2009/06/24

Der neue Riese






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Styria-Boss Horst Pirker schluckt die Moser Holding und will Österreich vor der Mediaprint retten. Doch wer rettet uns vor ihm?


Bericht: Martin Gantner, Michael Weiß

für Falter



Franz C. Bauer argumentiert wie jemand, der es gewohnt ist, in Verhandlungen die eigene Position so lange zu wiederholen, bis sie jeder am Verhandlungstisch als seine eigene bezeichnen würde. Doch in einer Sache scheint sich der Chef der Journalistengewerkschaft im Moment selbst nur bedingt zu glauben: „Wir befinden uns in einer Situation, in der man sich beinahe wünschen muss, dass es einen ebenbürtigen Akteur neben der Mediaprint gibt. Das ist verrückt, schließlich ist der Zusammenschluss von Moser Holding und Styria AG per se nicht wünschenswert.“ So wie dem Bauer geht es derzeit vielen Experten in Österreich: An mehreren Fronten kündigt sich der wohl größte Umbruch in der Medienlandschaft seit mehreren Jahrzehnten an, und keiner weiß so recht, was davon zu halten ist.

Eine große Veränderung betrifft die Quasiübernahme der Moser Holding (Tiroler Tageszeitung) durch die Styria AG (Presse, Wirtschaftsblatt und Kleine Zeitung). Der Zusammenschluss (Arbeitstitel: Regionalmedien Holding AG, siehe Grafik) dürfte aller Voraussicht nach das zweitgrößte Medienunternehmen des Landes nach dem ORF mit einem Umsatz von 707 Millionen Euro und knapp 4530 Mitarbeitern hervorbringen. Dieser Deal wirft unzählige Fragen auf – wie jene, ob am Ende dieser Konzentrationsbewegung nicht mehr, sondern weniger Medienvielfalt stehen könnte. Oder ob es kleinere, regionale Zeitungen wie Oberösterreichische oder Salzburger Nachrichten künftig noch schwerer haben werden, am Anzeigenmarkt neben Mediaprint und der neuen Styria-Moser-AG zu reüssieren. Eine überbordende Marktmacht der Großen könnte es für Kleine immer schwieriger machen, Anzeigen zu verkaufen und Zeitungen zu drucken und auch zu vertreiben. „Das heißt, dieser Zusammenschluss muss zumindest mit Auflagen geschehen – wie Arbeitsplatzgarantien und Sicherung der Medienvielfalt“, sagt Bauer. Oliver Voigt, Chef des News-Verlags sieht das ähnlich: „Wir hatten nach der Fusion von News- und Profil-Gruppe (2001, Anm. d. Red.) ganz klare Auflagen. Es gab etwa über Jahre eine Titelgarantie. Die Frage ist, mit welchen Vorgaben man solch einen Zusammenschluss begleitet.“

Ein Sprecher der Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) versichert, dass dieser Aufforderung ohnedies nachgekommen würde: „Es wird geklärt werden, ob es durch den Zusammenschluss zu einer Gefahr für die Medienvielfalt kommen kann oder nicht. Darüber hinaus müssen Styria und Moser nachweisen, dass nach dem Zusammenschluss keine Marktmacht vorliegt.“ Doch bislang haben weder Horst Pirker, Vorstandsvorsitzender der Styria, noch Hermann Petz, Geschäftsführer der Moser Holding, genaue Pläne für die Fusion bei der Behörde eingereicht. Fest steht nur, dass sich die Moser Holding komplett und die Styria nur mit ihren regionalen Aktivitäten in die neue AG einbringen wird. Dennoch werden Petz und Pirker nicht müde zu betonen, dass es sich bei der Übernahme um ein „partnerschaftliches Modell“ handelt, „das offen für weitere Partner“ sei.

Überhaupt geht es Pirker nach eigenen Ansagen um Grundlegendes: In einer Aussendung verkündete er, er wolle „ein glaubwürdiges Gegengewicht zur demokratiepolitisch belastenden Dominanz von Kronen Zeitung und Mediaprint bilden“. In einem Interview mit der Presse ergänzt Petz: „Unser Gegengewicht versteht sich als eine Gruppe selbstständiger Regionalmedien, die alle Seiten zu Wort kommen lässt.“ Auch wenn dies schon in naher Zukunft immer weniger Seiten werden könnten. Schließlich hat Pirker bereits angekündigt, dass alle Unternehmensbereiche auf Einsparungspotenziale hin durchleuchtet werden. Jobs sollen dort eingespart werden, wo es zu Doppelgleisigkeiten kommt. Man werde über den gleichen VW-Polo nicht mehr zwei „Geschichten“ schreiben, sondern künftig nur noch eine. Wie Petz erklärt, ist diese Strategie sogar in der Politik denkbar. Die Medienvielfalt ist in seinen Augen dadurch nicht in Gefahr.

In der Wiener Praterstraße, wo die BWB untergebracht ist, verfolgt man derartige Aussagen sehr aufmerksam: „Alles, was in Richtung Monopol oder Duopol geht, wird von uns genau überprüft werden.“ Doch Pirker und Petz scheinen sich ihrer Sache bereits sehr sicher zu sein. Ihr Argument: Aufgabe der BWB und des Kartellgerichts könne es nicht sein, die weltweit einzigartige Stellung der Krone abzusichern und eine Alternative und Konkurrenz im Bereich der Anzeigen zu verhindern. Bleibt die Frage, ob es Aufgabe des Gerichts sein kann, der Bildung eines ähnlich dominanten, voraussichtlich noch größeren Medienunternehmens als der Mediaprint zuzustimmen.

Einmal waren Petz und Pirker mit ihrem demokratiepolitischen Argument vor dem Kartellgericht schon erfolgreich: Seit April diesen Jahres arbeiten sie im Bereich der Gratiswochenzeitungen eng zusammen. Der sogenannte Gratiszeitungsring deckt fast das gesamte Bundesgebiet ab: 118 verschiedene Titel mit einer Auflage von 3,3 Millionen Stück versorgen wöchentlich vier Millionen Leser mit Nachrichten. Zum Vergleich: Die Krone erreicht am Wochenende rund drei Millionen Leser. Schon im Fall des Zeitungsrings äußerte die BWB Bedenken, dass auf dem Anzeigenmarkt ein Marktteilnehmer zu entstehen drohe, der allen anderen Mitbewerbern weit überlegen sein könnte. Das Kartellobergericht teilte diese Sorge nicht. Der Zeitungsring wurde ohne jegliche Auflagen genehmigt.

