Gewissensbissen?

Goecker: Es gibt einige Pädophile, die für sich eine Grenze gezogen haben und sich nur FKK-Bilder anschauen, aber dann gibt es auch einige, die sich sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen anschauen und das Leid entweder ausblenden oder überhaupt leugnen. In einigen seltenen Fällen, wenn zusätzlich ein Sadismus vorliegt, kann das Leid der Kinder die sexuelle Erregung zusätzlich steigern.


ZEIT ONLINE: Pädophile Männer unterliegen ja oft der Vorstellung, die Kinder würden sich ebenfalls eine Beziehung zu ihnen wünschen. Wird das durch den Konsum noch weiter unterstützt?

Goecker: Wenn Pädophile sich Bilder mit sexuellen Handlungen zwischen Kindern und Erwachsenen anschauen, müssen sie sich dabei teilweise eingestehen, dass Kinder darunter leiden. Doch manche leugnen das auch, um sich sozusagen selbst zu schützen und den eigenen Konsum zu legitimieren.


Fragen von Martin Gantner




-------

Portrait

David Goecker

David Goecker ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Spezialist auf dem Gebiet der Sexualmedizin. Als solcher ist er als freier wissenschaftlicher Mitarbeiter in das Präventionsprojekt "Dunkelfeld" am Berliner Charité eingebunden und leitet in diesem Rahmen auch eine Therapiegruppe mit pädophilen Männern.

In dem nach Angaben der Klinik weltweit einmaligen Forschungsprojekt haben bisher rund 20 betroffene Männer, die sexuelle Neigungen gegenüber Kindern verspüren, eine Spezialtherapie beendet. Nach Ärzteangaben nahmen bei allen potentiellen Tätern Wahrnehmungsstörungen ab, wonach beispielsweise Kinder nach Sex verlangen.

2008/11/25

Viel Lob und ein wenig Tadel

Von Martin Gantner | © ZEIT ONLINE 25.11.2008


Der Vorschlag, kinderpornografische Seiten zu sperren, stößt auf Zustimmung. Gelöst ist das Problem jedoch nicht. Der Kampf kann nur an vielen Fronten gewonnen werden.




Mit dem Vorschlag, Seiten mit kinderpornografischen Inhalten sperren zu wollen, rennt Familienministerin Ursula von der Leyen offene Türen ein – bei anderen Parteien, Opferschutzorganisationen, Täterpräventionsstellen und verschiedenen Experten. "Ja wir begrüßen den Vorstoß", steht zu Beginn eines jeden Gesprächs, und am Ende dann ein leises "aber", das verdeutlichen will: Es kann nur ein Teil eines umfassenden Maßnahmenpakets sein, um Kinderpornografie effektiv entgegenzutreten. Denn der Kampf gegen sexuelle Ausbeutung von Kindern im Internet ist ein Kampf an vielen Fronten. Die technische Front und die Frage, wie und ob solche Webblocking-Methoden greifen, ist nur eine unter vielen.


"Wir mähen den Rasen einmal ab, drehen uns um und stellen fest: Schon wieder alles nachgewachsen", sagt Peter Vogt. Vogt leitet die Zentralstelle zur Bekämpfung gewaltdarstellender und pornographischer Schriften in Sachsen-Anhalt. Er gilt als Koryphäe im Kampf gegen Kinderpornografie. "Wir haben gerade eine einschlägige Seite im Netz beobachtet: 49.000 Klicks in nur zehn Tagen. Die Nachfrage ist enorm."


Von der Leyen zitiert eine britische Studie, wonach 80 Prozent der betroffenen Kinder unter zehn Jahre alt sind, 33 Prozent unter drei und weitere zehn Prozent sogar jünger als zwei Jahre. Allein 2007 deckte die Polizei rund 9000 Fälle des Besitzes und der Beschaffung von einschlägigem Material auf. Und nun soll die „Datenautobahn für Kinderpornografie“ (Von der Leyen) geschlossen werden.


"Ich widerspreche niemandem, der den Kampf gegen Kinderpornografie aufnimmt, aber ich werde den Teufel tun und ihnen erklären, wie ich in 60 Sekunden solch eine Websperre umgangen habe", sagt Vogt. Er ist sicher, die Anbieter werden auf diese Strategien mit neuen Strategien antworten. "Aber das Leben wird Händlern und Konsumenten schwerer gemacht. Daher ist es auch eine gute Maßnahme. Denn jeder Klick zeigt den Anbietern: Hier ist ein Markt. Wenn weniger geklickt wird, werden auch weniger Kinder missbraucht."


