2009/02/19

"Böse Dinge weich ansprechen"


© ZEIT ONLINE 19.2.2009 - 13:31 Uhr


Eben kommt Josef Hader von der Berlinale, wo "Der Knochenmann" Premiere hatte. In der Krimi-Groteske, die am Donnerstag in die Kinos kommt, spielt der österreichische Kabarettist einen Privatdetektiv. Zeitgleich startete er mit seinem aktuellen Kabarettprogramm "Hader muss weg" eine Deutschland-Tournee. Ein Gespräch über Jörg Haider, Heimat, weiche Sprache und tiefe Abgründe


bild von kaiser_t









ZEIT online:
Ich dachte schon, Sie wären tot.

Josef Hader: Danke. Für die Schlussszene von Der Knochenmann zwischen toten Tierkörpern haben wir auch hart gearbeitet. Sie rochen streng. Das hat den Szenen noch etwas Entschiedeneres gegeben. Man muss aber froh sein, dass es kein Geruchskino gibt.

ZEIT online:
Sie spielen an der Seite von Josef Bierbichler, dessen Rolle der ihren gar nicht unähnlich ist. Bierbichler mordet widerwillig Menschen. Sie klären widerwillig Morde auf.

Hader: Das erklärt auch, warum sich beide füreinander interessieren. Es rührt vermutlich von einem gewissen Widerwillen gegenüber dem Leben. Irgendwie sind beide Verbündete.

ZEIT online:
Sie schreiben das Drehbuch zu diesen Wolf-Haas-Verfilmungen immer gemeinsam mit dem Regisseur und dem Autor. Wie sieht die Zusammenarbeit aus?

Hader: Am Anfang sitzen wir zusammen, um uns für eines der Bücher zu entscheiden. Dann schreibt jeder eine Drehbuchfassung und die beiden anderen fallen über ihn her. Ein sehr darwinistisches Prinzip. Bis wir hatten, was wir wollten, sind neun verschiedene Drehbuchfassungen entstanden.

ZEIT online:
Der Film wurde gerade auf der Berlinale präsentiert und kommt am 19. Februar regulär in die Kinos. Wie nervös waren sie vor der Premiere?

Hader: Nicht sonderlich. Ändern kann man ohnedies nichts mehr. Außerdem war uns das Berliner Publikum beim letzten Mal viel wohlgesonnener als das Publikum in Wien. Insofern muss man sich vor Wien fürchten. Beim Kabarett ist das anders. Auf der Bühne kann man schließlich bis zuletzt noch alles in den Sand setzen.

ZEIT online:
Sie sind jetzt zwei Monate mit ihrem Programm Hader muss weg auf Deutschland-Tour. Spielen Sie das Programm anders als in Österreich?

Hader: Ich rede ein bisschen schöner. So verstehen mich die Leute besser. Ich bemüh mich aber, den österreichischen Tonfall beizubehalten. Schließlich ist die weiche Sprache wichtig, wenn man böse Dinge erzählt. Die Leute halten sie dadurch besser aus.

ZEIT online: Sie werden in Deutschland oft als typisch österreichischer Kabarettist wahrgenommen. Was ist daran falsch?

Hader: Dass es eher typisch Ich ist. In Berlin wurden wir oft gefragt, ob der Film typisch österreichisch sei, weil er in einem Keller spielt und weil da unten ungeheuerliche Dinge passieren. Das sind aber Außensichten. Außerdem ist das "typisch Österreichische“ meistens nur eine menschliche Grundeigenschaft. Schwarzen Humor findet man auch in finnischen Filmen oder englischer Comedy.

ZEIT online: Was bedeutet Ihnen Heimat?

Hader: Heimat ist für mich ein sehr enger Begriff. Ein Ort, wo ich aufgewachsen bin oder eine Stadt wie Wien, wo ich viele für mich wichtige Ecken kenne. Die Nation, der Staat hingegen sind Einheiten, die funktionieren sollen, so wie eine Wasserleitung funktionieren soll. Ein aufgeblasenes Nationalbewusstsein versteh ich nicht. Ich freu mich immer sehr, dass wir in einem vereinten Europa leben, zusammen mit all diesen Ländern, die ich so mag.