Zeitpunkt und Tempo, mit welcher die neue Styria-Moser-AG nun gegründet werden soll, kommen nicht von ungefähr: Petz und Pirker wollen die Fusion offenbar umsetzen, ehe ihnen ihr stärkstes Argument dafür, die marktbeherrschende Stellung der Mediaprint, abhanden kommen könnte. Deren Zukunft ist alles andere als gewiss. Seit Jahren versucht Krone-Herausgeber Hans Dichand seinen Hälfteeigentümer, die deutsche WAZ, aus der Zeitung hinauszudrängen. So nah wie jetzt war er diesem Ziel noch nie. Schon im Herbst könnte die WAZ, der auch knapp die Hälfte des Kurier gehört, die Krone verlassen. Darüber hinaus hat Dichand immer wieder betont, dass ihm die 70 Prozent der Gewinne der Mediaprint, die an die Krone gehen, zu wenig seien. Möglich also, dass sich die „demokratiepolitisch belastende Dominanz“ der Mediaprint bald von selbst erübrigt und Dichand mit der Kronen Zeitung unterm Arm die Mediaprint verlässt. Pirkers Argument verlöre dadurch vor dem Kartellgericht deutlich an Gewicht.

Worum also geht es Petz und Pirker, wenn nur vordergründig um eine Demokratisierung der Medienlandschaft? Andy Kaltenbrunner vom Medienhaus Wien sieht medienökonomische Gründe für den Zusammenschluss: „Die neue Gesellschaft bietet eine zukunftsfähige Perspektive: Moser und Styria verfügen mit Tiroler Tageszeitung und Kleiner Zeitung über stark verankerte regionale Marken, was in Zukunft immer wichtiger wird. Außerdem sind sie im Verbund ökonomisch schlagkräftiger.“ Dass die Styria mit ihrem Vorgehen gleichsam die gesamte Medienlandschaft demokratisiert, sieht Kaltenbrunner etwas sachlicher: „Pirker sollte die Kirche im Dorf lassen. Ob er Einsparungseffekte tatsächlich dazu verwenden wird, um für mehr publizistische Vielfalt und Qualität zu sorgen, ist erst einmal zu beweisen.“ Voigt ergänzt: „Man muss nüchtern sehen, dass mit großen Konglomeraten Meinungsvielfalt nicht automatisch vergrößert wird. Die Meinungsvielfalt kann im Worst Case sogar zurückgehen, wenn Marktteilnehmer miteinander verschmelzen.“

Kaltenbrunner ist davon überzeugt, dass vor allem Salzburger und Oberösterreichische Nachrichten durch den Deal stärker gefordert sind. „Die neue Gesellschaft kann stärker Druck auf den Anzeigenmarkt machen. Der ist ja nicht nur regional.“ Voigt: „Die große Gefahr besteht darin, dass aggressive Anzeigenpreise eingeführt werden. Davon wären nicht nur der News-Verlag, sondern auch die Krone, der ORF und andere betroffen.“ Auch Standard-Geschäftsführer Wolfgang Bergmann empfindet die geplante Fusion als Gefahr: „Man muss sich fragen, welche Position sich für die Styria als Gesamtunternehmen ergibt. Ich rechne damit, dass die finanziellen Einbußen auch dafür verwendet werden, die Presse bei ihren Angriffen auf den Standard zu unterstützen.“

In den nächsten Jahren werden die Karten in der Medienlandschaft neu gemischt. Davon sind die meisten Branchenkenner überzeugt. Daran, dass sich Eigentümerstrukturen schon bald quer durch die Medienhäuser verändern könnten, zweifelt kaum jemand mehr. Es sind Gerüchte und „unterschiedliche Varianten“, die zurzeit unter Journalisten die Runde machen. Sie reichen von einer neuen Zeitung für Wien bis hin zu einer Übernahme der WAZ-Anteile an der Kronen Zeitung durch den Raiffeisen-Konzern, der ohnehin schon zahlreiche Beteiligungen am gesamten österreichischen Medienmarkt hat. Auch Pirker scheint nicht genug zu haben: Für den Fall, dass die WAZ auch beim Kurier aussteigen sollte, hat er sein Interesse bekundet. Dass ihn Macht nicht interessiert, wie Pirker immer wieder betont, glaubt in der Branche kaum jemand mehr. Christian Rainer, Chefredakteur des Profil: „Ich glaube Pirker genauso wenig wie Dichand, dass ihn Macht nicht interessiert. Über Macht verfügt auch der Styriaboss – und zwar über Marktmacht, die ihm die Möglichkeit gibt, politische Inhalte zu beeinflussen. Das fängt an bei der Frage, ob man Besteuerungsmöglichkeiten in Österreich verändern kann, reicht über die Frage, ob Fusionen ermöglicht werden können, bis hin zur Ausgestaltung von Vertriebssystemen.“ Für die Kleinen wird es jedenfalls schwierig. Bergmann sieht seinen Standard schon jetzt als ein „gallisches Dorf“, das, selbst wenn es wollte, nirgends mehr Anschluss finden wird. „Wo auch? Sollen wir die letzten Reste zusammenklauben?“

bild flickr.com von just.Luc

2009/06/10

Die stille Revolution






Die Notebooks werden zum ständigen Begleiter. Ihre rasante Verbreitung hebt auch die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit auf

für Falter


Der Mann an der Buchausgabe der Österreichischen Nationalbibliothek zuckt angesichts der genervten Studentin unbeholfen mit den Schultern. „Tut mir leid, aber das Internet muss überlastet sein.“ Die Funkverbindung ist unterbrochen. Das Problem sind die zu vielen Studierenden, die alle gleichzeitig eines wollen: surfen – um zu lernen, um sich abzulenken oder um zu arbeiten. Die Welt dieses Bibliothekars besteht aus Lexika, Signaturen, Zettelkästen und Katalogen, mit Laptops, die ihren Weg ins Internet nicht finden und mit überlasteten Leitungen möchte er möglichst nichts zu tun haben. „Bitte wenden Sie sich an den Informationsschalter. Wir sind hier nur die Entlehnung und Buchrückgabe“, sagt er schon fast flehend.