Die Maßnahme wird den Brand bekämpfen, löschen kann es das Feuer nicht. Ein Grund hierfür ist, dass Kinderpornografie ein Markt ist, der mittlerweile zwar Milliardenumsätze generiert, der aber primär nicht monetär angetrieben wird. Korinna Kuhnen hat das Buch Kinderpornographie und Internet geschrieben und sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt. "Man schätzt, dass rund 70 Prozent der Täter Neigungstäter sind. Sie tauschen die Bilder untereinander unentgeltlich, verbreiten und konsumieren sie." Nur rund 30 Prozent des Konsums würden kommerzielle Angebote ausmachen.


Aber dass Leute pornografische Bilder von A nach B schicken, kann nicht verhindert werden. "Da machen wir uns was vor", sagt Vogt. Der Oberstaatsanwalt wurde viel kritisiert, weil er in einem Zeitungsinterview gesagt hat: "Wir haben den Kampf bereits verloren." Vogt steht weiterhin dazu. Bilder, die über Mail oder Chat gehandelt werden, könnten nicht verhindert werden. Einzig der industrielle Zweig kann und muss bekämpft werden. Und zwar schnell, denn das Problem hat an Schärfe gewonnen.


Vorbei sind die Zeiten, als komplizierte Briefkastensysteme und verklausulierte Zeitungsannoncen die Nachfrage nach Kinderpornografie zu befriedigen suchten. Heute genügen wenige Klicks am Schreibtisch. Und geklickt wird viel. Naiin ist eine Art Internetbeschwerdestelle, eine Initiative gegen Internet-Kriminalität. 75 Prozent der Beschwerden, knapp 20.000 jährlich, zeigen Seiten mit kinderpornografischen Inhalten an, sagt Dennis Grabowski.


Dass die Kinder immer jünger und die sexuellen Handlungen in ihrer Darstellung immer drastischer würden, wie Frau Von der Leyen behauptet, kann Grabowski "in der Tendenz bestätigen. Globalstatistiken gibt es aber keine." Auch er begrüßt die Initiative, nennt sie aber gleichzeitig, eine "Bankrotterklärung an Justiz und Politik". Deutschland würde durch das Gesetz zu einer Insel, an deren Grenzen kinderpornografischen Seiten die Einreise verboten wird. Die Inhalte bleiben im Netz, sie werden bloß vor deutschen Nutzern abgeschottet. Es bedeutet ein Eingeständnis, dass Kinderpornografie nicht unterbunden, sondern bestenfalls an immer neuen Fronten immer neu bekämpft werden kann.


Grabowski, Kuhnen und Vogt fordern daher zusätzliche Maßnahmen. Der Oberstaatsanwalt wünscht sich einen Schulterschluss mit der Kreditkartenwirtschaft: "Wir haben es bei Operation Mikado gesehen: Wir kamen weder an den Server, noch an Produzenten oder Konsumenten ran." Man suchte den Schulterschluss und fand jene, die sich die Bilder auf ihren Rechner geladen hatten. Über die Angaben der Kreditkartenfirmen wurde deutlich, wer einen bestimmten Betrag, wann auf ein bestimmtes Konto überwiesen hat. Kritiker sprachen von Rasterfahndung, Vogt sagt: "Den Neugierigen kann man durch Webblocking beikommen, pädophilen Konsumenten muss der Geldhahn abgedreht werden."


Auch Kuhnen dämpft die Erfolgsaussichten. "Zu sagen, ‘wir schließen die Datenautobahn für Kinderpornografie‘, ist purer Euphemismus." Finanzielle und personelle Engpässe bei der Auswertung von gesammelten Daten müssten behoben werden. Oftmals sei eine aktive Opferidentifizierung nicht möglich, und auch im Bereich der Täterprävention mangle es an Angeboten. "Denn Täterprävention heißt immer auch Opferprävention."

2008/11/24

Und täglich grüßen SPÖ und ÖVP

Von Martin Gantner | © ZEIT ONLINE 24.11.2008

Die Große Koalition ist neue alte Regierungsform in Österreich. Sie wird an ihrem Umgang mit dem rechten Lager gemessen werden müssen. Ein Kommentar


Nach 56 Tagen ist es so weit: Österreich hat eine neue Regierung, eine neuerliche rot-schwarze Koalition. Die einstigen Großparteien SPÖ und ÖVP haben sich am Sonntag auf Koalitionsprogramm und Ressortverteilung für die nächsten fünf Jahre geeinigt. Bundeskanzler wird der Chef der Sozialdemokratischen Partei Werner Faymann. Sein Vize, Parteichef der Österreichischen Volkspartei (ÖVP), ist Josef Pröll.

Das erklärte Ziel der neuen Regierung heißt: es besser zu machen als die vorige Große Koalition unter Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (SPÖ). Eine neue Form des Regierens, „Teamgeist und gute Zusammenarbeit“ sollen Österreich in Zeiten einer internationalen Finanzkrise führen, betonte Faymann auf einer Pressekonferenz. Man müsse der Politik zurückgeben, was ihr dringend Not tut: "Die Glaubwürdigkeit bei den Wählerinnen und Wählern."