Ob es dem Bibliothekar nun recht ist oder nicht, die vielzitierte digitale Revolution findet statt. Keine fünf Meter von der Buchrückgabe entfernt, hinter einer Glasschiebetür, kann man inmitten der größten Bibliothek Österreichs beobachten, wie sich unsere Gesellschaft in wenigen Jahren bereits verändert hat, und erahnen, wie sie sich weiter verändern wird: Zur Mittagszeit ist der große Lesesaal voll mit Studenten. Fast vor jedem der 200 Besucher steht ein technisches Gerät: größere Notebooks, mittelgroße Sub-Notebooks und die noch kleineren Netbooks. Daneben das Handy. Über allem das leise Surren der Prozessoren. So oder so ähnlich sehen die großen Bibliotheken der Ersten und Zweiten Welt heute aus – ganz gleich ob in Wien, Paris, Belgrad oder Tokio. Hier treffen Buchdruck- und Computergesellschaft aufeinander.

Noch vor 2004 gab es in der Nationalbibliothek einen eigens abgetrennten kleinen Raum, der ausschließlich für Computertätigkeiten vorgesehen war, erzählt Ingrid Tanzberger vom Informationsschalter. Besucher, die ungestört Bücher lesen wollten, sollten von Computerbenutzern nicht belästigt werden. Jene Spezies Bibliotheksbenutzer ist heute ein Exot, und die Beschwerden über das Laptopsurren und die Tippgeräusche werden seltener. Sogar die Nationalbibliothek selbst hat längst begonnen, ihre Bestände zu digitalisieren. Künftig werden neben historischen Zeitungen, Plakaten und Tonträgern etwa auch die Inhaltsverzeichnisse wissenschaftlicher Sammelwerke und die Webseiten von österreichischen Nachrichtenseiten gespeichert.

Doch Notebook-Besitzer prägen nicht nur das Bild an den Bibliotheken, auch aus Kaffeehäusern, Hörsälen, Zügen oder Parks sind arbeitende Jungunternehmer, vielbeschäftigte Geschäftsleute oder spielende Jugendliche nicht mehr wegzudenken. Rund 70 Prozent der österreichischen Haushalte verfügen über Breitbandanschluss, und knapp 30 Prozent der Bevölkerung nutzen mobiles Internet. Tendenz steigend. Dadurch und durch den raschen technologischen Wandel ist die Wahrscheinlichkeit, dass die kleinen Rechner im öffentlichen Raum noch präsenter werden, ausgesprochen groß. Zwar glaubt das Marktforschungsinstitut Gartner aus den USA, dass die gegenwärtige Wirtschaftskrise auch an der Computerindustrie nicht spurlos vorübergehen wird, dennoch sind die Absatzzahlen nach wie vor enorm: Das Institut rechnet für 2009 mit 257 Millionen verkauften Computern weltweit. Die Hoffnungen der IT-Branche ruhen auf mobilen Endgeräten, also vor allem auf Notebooks und den noch kleineren und deutlich billigeren Netbooks. Gerade Letztere erlebten im Vorjahr trotz oder gerade wegen der kleinen Bildschirmgröße (bis zu zehn Zoll) und des im Vergleich günstigeren Preises (zwischen 300 und 600 Euro) einen regelrechten Boom. Weltweit wurden zwölf Millionen solcher Netbooks verkauft. 2009 könnten es nach Einschätzungen der Experten bereits fast doppelt so viele sein.

Der Traum einer Wissensgesellschaft scheint mit Riesenschritten Realität zu werden. Wissen ist – zumindest in der Theorie – für jedermann jederzeit verfügbar. Doch ist eine Gesellschaft, die ständig kommuniziert, auch gezwungenermaßen eine klügere Gesellschaft? Oder aber macht die Vielzahl möglicher Kommunikationen – E-Mail, Twitter, Foren und Facebook – produktives Arbeiten und somit Wissen immer unwahrscheinlicher und uns selbst zu Knechten eines nie enden wollenden Kommunikationsstroms, dem sich zu entziehen immer schwerer fällt?

Der Blick in einen Hörsaal an der TU Wien bietet eine mögliche Antwort auf diese Fragen. Bereits mehr als die Hälfte der Studenten verfügt über Note- oder Netbook, um sich während der Vorlesungen Notizen zu machen, Unklarheiten zu beseitigen oder einfach nur um zu surfen. Peter Purgathofer lehrt am Institut für Gestaltungs- und Wirkungsforschung an der Technischen Universität Wien. Er weiß, dass ein Notebook allein einen Studenten noch nicht zwingend gescheiter machen muss: „Wir haben festgestellt, dass viele Studenten ihr Notebook mit in den Hörsaal nehmen, in der Hoffnung, es sinnvoll nutzen zu können. Das Problem: Es fehlte bislang an Angeboten, wie das funktionieren kann.“ Er entwickelte daher ein System, das es den Studierenden ermöglicht, in Echtzeit seine Folien öffentlich oder privat zu kommentieren, zu erweitern und später wieder darauf zurückzugreifen. „Das Ergebnis geht meist weit über das hinaus, was in der Vorlesung vorgetragen wurde. Schließlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass es unter meinen Studenten auch Leute gibt, die von dem, was ich gerade vortrage, in manchen Bereichen mehr verstehen als ich, sehr groß.“ Das Wissen eines einzelnen soll so gleichzeitig mit allen Studierenden geteilt werden können. „Der Computer und das Internet haben unsere Art zu lernen bereits radikal verändert. Studenten ahnen heute immer schon, dass Wissen auch abseits des Hörsaals permanent verfüg- und auch abrufbar ist.“

Dabei ist Technologie nicht immer nur ein Segen: Das mobile Büro kann zur echten Belastung werden – zur ständigen Verpflichtung, immer und überall erreichbar zu sein. Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit, Büro und Zuhause, Off- und Online verschwimmt dabei zusehends. Der Arbeitsplatz ist da, wo Empfang vorhanden und Strom verfügbar ist. Der Arbeitnehmer wird heute an der Schnelligkeit seiner Kommunikation gemessen. Ein moderner Büroarbeiter springt alle drei Minuten zu einer neuen Aufgabe. Die amerikanische Journalistin Maggie Jackson nennt dies „Klima der Ablenkung“, Psychologen sprechen von der „Continuous Partial Attention“: der Unfähigkeit, im Internet zur Ruhe zu kommen. Die Freiheit, sich am Notebook für viele Dinge gleichzeitig entscheiden zu können, wird nicht mehr als Freiheit, sondern als Belastung wahrgenommen. Der User als Getriebener seiner kommunikativen Möglichkeiten. Für viele Menschen, vor allem jene, die den Umgang mit Computer und Internet nicht von Kindesbeinen an gelernt haben, wird es dabei immer schwieriger, mit der Gleichzeitigkeit verschiedener Kommunikationsmöglichkeiten klarzukommen.

Nicht so für den Studenten Stephan Meier, der mit seinem richtigen Namen nicht in der Zeitung stehen will. Er steht in der Garderobe der Nationalbibliothek und steckt gerade sein kleines Notebook in den Rucksack: „Ich habe in den letzten Monaten hier erfolgreich meine Diplomarbeit geschrieben und dabei gleichzeitig so viele Filme runtergeladen, wie es mit meinem Zugang zuhause nie möglich gewesen wäre.“ Das Notebook war sein ständiger Begleiter in die Nationalbibliothek, und die Grenze zwischen Uni und Privatvergnügen verschwand. Es ist eine stille Revolution, meist nur als leises Surren vieler Prozessoren wahrnehmbar. Laut wird sie nur dann, wenn das Netz wieder einmal überlastet ist und vor dem Herren an der Buchrückgabe wütende Laptop-Besitzer stehen.

foto flickr.com von bernd.karrenbauer

2009/04/21

Hybrid aus Hure und Söldner


Ein junger österreichischer Banker in London spricht über die Krise seiner Branche


Erschienen im FALTER


Wenn T. zu Bett geht, weiß er, wie die Börsen geschlossen haben, und er hat eine Vorstellung, wie sie am nächsten Tag öffnen werden. T. ist Banker bei einer internationalen Großbank in der City of London - neben der Wall Street das zweite Epizentrum des globalen Bebens. "London liegt unter einer Wolke der Depression", sagt T.

Es ist eine gänzlich andere Stadt als jene, die er vor drei Jahren kennengelernt hat, als er hierherzog. Die Stadt an der Themse war der Big Apple Europas. "Du hattest die Möglichkeit, in wenigen Jahren sehr viel zu arbeiten und noch mehr zu verdienen." Junge Universitätsabsolventen aus ganz Europa folgten diesem Versprechen in die britische Hauptstadt. "Alle glaubten, es ginge nur nach oben." Für einige Jahre sollte dies auch stimmen. T. arbeitet oft 120 Stunden an sieben Tagen in der Woche. Oft verlässt T. seinen Terminal mit mehreren Bildschirmen erst nach Mitternacht. An Tagen, an denen weniger los ist, gehen er und seine Kollegen in Anzug und Krawatte ins gegenüberliegende Pub. Sie trinken ein, zwei Bier und schauen Fußball. In den vergangenen Monaten gab es öfter Bier, die Arbeit wurde weniger. "Die Luft ist draußen", sagt T. Die Krise mag in den USA ihren Anfang genommen haben, doch in Zeiten einer internationalen Finanzarchitektur ist New York gleich London und London gleich Tokio.

Der 29. September 2008 bereitete T.s Team besonderes Kopfzerbrechen. An jenem Tag gab es nur ein Thema in der Morgenbesprechung: den Staatsbankrott Islands. Erst ein Notkredit des Internationalen Währungsfonds konnte die drohende Insolvenz der Insel abwenden. Ab nun war klar: Die Krise ist in Europa angekommen, und sie wurde immer mehr auch zu einer Krise einer ganzen Branche.

Mit den riskanten Derivaten und "strukturierten Produkten", die für die Krise verantwortlich gemacht werden, habe er nichts zu tun gehabt, sagt der Wiener. Er ist für Unternehmensfinanzierung zuständig. Deutsche Industrieunternehmen oder Städte wie Wien wenden sich an den 27-Jährigen, wenn sie Geld benötigen. Im Handumdrehen organisiert er eine Milliarde Euro am Kapitalmarkt. "Es ist ein spannender, abwechslungsreicher Job. Du drehst an einem großen Rad und übernimmst Verantwortung." Das Team, in dem er arbeitet, ist jung, keiner älter als 35 Jahre, eine eingeschworene Truppe. Sein Erfolg bemisst sich an schwierigen Transaktionen, die er im Markt durchbringt, an neuen Lösungen, die er für Kunden findet, und am Gehalt, das er verdient. "Es war wie im Sport", sagt T., "die Saison lief gut, du hast immer gewonnen. Eine einzige, riesige Party."

Schon während des Studiums wollte er nach London. Der Wunsch brachte den Verzicht auf Reisen in den Sommermonaten und dreimonatige Praktika bei Banken in Deutschland und in der Schweiz mit sich. Von der letzten Prüfung zum Praktikum und wieder zurück auf die Universität. Auf die Bewerbung folgten Workshops in Wien, Interviews und ein zweitägiges Assessment-Center in London - irgendwann kamen die Angebote der Banken. Anfangs hielt T. eine Bank für sympathischer als die andere, heute weiß er, dass im Grunde eine wie die andere funktioniert und dass die Regeln des freien Marktes vor allem auch für den Arbeitsmarkt der Banker gelten.

"Sie wollen nur deine Leistung sehen. Die Bank wird dir gegenüber nie loyal sein, und genauso ist kein Banker gegenüber seiner Bank loyal. Wir sind eine Mischung aus Prostituierten und Söldnern." Widerspruch steht nicht hoch im Kurs. "Man hält sich an die Spielregeln, die dir die Bank vorsetzt. Du kannst nicht sagen, du machst diese oder jene Transaktion nicht, weil du sie für unmoralisch hältst. Dann ist deine Karriere innerhalb kürzester Zeit zu Ende." In den vergangenen Monaten mussten viele ihr Terminal räumen. Allein in T.s Abteilung arbeiteten vor der Krise rund 100 Leute, in der Zwischenzeit wurden knapp 30 gekündigt. Sarkasmus und Galgenhumor prägen die Gespräche. Die große Party ist vorerst zu Ende.

Viele Leute haben London bereits den Rücken gekehrt oder suchen nach neuen Jobs. Üppige Bonuszahlungen dürften in den kommenden Jahren ebenfalls keine überwiesen werden. "Natürlich fragst du dich dann, wieso du dir den ganzen Stress noch antust oder ob sich die Entbehrungen lohnen." Ohne Bonus ist das Leben in London selbst mit Grundgehalt von 40.000 Euro teuer. T. zahlt viermal so viel Miete wie einst in Wien. Die Wohnung ist nicht einmal halb so groß. "Eine Familie kann ich mir so nicht leisten." Dass die Boni zu Jahresende, die 50 Prozent des Grundgehalts oder mehr ausmachen, jetzt wegfallen, verschlechtert die finanzielle Situation merklich.