Doch eine Regierung Faymann kann nicht nur an Bankenkrediten und Konjunkturpaketen gemessen werden. Ebenso ausschlaggebend wie ein neuer Stil, ein neues Miteinander zwischen SPÖ und ÖVP, wird auch der Umgang mit den wieder erstarkten Rechtsparteien FPÖ und BZÖ sein.

Zur Erinnerung: SPÖ und ÖVP erlitten bei der Wahl im September eine historische Niederlage. Beide landeten bei weniger als 30 Prozent der Stimmen. Das gespaltene rechte Lager kam gemeinsam auf annähernd gleich viel Stimmen wie der relative Wahlsieger SPÖ.

Das Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) unter der Führung von Jörg Haider überholte gar die Grüne Partei. Haider selbst, der die österreichische Innenpolitik in den vergangenen 20 Jahren geprägt hat wie kein anderer Politiker, kam vor wenigen Wochen bei einem Autounfall ums Leben. Sein politisches Vermächtnis, populistische und ausländerfeindliche Politik, ist gemessen am Wahlergebnis lebendiger als je zuvor.

Den Regierungsmitgliedern stünde es angesichts dessen nicht schlecht an, würden sie sich zu Beginn der neuen Legislaturperiode die vergangenen 20 Monate noch einmal Revue passieren lassen. Der Erfolg der Rechtsparteien war nicht alleine das Verdienst von Haider oder Heinz Christian Strache (FPÖ), er ist vor allem auch der Politik von SPÖ und ÖVP verschuldet.

Beide Parteien sahen im vergangenen Wahlkampf davon ab, sich klar und eindeutig von den Parolen von FPÖ und BZÖ zu distanzieren. Im Gegenteil ließen sie sich Inhalte und Stil von Strache und Haider diktieren. Wie das Kaninchen vor der Schlange sprangen beide auf einen populistischen Kurs mit auf.

Die SPÖ ganz unverblümt, indem sie mittels Leserbrief in der Kronen Zeitung ihren EU-Kurs aufkündigte und sich künftig bei Vertragsränderungen für Volksabstimmungen im eigenen Land aussprach. Die ÖVP wollte mit einer schärferen Asylpolitik gefallen und verwies auf "Ausländergettos" in Wien.

Das Kalkül: Man wollte das nationalistische, EU-kritische Wählerpotenzial nicht den beiden Rechtsparteien überlassen und schon gar nicht dem direkten politischen Konkurrenten. Doch dieses Kalkül ist gescheitert. Das Dritte Lager mag gespalten sein, geschwächt ist es heute indes nicht.

Doch SPÖ und ÖVP hindert die gescheiterte Strategie nicht daran, weiterzumachen wie bisher. Im Gegenteil: Auf populistische, EU-feindliche Töne wird man auch in Zukunft bei beiden Parteien stoßen können. Sie werden weiterhin versuchen, am rechten Rand zu fischen und somit Inhalte und Stil der Rechtsparteien weiter legitimieren und salonfähig machen.

Die heikle EU-Frage, die im Juli noch für das endgültige Aus der Regierung gesorgt hatte, ist nun kein Hindernisgrund für eine Neuauflage der Großen Koalition. Die Frage wurde schlicht nicht eindeutig beantwortet und auf Eis gelegt.

Und auch die ÖVP scheint nur bedingt Lehren aus den vergangenen acht Jahren gezogen zu haben. Laut Tageszeitung Standard soll eine Gruppe rund um den ehemaligen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel bis zuletzt versucht haben, BZÖ und FPÖ für eine neuerliche Koalition rechts der Mitte zu begeistern.

Bereits in der ersten Pressekonferenz nach der Wahl betonte Pröll, welch wichtige Rolle das Thema Sicherheit in der künftigen Regierung spielen werde, und kündigte eine „Sicherheitsoffensive“ an, damit sich die Menschen in Österreich auch in Zukunft nicht fürchten brauchen. Außerdem geht das zuletzt von der SPÖ liberal geführte Justizministerium an die Volkspartei. Verfassungsexperten sehen die Gewaltbalance im Rechtsstaat gefährdet, wenn eine Partei sowohl Innen- als auch Justizressort unter ihren Einfluss bringt. Wasser auf den Mühlen von BZÖ und FPÖ. Der politischen Glaubwürdigkeit ist damit nicht gedient.