Doch sind das zum gegenwärtigen Zeitpunkt überhaupt die richtigen Nöte und Fragen? Wäre es nicht angebracht, sich selbst die Frage nach der eigenen Verantwortung zu stellen? T. sagt, es waren nur einige wenige Banker, die mit ihren riskanten Spekulationen die Krise auslösten. Obwohl: "Natürlich waren auch die Banken zu gierig." Doch die Gier sei nicht auf Banker beschränkt. "Die Leute wollten diesen Konsum, und die Banken haben ihn ermöglicht." Der Markt - so ist er überzeugt - werde sich irgendwann selbst heilen, auch wenn die goldenen Zeiten fürs Erste vorbei sind. "Dann beginnt es wieder von vorne, die nächste Blase kommt bestimmt."


bild auf flickr.com von Cathrine

2009/02/19

"Böse Dinge weich ansprechen"


© ZEIT ONLINE 19.2.2009 - 13:31 Uhr


Eben kommt Josef Hader von der Berlinale, wo "Der Knochenmann" Premiere hatte. In der Krimi-Groteske, die am Donnerstag in die Kinos kommt, spielt der österreichische Kabarettist einen Privatdetektiv. Zeitgleich startete er mit seinem aktuellen Kabarettprogramm "Hader muss weg" eine Deutschland-Tournee. Ein Gespräch über Jörg Haider, Heimat, weiche Sprache und tiefe Abgründe


bild von kaiser_t









ZEIT online:
Ich dachte schon, Sie wären tot.

Josef Hader: Danke. Für die Schlussszene von Der Knochenmann zwischen toten Tierkörpern haben wir auch hart gearbeitet. Sie rochen streng. Das hat den Szenen noch etwas Entschiedeneres gegeben. Man muss aber froh sein, dass es kein Geruchskino gibt.

ZEIT online:
Sie spielen an der Seite von Josef Bierbichler, dessen Rolle der ihren gar nicht unähnlich ist. Bierbichler mordet widerwillig Menschen. Sie klären widerwillig Morde auf.

Hader: Das erklärt auch, warum sich beide füreinander interessieren. Es rührt vermutlich von einem gewissen Widerwillen gegenüber dem Leben. Irgendwie sind beide Verbündete.

ZEIT online:
Sie schreiben das Drehbuch zu diesen Wolf-Haas-Verfilmungen immer gemeinsam mit dem Regisseur und dem Autor. Wie sieht die Zusammenarbeit aus?

Hader: Am Anfang sitzen wir zusammen, um uns für eines der Bücher zu entscheiden. Dann schreibt jeder eine Drehbuchfassung und die beiden anderen fallen über ihn her. Ein sehr darwinistisches Prinzip. Bis wir hatten, was wir wollten, sind neun verschiedene Drehbuchfassungen entstanden.

ZEIT online:
Der Film wurde gerade auf der Berlinale präsentiert und kommt am 19. Februar regulär in die Kinos. Wie nervös waren sie vor der Premiere?

Hader: Nicht sonderlich. Ändern kann man ohnedies nichts mehr. Außerdem war uns das Berliner Publikum beim letzten Mal viel wohlgesonnener als das Publikum in Wien. Insofern muss man sich vor Wien fürchten. Beim Kabarett ist das anders. Auf der Bühne kann man schließlich bis zuletzt noch alles in den Sand setzen.

ZEIT online:
Sie sind jetzt zwei Monate mit ihrem Programm Hader muss weg auf Deutschland-Tour. Spielen Sie das Programm anders als in Österreich?

Hader: Ich rede ein bisschen schöner. So verstehen mich die Leute besser. Ich bemüh mich aber, den österreichischen Tonfall beizubehalten. Schließlich ist die weiche Sprache wichtig, wenn man böse Dinge erzählt. Die Leute halten sie dadurch besser aus.

ZEIT online: Sie werden in Deutschland oft als typisch österreichischer Kabarettist wahrgenommen. Was ist daran falsch?

Hader: Dass es eher typisch Ich ist. In Berlin wurden wir oft gefragt, ob der Film typisch österreichisch sei, weil er in einem Keller spielt und weil da unten ungeheuerliche Dinge passieren. Das sind aber Außensichten. Außerdem ist das "typisch Österreichische“ meistens nur eine menschliche Grundeigenschaft. Schwarzen Humor findet man auch in finnischen Filmen oder englischer Comedy.

ZEIT online: Was bedeutet Ihnen Heimat?

Hader: Heimat ist für mich ein sehr enger Begriff. Ein Ort, wo ich aufgewachsen bin oder eine Stadt wie Wien, wo ich viele für mich wichtige Ecken kenne. Die Nation, der Staat hingegen sind Einheiten, die funktionieren sollen, so wie eine Wasserleitung funktionieren soll. Ein aufgeblasenes Nationalbewusstsein versteh ich nicht. Ich freu mich immer sehr, dass wir in einem vereinten Europa leben, zusammen mit all diesen Ländern, die ich so mag.

ZEIT Online: Das österreichische Kabarettduo Stermann und Grissemann löste zuletzt einen Sturm der Entrüstung aus, weil es sich der allgemeinen Verklärung des verstorbenen Rechtspopulisten Jörg Haider nicht anschließen wollte?

Hader: Die totale Verehrung des Jörg Haider kam in erster Linie in Kärnten vor, also in dem Bundesland, in dem Haider Landeshauptmann war. Diese Stimmung war trotz all dieser furchtbaren Ansichten, die Haider hatte, vor allem dem Menschen Haider geschuldet. Es gibt über ihn den Satz: "Jeder Kärntner hat ihm schon die Hand geschüttelt.“ Die haben von keinem anderen Politiker je erlebt, dass ihnen der so nah gekommen wäre. Das war die andere Seite des Populistischen, die Haider auch hatte. Trotzdem fand ich es sehr gut, dass Stermann und Grissemann das Geschehen mit ihrem Auftreten wieder in Relation gesetzt haben. Wie Hans Christian Andersen mit "Des Kaisers neue Kleider schon zeigte: Er hat ja gar nichts an. Haider war betrunken. Er wurde nicht umgebracht. Der Unfall war seine eigene Schuld.

ZEIT online:
Fehlt den Österreichern die nötige Distanz zu ihren Politikern?

Hader: Die hat kaum wer. Ich erinnere mich an München, als Franz-Joseph Strauß starb. Die Stimmung war ähnlich, auch wenn die beiden Politiker nicht vergleichbar sind. Gemein war ihnen aber, dass sie sich mehr erlauben durften als andere Politiker. Grundsätzlich glaub ich aber, dass Distanzlosigkeit in Österreich noch besser funktioniert als anderswo. Es gibt bei uns Politiker, die in Deutschland schon längst aus den Ämtern gefegt worden wären aufgrund von Aussagen, die bei uns keine Konsequenzen haben. Der Standard ist bei uns nicht immer westeuropäisch.