2008/11/20

Bis in alle Ewigkeit






































Von Martin Gantner | © ZEIT ONLINE 20.11.2008


Der Tod ist sicher, nicht aber die letzte Ruhestätte - das zeigt der Diebstahl der Leiche Friedrich Karl Flicks. Friedhof, Weltraum und Almwiese im Sicherheitsvergleich



Den Unternehmer Karl Flick plagten in den letzten Jahren seines Lebens Sorgen um seine Sicherheit und die seiner Familie. Der Milliardär hatte allen Grund dazu: 1991 wurde der Bruder seiner Frau entführt. Die Entführer verlangten fünf Millionen Euro Lösegeld. Zur Übergabe kam es nicht, die Polizei konnte die Täter ausfindig machen und den Schwager befreien. Die Entführung ging glimpflich aus.


Bei Flick hat sie dennoch tiefe Spuren hinterlassen. Fortan überließ er nichts dem Zufall. Seine Villa am Wörthersee glich einer Festung, und seine Kinder wurden von Leibwächtern zur Schule gebracht. Zu sehr fürchtete er, seine Liebsten könnten ein weiteres Mal entführt werden.


Mehr als 15 Jahre später stehen die Kinder des einstigen Milliardärs erneut unter Personenschutz. Denn zwei Jahre nach seinem Tod wurde Flick selbst Opfer einer Entführung. Zu einem Zeitpunkt, da er sich dagegen nicht mehr schützen kann. So wie ihm ging es zuvor schon Pharaonen im alten Ägypten, aber auch Persönlichkeiten wie Charlie Chaplin und dem langjährigen sogenannten König der Mailänder Finanz, Enrico Cuccia.


In letzteren beiden Fällen wurden die gestohlenen Särge gefunden. Der von Chaplin vergraben in einem Acker in der Schweiz, und jener von Cuccia wenige Tage nach der Leichenfledderei im April 2001 in einer verlassenen Sennhütte in der Nähe von Turin. In beiden Fällen hatten die Diebe Lösegeld gefordert.


Auch wenn Millionäre und Milliardäre häufiger zu ihren Lebzeiten als nach dem Tod entführt werden, stellt sich die Frage, wie man der Leichenfledderei entgehen und einer sicheren letzten Ruhestätte gewiss sein kann.


Daniel Eickhoff glaubt zu wissen, wie das geht. Eickhoff ist Trauerberater bei Bestattungen Burger, einem bundesweit tätigen Unternehmen, das sich auf exklusive Bestattungsformen spezialisiert hat. Eickhoff sitzt im bayerischen Fürth. Er sagt: "Am sichersten ist die Bestattung im Weltraum. Wenn die gesamte Asche eines Menschen dort bestattet werden soll, kostet das 500.000 Euro.“


Posthum ins All kommt man allerdings auch billiger: 12.000 Euro kostet die Mini-Urne für etwa sieben Gramm Asche mit aufgedruckter Widmung. Der Abschuss des Bestattungssatelliten, der später wieder in die Erdatmosphäre eintritt und gleich einer Sternschnuppe verglüht, inklusive. Der Bayer würde in solchen Fällen mit Bestattungsunternehmen in Houston/Texas zusammenarbeiten – würde dieser Service nachgefragt werden, was bis heute noch nicht geschehen ist. Auch die Mondbestattung für 27.000 Euro, bei der die Asche des Verstorbenen auf der Mondoberfläche platziert wird, wollte noch niemand. "Bei dieser Bestattungsart ist eine lange Wartezeit für die Urne einzuplanen“, sagt Eickhoff. Aus Kostengründen werden in Houston Fahrgemeinschaften zum Mond gebildet.


Das schweizerische Unternehmen Algordanza mit Sitz in Chur bietet eine Diamantbestattung an. Aus dem Angehörigen wird ein einkarätiger, weißer oder bläulich schimmernder Diamant gefertigt. Dieser kann geschliffen an einer Kette um den Hals oder in einer Fassung am Finger getragen werden. Oder der Tote findet seine letzte Ruhestätte einfach im Safe der Familie. Hierzu wird der Kohlenstoff, der sich im Körper des Toten befindet, extrahiert, in Reaktoren zu Grafit umgewandelt, gereinigt und zu einem Diamanten gezüchtet. Das dauert knapp zwölf Wochen.


Auch Deutsche zeigen Interesse. "Unsere Kunden, die Hinterbliebenen, sind häufig mobil und haben keinen Bezug mehr zu Friedhöfen", sagt Eickhoff. 900 Menschen haben den Service im vergangenen Jahr nachgefragt, 15 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Je nachdem, wie hochkarätig der Diamant sein soll, kostet das zwischen 4600 und 13.200 Euro. Bis zu vier Diamanten können aus einem Toten gewonnen werden. Für den zweiten und jeden weiteren Stein reduziert sich der Preis um jeweils 352 Euro.


Rechtlich war diese Bestattungsform umstritten, denn in Deutschland herrscht Friedhofszwang. Ob Sarg oder Urne, beide gehören auf den Friedhof. "So wird der Tote aber nach Schweizer Recht bestattet. Die Rückführung als Diamant ist nicht strafbar, weil der Aschenanteil sehr gering ist.“ Eickhoff ist überzeugt: "Diese Bestattungsformen sind exklusiv und sicher.“


Wer sicher sein möchte, dass seine letzte Ruhestätte auch wirklich die letzte ist, dem bleibt nur das Exil im Orbit oder in der Schweiz. Eine Ballonbestattung in Holland oder eine Almwiesenbestattung in Österreich sind weitere Möglichkeiten. "Deutschland ist eines der letzten Länder in Europa mit Friedhofszwang.“


Für Erdbestattungen kann Eickhoff jedoch keine Garantien abgeben. Urnen werden in der Regel nur in 80 Zentimeter Tiefe vergraben, Särge aus Platzmangel oftmals übereinander gestapelt. Was Bestattungen Burger abseits von Diamanten, Mond- und Universumreisen bisher nicht anbietet, sind alarmgesicherte Gruften und Gräber.


foto/www.flickr.com/peterbreuer

2008/11/19

In der Piratenhochburg





























© ZEIT ONLINE 19.11.2008 - 14:04 Uhr

17 Schiffe und 340 Crewmitglieder gelten als vermisst. Völkerrecht und Europäische Union stoßen im Umgang mit Piraten an ihre Grenzen, sagt Expertin Kerstin Petretto



ZEIT ONLINE:
Frau Petretto, Sie beschäftigen sich viel mit Schiffsentführungen. Was sagen Ihnen die Entführungen in der Vergangenheit über die gegenwärtige?

Kerstin Petretto:
Solange Lösegeld gezahlt wird, verlaufen die meisten Entführungen unblutig. Ehemalige Geiseln berichten auch, dass ihre Entführer eher pfleglich mit ihnen umgegangen sind.


ZEIT ONLINE: Wie viele Leute sind derzeit in Gefangenschaft?

Petretto:
Etwa 340 Besatzungsmitglieder auf 17 Schiffen. Manche kommen nach einigen Wochen frei, andere nach wenigen Tagen. Im Fall der Sirius Star sieht es im Moment nicht so aus, als würde militärisch eingegriffen. Franzosen und Briten sind bereits hart gegen Piraten vorgegangen.

ZEIT ONLINE: Wieso also nicht auch in diesem Fall?

Petretto: Von militärischen Aktionen wird meistens abgesehen, weil es für die Entführungsopfer und wegen der Fracht viel zu gefährlich wäre. Das gilt auch für die Sirius Star. Würde die Situation eskalieren, könnte das aufgrund der Ölladung zur Katastrophe führen.

ZEIT ONLINE:
Wie verläuft eine solche Entführung für gewöhnlich?

Petretto:
Piraten nähern sich meistens nachts auf kleinen Booten. So werden sie nicht vom Radar erfasst. An Deck gelangen sie mit Enterhaken oder Leitern. Danach überwältigen sie die Crew. Die Sirius Star ist 330 Meter lang und 60 Meter breit, aber nur 25 Leute waren an Bord. Eine effektive Verteidigung ist da kaum möglich. Da liegt meines Erachtens auch eine große Verantwortung bei den Reedereien: Die Mannschaftsstärken wurden in den letzten Jahren immer weiter herabgesetzt.

ZEIT ONLINE:
Wie viele Piraten sind an so einer Entführung beteiligt?

Petretto:
Bei großen Entführungen können es bis zu 50 Piraten sein. Die Schiffe versuchen oft, durch Beschleunigung und durch Zickzackfahren zu entkommen. Doch die Piraten sind mittlerweile so gut ausgerüstet, dass dies nichts mehr nützt. Oft verfügen sie über Panzerabwehrraketen und Granaten.

ZEIT ONLINE: Welche Schiffe werden am meisten gekapert?

Petretto:
Meistens sind es Tanker und Containerschiffe, zum Teil Schiffe mit hochexplosiven Ladungen – auf ihnen ist die Besatzung aus Sicherheitsgründen nicht bewaffnet.

ZEIT ONLINE: Solche Schiffe können ja nicht vom Erdboden verschwinden. Wie geht es also weiter?

Petretto: Meistens ist klar, wo sich die Schiffe befinden. Es gibt beispielsweise einen Hafen in Eyl, in dem die meisten entführten Schiffe lagern. Das ist sozusagen die Piratenhochburg Somalias. Es kommt nur selten vor, dass Schiffe wirklich verschwinden. Es gab solche Fälle in Asien. Die Schiffe sind verschwunden und später mit neuem Namen, neuen Papieren und neuer Lackierung wieder aufgetaucht.

ZEIT ONLINE:
Von Verhaftungen ist bei Schiffsentführungen selten die Rede.