Die Fragen stellte Martin Gantner.


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Josef Hader

Josef Hader wurde 1962 in Oberösterreich geboren. Mit Alfred Dorfer schrieb er das Stück Indien, 1994 folgte Privat. Seit 2004 tourt er mit Hader muss weg. Als Schauspieler feierte er Erfolge in den Kino-Adaptionen der Wolf-Haas-Romane Komm, süßer Tod (2000) und Silentium (2004). Auf der Berlinale wurde gerade Der Knochenmann präsentiert. Am 12.2. startete Hader seine Deutschlandtournee mit seinem Programm Hader muss weg

2009/01/27

Bevor der Nebel kam



foto www.falter.at








Verursachten Nebelgranaten des Heeres eine tödliche Massenkarambolage? Es wäre nicht das erste Mal


Bericht: S. Apfl,M. Gantner, J. Gepp


Ein „Nebel des Grauens“ habe sich über die Fahrbahn gelegt, so schnell und dicht, der konnte „nicht auf natürliche Weise“ entstanden sein. Das berichtete die NÖN im Dezember 2003. „Die Sicht war gleich null. Die Nebelwand einfach plötzlich da“, schilderte das Blatt damals eine Massenkarambolage nahe Matzendorf, Niederösterreich, bei der drei Menschen starben.

Die angebliche Ursache des rätselhaften Schlechtwettereinbruchs: Nebelwerfer des Heeres. Auf einem nahen Truppenplatz sei damals Rauch „aus einem Nebeltopf des Bundesheers entwichen“. Die Übung sollte einen „Brandfall“ simulieren. Wegen fahrlässiger Gemeingefährdung landeten zwei Offiziere vor dem Wiener Neustädter Landesgericht, 2004 allerdings wurde das Verfahren eingestellt.

Donnerstag, 22. Jänner 2009, auf der Donauuferautobahn nahe Korneuburg: eine ähnliche Situation wie fünf Jahre zuvor. „Der Nebel kam ganz plötzlich“, erzählt ein anonymer Augenzeuge dem Falter. Er stand zum Unfallzeitpunkt auf einer Tankstelle, nur wenige Meter vom Ort des Geschehens entfernt. „Der Rauch war grau-weiß und wurde immer dichter. Nach ein paar Minuten sah ich die eigene Hand vor den Augen nicht mehr“, erzählt er. Dann wieder das Krachen von Autos. Sieben Menschen wurden verletzt, eine Tschechin konnte nur mehr tot aus ihrem ausgebrannten Wagen geborgen werden. „Kurz bevor der Nebel kam“, berichtet der Augenzeuge aus Korneuburg, „hörte ich zwei Explosionen in unmittelbarer Nähe.“

Wieder die Augenzeugenberichte über die rätselhafte Nebelwand, die plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht und sich über die Fahrspuren gesenkt haben soll. Wieder trainierte das Bundesheer in unmittelbarer Nähe, in einem kleinen Auwäldchen neben der Autobahn. Und diesmal waren sogar Detonationen zu hören. Könnte auch diesmal eine Heeresübung die Massenkarambolage verursacht haben?

„Was den Auslöser für den Unfall betrifft, tappen Polizisten und Sachverständige im Dunkeln“, schrieb der Kurier am Tag nach der Karambolage. Zusatz: „Eine Rauchgranate könnte den Todescrash ausgelöst haben.“ Die Korneuburger Staatsanwaltschaft untersucht derzeit einen Zusammenhang zwischen der Bundesheerübung und dem Unfall. Das Militärkommando Niederösterreich hat einen Offizier, einen Militärjuristen und einen Waffenexperten abgestellt, die die Vorwürfe überprüfen. Das Verteidigungsministerium will nicht einmal über die Type der mobilen Nebelmaschine Auskunft geben, solange die beauftragte Kommission keine Ergebnisse vorgelegt hat. Ihr Sprecher ist für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Stattdessen gibt ein Experte aus Justizkreisen dem Falter Auskunft: Mehrere Leuchtraketen und vier Nebelgranaten vom Typ HC-NbHG 74 habe man an diesem Abend abgeschossen, sagt der renommierte Fachmann. Bei Bundesheerübungen gehören die Granaten zum Standardrepertoire: Fotos auf Heereswebseiten zeigen hohe Säulen von blickdichtem weißem Rauch, die sich von einer ansonsten sonnenklaren Berglandschaft abheben. „Heute allerdings werden nur noch Restbestände dieses Waffentyps aufgebraucht“, sagt der Experte. Ein Grund: Vor zwanzig Jahren sei in Oberösterreich ein Rekrut ums Leben gekommen, nachdem der Rauch einer Granate durch den Kontakt mit hoher Luftfeuchtigkeit Salzsäure gebildet habe.

Ob für den Unfall die Granate oder herkömmlicher Nebel ausschlaggend war, wird derzeit ausgewertet: Der Fachmann glaubt an „multiple Ursachen“. Anwesende dagegen beschreiben den „plötzlich auftretenden Nebel“. Die Polizei sagt, dass „vermutlich durch die Zündung pyrotechnischer Gegenstände“ starker Rauch aufgetreten sei. Mehrere Grundwehrdiener geben den Nebelwerfern die Schuld am Unfall. „Wir waren keine hundert Meter von der Autobahn entfernt“, erzählte einer von ihnen der Tageszeitung Österreich. „Der Rauch der Übungsgranaten zog über die Fahrbahn, dann hörten wir es krachen.“

Korneuburg ist ein zusammengedrängtes Städtchen. Das Hofau-Wäldchen liegt eingezwängt zwischen dem Donauufer, Einfamilienhäusern und der Uferautobahn. An seiner breitesten Stelle ist der Wald keinen Kilometer breit. Die ABC-Abwehrschule des Heeres liegt nicht weit entfernt, Schilder in der Hofau warnen vor sporadischen Truppenübungen.

Am Unfallabend wehte laut Meteorologen ein mäßiger Wind aus dem Osten. Auf die Autobahn, die östlich der Hofau verläuft, hätte er den Rauch eigentlich nicht tragen dürfen. Gelangte er trotzdem zwischen die Autos?