Petretto:
Die Entführer kommen in den meisten Fällen ungeschoren davon. Das hängt mit der politischen Situation in Somalia zusammen. Es gibt keine Gerichtsbarkeit und keine Strafverfolgungsbehörden, die den Kampf gegen die Piraten aufnehmen könnten.

ZEIT ONLINE: Man kann ja bereits von einem regelrechten Wirtschaftszweig sprechen. Wie lange ist das Problem schon so massiv?

Petretto:
Letztes Jahr nahmen die Entführungen bereits um zehn Prozent zu. Richtig angezogen hat es aber erst in diesem Jahr. 2008 gab es bislang allein vor Somalia 92 Attacken und 36 Entführungen.

ZEIT ONLINE:
Stößt das Völkerrecht im Umgang mit Piraten an seine Grenzen?

Petretto:
Die völkerrechtlichen Regeln sind derzeit unzureichend. Insbesondere die strafrechtliche Verfolgung ist nicht geklärt. Vor diesem Problem steht auch die Mission der Europäischen Union, die im Dezember beginnen soll und an der sich auch Deutschland mit einem Schiff beteiligen wird. Bislang ist die Regelung die, dass jeder Staat nach seinem nationalen Recht mit Piraten umgehen kann. Eine einheitliche Lösung wäre indes wünschenswert.

ZEIT ONLINE:
Mit welchen Problemen ist Somalia konfrontiert?

Petretto:
Es gibt seit 1991 keine Regierung und keine funktionierende Küstenwache. Verschiedene Gruppierungen kämpfen um die Macht. Wirtschaft und Infrastruktur liegen danieder. Und nachdem der Golf von Aden eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten ist, hat sich dieser regelrechte Wirtschaftszweig entwickelt. Solange die Situation an Land so prekär ist, wird es schwer, der Lage auf offener See Herr zu werden.

ZEIT ONLINE:
Was ist also zu tun?

Petretto:
An Land sind vor allem die Somalis selbst gefordert. Verhandlungsprozesse, die bereits stattfinden, müssen weiterhin unterstützt werden. Problematisch ist, dass Verhandlungen durch den Kampf gegen den Terror erschwert werden. Verschiedene Gruppierungen wie die Al Shabab werden von Gesprächen ausgeschlossen, weil sie des Terrorismus verdächtigt werden. Ohne sie wird es aber noch schwerer, eine Lösung zu finden.

ZEIT ONLINE:
Ist der Golf von Aden alternativenlos?

Petretto:
Man kann auch das Kap bei Südafrika umfahren, aber die Strecke ist etwa doppelt so lang. Das heißt: Die Kosten würden steigen, wohl auch für die Verbraucher. Ich fürchte, dass dieses Problem kurz- und mittelfristig nicht zu lösen ist. Geschützte Konvoifahrten können Abhilfe schaffen. Die müssen dann aber wirklich massiv geschützt sein.

Fragen Martin Gantner


foto auf www.flickr.com/unaone

2008/11/18

Schnäppchenjagd am Apothekenmarkt






































Von Martin Gantner | © ZEIT ONLINE 18.11.2008


Die Drogeriekette dm will den Handel mit Medikamenten ausbauen - der vorläufige Höhepunkt eines lang währenden Kampfes. Was bedeutet das für die Patienten?



Die Kreuzung Am Speersort - Kattrepel in Hamburg-Mitte erzählt die Geschichte eines Kampfes. An dieser Kreuzung wird offenbar, mit welch harten Mitteln Apotheker und Drogeristen um die Vorherrschaft am deutschen Apothekenmarkt ringen.

Drei Apotheken und eine Drogerie im Umkreis von wenigen Metern: St. Petri-Apotheke, Apotheke zum Pressehaus, DocMorris und Schlecker. Sie alle handeln mit Medikamenten - mit rezeptpflichtigen und rezeptfreien. Alle wollen ein Stück des 37 Milliarden Euro großen Kuchens haben. So viel betrug der Jahresumsatz aller deutschen Apotheken im vergangenen Jahr. Es geht um Kunden, um Patienten und um die Frage, ob beides dasselbe ist.

Seit 2004 wird der Markt in geringen Dosen liberalisiert. Seinerzeit wurde die Preisbindung bei nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten aufgehoben. Der Wettbewerb unter den Apotheken sollte belebt, Medikamente für Patienten günstiger werden. Im März diesen Jahres dann der Beschluss des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig, nach dem Versandapotheken ihre Arzneien in Drogeriemärkten wie dm, Schlecker oder Rossmann vertreiben dürfen.