Fest steht jedenfalls, dass Donnerstagsabend in der Hofau eine „Nacht-Lehrvorführung“ stattfand. Gegenstand von Ermittlungen ist dabei nicht nur der Granateneinsatz: Die Rekruten berichten auch, dass ihre Vorgesetzten sie an Hilfeleistungen gehindert hätten. Manche der Wehrdiener studieren Medizin, andere hatten gerade einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert: „Wir wollten zur Unfallstelle laufen, aber die Ausbildner haben es verboten. Wir mussten tatenlos zuschauen“, erzählte ein Rekrut Österreich. Später habe der „Oberstabswachtmeister mit Strafen gedroht, falls wir an die Öffentlichkeit gehen“.

Sollten diese Vorwürfe stimmen, dann wäre nicht nur das Zünden der Nebelgranaten ein Tatbestand, den die Ausbildner begangen haben. Paragraph 95 im Strafgesetzbuch verpflichtet nämlich alle Anwesenden im Katastrophenfall zur Hilfeleistung, sofern sie sich dadurch nicht selbst in Gefahr bringen. Das zu unterlassen, wird mit bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft.

Ob sofortige Hilfe der Soldaten den Feuertod der Autofahrerin verhindern hätte können, ist noch unklar. Die am Einsatz beteiligten Rettungskräfte von Feuerwehr und Rotem Kreuz haben Sprechverbot und verweisen offiziell an die Staatsanwaltschaft. „Wenn die Soldaten schuld sind, dann war das grob fahrlässig“, sagt ein ranghoher Sanitäter im Hintergrund. „Die werden dann tief in die Tasche greifen müssen wegen dem bisschen Nebel.“

2009/01/21

Herr Macek grüßt die Götter





www.falter.at



Dieter Macek hat 5640 Götter zu einem gigantischen Stammbaum antiker Mythologie vereinigt

Text: Martin Gantner



Vor kurzem hat Dieter Macek noch einen Gott gefunden. Keinen, an den er glauben würde - Macek ist schon vor Jahren aus der Kirche ausgetreten -, sondern einen, den er verwaltet und inventarisiert wie davor bereits 5639 andere Götter: Er trägt ihn an passender Stelle auf eine Leinwand auf und legt ein eigenes Kapitel in einem Handbuch an. Macek kennt alle in der antiken Literatur erwähnten Götter- und Heldenfiguren und hat diese in 33 Jahren Arbeit zu einer einzigartige Genealogie der griechischen Götterfiguren zusammengetragen: 5640 mit Hand geschriebene Namen auf 65 Quadratmetern, dazu ganze 10.600 Seiten mit Begleittexten. Ein Mammut-, vor allem aber auch ein Lebenswerk. Der Gott Kronos neben dem blutigen Geschlecht der Tantaliden, Medea neben Poseidon und über allen Gottheiten das Chaos, aus dem diese einst hervorgegangen waren.

Macek sitzt in einem italienischen Lokal in Bregenz. Der 66-Jährige muss sich konzentrieren, um Zeus, dessen Kinder und Kindeskinder, um die sieben Todesarten des Odysseus, die Liebschaften des Herakles und die Heldentaten des Agamemnon nicht durcheinanderzubringen. Er nennt ein um die andere Jahreszahl: Salbungen, Krönungen, Legenden und noch mehr Mythen.

Salzburg -Paris - Egg

Hier spricht kein Gelehrter, kein Universitätsprofessor, sondern ein pensionierter Bahnhofsvorsteher der Österreichischen Bundesbahnen. Er sieht zufrieden aus. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Michael Köhlmeier präsentierte Macek vergangene Woche sein Werk in der Vorarlberger Landesbibliothek der Öffentlichkeit. "Es ist ein Zeichen der Aufklärung", sagt er frei von Ironie. "Es ist in erster Linie ein politisches, kein wissenschaftliches Werk."

Um zu erklären, was er damit meint, holt Macek aus und erzählt von Homers "Odyssee" und der Odyssee seines eigenen Lebens; von seiner Zeit als Kochlehrling in Salzburg; von den ersten Opernaufführungen bei den Festspielen, die er nicht verstand; von den Pariser Maiunruhen im Jahr 1968. Macek war dabei und wurde in dieser Zeit politisiert wie so viele andere auch, begeisterte sich für linke Ideen, alternative Lebensformen, vor allem aber für die Aufklärung: "Ich wollte die Aufklärung in den Bregenzerwald bringen."

Religionen sind relativ

Nach drei Monaten Paris kehrt er zurück ins tiefkatholische Vorarlberg - nach Egg im Bregenzerwald. Gemeinsam mit Freunden veranstaltet er Diskussionsabende und lädt Universitätsprofessoren in Gemeindesäle. "Die Aufklärung hat sich heute durchgesetzt", sagt Macek 40 Jahre später. Selbstverständlich sei das jedoch nicht. "Jeder Mensch, jede Generation muss immer wieder von neuem aufgeklärt werden."

In jener Zeit organisiert er auch ein erstes multikulturelles Fest - die ersten türkischen Gastarbeiterfamilien waren gerade nach Vorarlberg gekommen. Religion ist ein Thema, das ihn bis heute bewegt und das ihn während seiner Arbeit an der Genealogie der Götter ständig begleitet hat. "Ich will anhand der griechischen Mythologie zeigen, wie sich Religionen über Jahrhunderte verändern und letztlich relativieren. Deshalb ist mein Werk ein politisches Werk. Religionen entstehen und vergehen."

Die Kenntnis der Götter und der Heldentaten lasse die heutigen Religionen in einem anderen Licht erscheinen. So waren viele Traditionen des Christentums bereits vorhanden, noch bevor es dieses überhaupt gab: Asklepios konnte Tote zum Leben erwecken, Erginos und Orion konnten übers Wasser laufen, die Oinotropoi Wasser in Wein verwandeln, Hippolytos fuhr nach seinem Tod in den Himmel, und Minos erinnert an Moses, erhielt er doch von Zeus Gesetze, die ihn befähigen sollten, die Menschheit zu führen.

Freiheitsdrang und Mythos

"Lesen Sie Homers, Odyssee'", empfiehlt Macek in strengem Ton. "Mit ihr beginnt die Aufklärung. Odysseus war der Erste, der sich gegen den Willen der Götter gestellt hat." Der Drang des Menschen nach Freiheit liege bereits im Mythos begründet, erklärt der ehemalige Eisenbahner ein wenig aufgeregt. "In der griechischen Mythologie kommt bereits alles vor. Deshalb finden sich auch so viele Menschen in diesen Geschichten wieder." Auch Macek fand sich in ihnen wieder und folgte den Pfaden seiner Götter auf dem Fahrrad. In vier Wochen überquerte er die Peloponnes - "ein ständiges Auf und Ab"; er reiste rund 30 Mal nach Rom. Seine Genealogie der Götter ist ein Projekt, das nun nach über drei Jahrzehnten ein vorläufiges Ende gefunden hat.