Dm will nun ab Mitte 2009 in allen deutschen Filialen einen Abholservice für Medikamente einrichten. Auch Schlecker baut seinen Handel mit Medikamenten immer weiter aus. In über 11.000 Märkten gibt es Bestellshops der niederländischen Versandapotheke Vitalsana. Das Prinzip: Durch große Mengen im Einkauf soll den Kunden am Ende ein billigeres Medikament über den Tresen gereicht werden können.

DocMorris, ein deutsch-niederländisches Unternehmen, mischt ebenfalls in der Gesundheitsversorgung mit. Ähnlich dem Franchise-Prinzip vereinen sich unter der Marke über 100 selbstständige Apotheker in ganz Deutschland und bieten ihren Kunden zum Teil billigere Medikamente an als in der alt eingesessenen Apotheke zwei Häuser weiter.

Die Kreuzung in Hamburg-Mitte zeigt nun die beiden Richtungen an, in die der Apothekenmarkt gehen kann: Liberalisierung oder Festhalten am Status quo. Welche Richtung eingeschlagen wird, ist noch offen. Entschieden wird diese Frage Anfang nächsten Jahres in Luxemburg.

Dann wird sich der Europäische Gerichtshof darüber verständigen, wie liberal Deutschlands Apothekenlandschaft gestaltet sein soll. Doch was bedeutet diese Zunahme des Angebots für die Nachfrage nach Aspirin, Paracetamol und Kräutertee? Schon lange sind sich Gesundheitsökonomen einig, dass die Zahl der Arztbesuche mit der Zahl der niedergelassenen Ärzte zunimmt. Je mehr Ärzte, umso kränker das Volk. Kann Ähnliches auch bei Medikamenten vermutet werden?

Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) warnt schon lange vor solchen Liberalisierungstendenzen. Ihr Sprecher Christian Splett: "Da könnte ja jede Currybude auf die Idee kommen, eine Box aufzustellen, Rezepte zu sammeln und zwei Tage später Medikamente zu liefern." Splett weiß, dass das nicht passieren wird, "aber es geht hier um Versorgung, nicht um Konsum."

Kritiker wie Splett verweisen gerne auf die USA, wo Medikamente in Supermärkten zu kaufen sind und Aspirin in der Großpackung im Regal steht. Mit den USA ist die Situation in Deutschland jedoch nicht vergleichbar, sagt Gerd Glaeske. Glaeske ist Gesundheitsökonom an der Universität in Bremen. Er befasst sich mit Arzneimittelversorgung. Seit Jahren würden zuerst verschreibungspflichtige Medikamente in den Bereich der Selbstmedikation übergehen und für diese gilt seit 2004 die freie Preisgestaltung. "Wir können aber nicht feststellen, dass deswegen Missbrauch und Konsum von Arzneimitteln wesentlich zugenommen haben."

Tatsächlich sind die jährlichen Pro-Kopf-Ausgaben für nicht verschreibungspflichtige Medikamente mit 53 Euro konstant geblieben. Und auch in Großbritannien werden Apotheken und Drogerien schon länger zusammengelegt, ohne dass hierdurch ein steigender Effekt beim Arzneimittelkonsum zu erkennen ist.

Fabian Karsch stimmt mit Glaeske in einem Punkt überein. Karsch ist Medizin- und Gesundheitssoziologe an der Universität in Augsburg. Auch er sagt, dass das größere Angebot nicht zwingend in eine steigende Nachfrage nach Medikamenten münden muss. Doch Karsch warnt vor einer zunehmenden Ökonomisierung des Gesundheitsmarktes. "Immer mehr Akteure drängen auf den medizinischen Markt." Diese Entwicklung, davon ist Karsch überzeugt, hat den Ärzten stark geschadet. "Wenn Ärzte immer öfter Dinge anbieten, von denen sie unmittelbar finanziell profitieren, wird dadurch das Vertrauensverhältnis erschüttert. Sie geraten in den Ruf, Gesundheitsverkäufer zu sein."

Noch ist das Vertrauen der Patienten in die Apotheker sehr hoch. In verschiedenen Umfragen schneiden sie oft besser ab als ihre Kollegen aus der Praxis. Die Frage ist, ob das in einem liberalisierten Medikamentenmarkt so bleibt.


foto www.flickr.com/renailleurs

2008/11/12

"Sonst zahlen wir eure Rente nicht"





































Von Martin Gantner | © ZEIT ONLINE 12.11.2008



Tausende Schüler gehen bundesweit für eine bessere Bildung auf die Straße. Die Forderungen sind zum Teil etwas diffus, aber das Engagement ist groß





Die Schüler, die an diesem Mittwoch, in vielen Städten dem Unterricht fernbleiben, haben ihre Hausaufgaben gemacht. Sie wissen, weshalb sie durch die Innenstädte ziehen, Transparente in die Höhe halten, "Bildung" skandieren. Sie fordern "Bildung für alle", "bessere Ausstattung an Schulen" und "kleinere Klassenzimmer". Von "null Bock auf Schule" ist keine Rede.


Allein in Hamburg trafen sich 6000 Schüler aus den verschiedensten Schulen, um ihrem Unmut Luft zu machen. In Berlin sprachen die Veranstalter von 10.000 Teilnehmern. In München, Stuttgart und Kiel gingen trotz der Androhung von Strafen jeweils bis zu 5000 Schüler auf die Straße. Die Schüler-Initiative "Bildungsblockaden einreißen" nannte die Gesamtzahl von 70.000 Teilnehmern in 30 Städten.


"Dass es so viele sein werden, hätte ich nicht gedacht", sagt Linda vom Streikkomitee in Hamburg. Sie steht vor dem Hauptbahnhof und blickt ein wenig ungläubig in die Menge. Von den verschiedenen Seiten strömen immer mehr Schüler auf den Bahnhofsvorplatz. Sie halten Transparente in die Höhe, stimmen Sprechchöre an: "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut.“ Linda glaubt, es wären wohl noch viel mehr gekommen, hätten manche Schulleitungen nicht gegen die Demonstration mobilgemacht.


So hat etwa Bremens Schulsenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) im Vorfeld darauf hingewiesen, dass Schüler zwar ein Demonstrations-, aber kein Streikrecht hätten. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat die bundesweiten Schülerproteste dahingegen begrüßt. Schüler wie Lehrer benötigten "gute Schulen und gute Lernbedingungen", sagte die GEW-Vizevorsitzende Marianne Demmer. Sie appellierte an Bildungsministerien und Schulleitungen, keine Strafen gegen die streikenden Schüler zu verhängen.


In Hessen unterstützte der Elternbund den Boykott: Das mehrgliedrige Schulsystem sei ein Grund für die Benachteiligung sozial schwacher und bildungsferner Teile der Gesellschaft, hieß es zur Begründung.


Doch nicht alle Eltern standen hinter ihren demonstrierenden Kindern. Johanna, Ebru und Mona von der Gesamtschule Lohbrügge in Hamburg etwa berichten von einem Schreiben des Elternrats, in dem vor einer Teilnahme am Streik abgeraten wurde. Sie sind dennoch gekommen. "Wir haben viel über den Streik diskutiert", sagt die 13-jährige Mona. Sie wollen eine leistbare Bildung und wieder neun statt wie nur noch acht Jahre auf dem Gymnasium. Viele berichten von starkem Stress, keiner Freizeit und viel zu großen Klassen.


Eine Schülerin klagt darüber, dass sich an ihrer Schule zwei Klassen zeitweise ein Klassenzimmer teilen müssten. Ähnliches erzählen auch Schüler der Gesamtschule im reichen Hamburger Stadtteil Blankenese. Eine Schülerin einer Gesamtschule hat für ihre Schulbücher zwar bezahlt, aber sie immer noch nicht bekommen. "So ist Bildung nicht möglich", schreit sie ins Megafon. Die Schüler grölen – auch dann, als sich eine Schülerin darüber auslässt, dass die ganze Klasse wegen ein kranken Lehrerin ein halbes Jahr keinen Mathematik-Unterricht hatte. Ersatz gab es keinen. Unverständnis bei den Schülern. Buhrufe.


Nicht ganz so friedlich wie in Hamburg war die Stimmung in Hannover. Dort durchbrachen einige Hundert Demonstranten die Bannmeile um den niedersächsischen Landtag. Steine flogen, eine Scheibe wurde eingeworfen. In Erfurt besetzten rund 100 Schüler kurzzeitig das Schulamt, um durchzusetzen, dass streikende Schüler nicht bestraft werden.


Im Vorfeld der bundesweiten Demonstration war von konservativer Seite davon die Rede, dass hinter der Aktion die Linkspartei stecke. Die jedoch weist das ebenso wie die Organisatoren von sich. Finn vom Hamburger Gymnasium Dörpsweg ist über die Unterstellung erbost. Zu glauben, 6000 Jugendliche seien wegen der "Linken" hier, sei falsch. In der Online-Community "Schüler-VZ" hätten er und andere ein Diskussionsforum eingerichtet. "Innerhalb kürzester Zeit waren über 1500 Schüler registriert, die über das Thema intensiv diskutierten."


Mit der Linkspartei haben auch Leon, Dennis, Moritz und Julius nichts am Hut. Sie sind elf und gehen erst in die sechste Klasse. Die Transparente, die sie in die Höhe halten, sind beinahe größer als sie selbst. Dennis sagt, er möchte nichts für die Schulbücher bezahlen. Dass es den Vieren ernst ist, zeigt ein Blick auf ihre Transparente. Darauf steht: "Sonst zahlen wir eure Rente nicht."





foto auf www.flickr.com/kong niffe