Innerhalb der nächsten zehn Jahre möchte Dieter Macek sein Handbuch überarbeiten, redigieren, ergänzen, kürzen und - ganz im Sinne der Aufklärung - "noch einmal von vorne beginnen".

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"Falter" Nr. 04/09


Immer mehr Leute verlosen ihre Häuser - auch in Wien. Wer profitiert davon?


Bericht: Martin Gantner


Radu Adria zappt stolz durch seine Filmsammlung. 1300 Dokus und Actionfilme säumen die Regale in seinem kleinen Privatkino: Leinwand, Lederfauteuils ein kleiner Beistelltisch. Wände, Decke und Boden sind wie im Lugner-Kino mit schwarzem Stoff verkleidet. "High Definition und Dolby-Surround." Nein, ins Kino gehe er nicht mehr, sagt Adria. Das könnte sich ändern. Es hängt davon ab, ob in seinem neuen Heim Platz für ein Kino sein wird. Denn Adria verlost sein Haus - wie so viele andere auch in diesen Tagen. Schon bald wird es jemandem gehören, der nur 99 Euro dafür bezahlt und dessen größte Sorge es sein könnte, woher die ganzen Möbel nehmen, um 380 Quadratmeter Wohnfläche einzurichten. Denn Adria übergibt das schmucke Stück "völlig lastenfrei".


Das alte Fuhrwerkerhaus im 16.Bezirk haben vor dem Falter schon die Damen von News besichtigt. Davor ATV. Adria selbst erfuhr im Dezember in Woman von dem neuen Trend, kurz bevor sich auch der ORF auf das Thema setzte und während jener Zeit, als in Österreich andauernd über die jeweils neuen Verlosungsobjekte berichtet wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte Adria schon seit drei Monaten vergebens versucht, sein 1,2 Millionen Euro teures Anwesen per Annonce zu verkaufen. Dann kam ein Anruf aus der Steiermark: Bernd Asbeck von der Plattform Auxionit ( www.auxionit.at) hatte Adrias Inserat gelesen und bot ihm an, er möge sein Haus doch auf seiner Webseite zur Verlosung freigeben.

Plattformen wie Auxionit sind in den vergangenen Tagen zahlreiche aufgetaucht. Sie alle rittern um eine künftige Vorherrschaft am Immobilienmarkt, sollte sich das Geschäft mit der Verlosung tatsächlich etablieren. Und solange berichtet wird, läuft der Laden, auch wenn bislang in Österreich nur das Haus am Wörthersee tatsächlich auch verlost wurde. Georg Scherrer, Betreiber der Seite raffle.at verweist auf 590.000 Zugriffe in zwölf Tagen. "Jetzt wird das noch belächelt", sagt er verheißungsvoll, "aber das könnte auch so verlaufen wie bei eBay damals." Auch Christian Mandl von lospoint.at spricht von einem regelrechten Boom: "Vor ein Uhr früh hab ich das Büro in den letzten Tagen nicht verlassen."

Veranstalter dieser Plattformen bewegen sich auf rechtlich dünnem Eis. Zuletzt wies die Notariatskammer warnend auf offene Detailfragen hin. Auch Arbeiterkammer und Konsumentenschützer mahnten zur Vorsicht. Das Finanzministerium, zuständig für die Hütung des staatlichen Glücksspielmonopols, gab jedoch grünes Licht, solange die Verlosungen nicht gewerblich organisiert werden und kein veranstaltender, organisierender oder mitwirkender Unternehmer für die Verlosungen verantwortlich zeichnet. Kurz: Einer Verlosung eines Objektes durch eine Privatperson stünde nichts im Weg. Die meisten Plattformbetreiber schneiden bei den Verlosungen finanziell kräftig mit. Bei Auxionit sollen etwa zwischen einem und drei Prozent jedes verkauften Loses an den Plattformbetreiber Asbeck gehen. Asbeck selbst sagt, dass die Objekte mittlerweile einen Gegenwert von rund 12,5 Millionen Euro hätten.


Würden also für alle diese Objekte auch genügend Lose verkauft und durchschnittlich zwei Prozent Gebühren verrechnet, würde Asbeck immerhin eine Viertelmillion Euro verdienen. "Das ist eine Kostendeckung und keine Provision", sagt Asbeck. Organisieren müsse der Verloser selber, man stelle nur die Seite und somit Öffentlichkeit zur Verfügung.

Bei lospoint.at und raffle.at soll nicht direkt am Losverkauf mitgeschnitten werden, sondern es wird eine Beratungsleistung in Rechnung gestellt. Im Falle von lospoint.at handelt es sich um eine Pauschale von 1200 Euro pro Beratung. Alle Anbieter betonen jedoch, nicht organisierend oder veranstaltend an den Verlosungen mitzuwirken. Asbeck sagt, er habe auch keine potenziellen Hausverloser für die Seite angeworben, also nicht gezielt nach Leuten gesucht, die ihr Haus verkaufen wollten. Neben Adria dürfte er aber zumindest auch versucht haben, den Verloser des Anwesens am Semmering für seine Webseite zu gewinnen. Dieser lehnte ab und stellte seinen "Luxusbungalow" selbst ins Netz.


Auch Radu Adria selbst hat nun eine eigene Seite ( www.hausverlosung-wien.at), um nicht länger mit dem Verkauf der Lose für sein Ottakringer Anwesen warten zu müssen. Doch auch seine Stimmung könnte noch getrübt werden. Bislang war unklar, wann die vom Finanzamt in Rechnung gestellte Wettgebühr von zwölf Prozent je verkauftes Los zu entrichten ist. Harald Waiglein, Pressesprecher im Finanzministerium, stellt jedoch klar: "Unabhängig davon, ob die Verlosung stattfindet oder nicht und wie viele Lose verkauft werden, für die verkauften Lose ist die Gebühr zu entrichten."


Das heißt, verkauft Adria nur 15.000 anstelle der zur Durchführung der Verlosung notwendigen 16.000 Lose, würden auch ihm Kosten von knapp 180.000 Euro entstehen die freilich nicht er selbst zu tragen hätte, sondern Kosten, die dem einzelnen Losverkäufer gegenverrechnet würden. Vorerst plant Adria jedoch, noch kommende Woche mit dem Losverkauf zu beginnen. Wohin er später ziehen wird, kann er noch nicht sagen. Möglicherweise auf den Semmering. Auch er hat sich ein 99-Euro-Los für den Luxusbungalow gekauft.