ZEIT Online: Das österreichische Kabarettduo Stermann und Grissemann löste zuletzt einen Sturm der Entrüstung aus, weil es sich der allgemeinen Verklärung des verstorbenen Rechtspopulisten Jörg Haider nicht anschließen wollte?

Hader: Die totale Verehrung des Jörg Haider kam in erster Linie in Kärnten vor, also in dem Bundesland, in dem Haider Landeshauptmann war. Diese Stimmung war trotz all dieser furchtbaren Ansichten, die Haider hatte, vor allem dem Menschen Haider geschuldet. Es gibt über ihn den Satz: "Jeder Kärntner hat ihm schon die Hand geschüttelt.“ Die haben von keinem anderen Politiker je erlebt, dass ihnen der so nah gekommen wäre. Das war die andere Seite des Populistischen, die Haider auch hatte. Trotzdem fand ich es sehr gut, dass Stermann und Grissemann das Geschehen mit ihrem Auftreten wieder in Relation gesetzt haben. Wie Hans Christian Andersen mit "Des Kaisers neue Kleider schon zeigte: Er hat ja gar nichts an. Haider war betrunken. Er wurde nicht umgebracht. Der Unfall war seine eigene Schuld.

ZEIT online:
Fehlt den Österreichern die nötige Distanz zu ihren Politikern?

Hader: Die hat kaum wer. Ich erinnere mich an München, als Franz-Joseph Strauß starb. Die Stimmung war ähnlich, auch wenn die beiden Politiker nicht vergleichbar sind. Gemein war ihnen aber, dass sie sich mehr erlauben durften als andere Politiker. Grundsätzlich glaub ich aber, dass Distanzlosigkeit in Österreich noch besser funktioniert als anderswo. Es gibt bei uns Politiker, die in Deutschland schon längst aus den Ämtern gefegt worden wären aufgrund von Aussagen, die bei uns keine Konsequenzen haben. Der Standard ist bei uns nicht immer westeuropäisch.

Die Fragen stellte Martin Gantner.


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Josef Hader

Josef Hader wurde 1962 in Oberösterreich geboren. Mit Alfred Dorfer schrieb er das Stück Indien, 1994 folgte Privat. Seit 2004 tourt er mit Hader muss weg. Als Schauspieler feierte er Erfolge in den Kino-Adaptionen der Wolf-Haas-Romane Komm, süßer Tod (2000) und Silentium (2004). Auf der Berlinale wurde gerade Der Knochenmann präsentiert. Am 12.2. startete Hader seine Deutschlandtournee mit seinem Programm Hader muss weg

2009/01/27

Bevor der Nebel kam



foto www.falter.at








Verursachten Nebelgranaten des Heeres eine tödliche Massenkarambolage? Es wäre nicht das erste Mal


Bericht: S. Apfl,M. Gantner, J. Gepp


Ein „Nebel des Grauens“ habe sich über die Fahrbahn gelegt, so schnell und dicht, der konnte „nicht auf natürliche Weise“ entstanden sein. Das berichtete die NÖN im Dezember 2003. „Die Sicht war gleich null. Die Nebelwand einfach plötzlich da“, schilderte das Blatt damals eine Massenkarambolage nahe Matzendorf, Niederösterreich, bei der drei Menschen starben.

Die angebliche Ursache des rätselhaften Schlechtwettereinbruchs: Nebelwerfer des Heeres. Auf einem nahen Truppenplatz sei damals Rauch „aus einem Nebeltopf des Bundesheers entwichen“. Die Übung sollte einen „Brandfall“ simulieren. Wegen fahrlässiger Gemeingefährdung landeten zwei Offiziere vor dem Wiener Neustädter Landesgericht, 2004 allerdings wurde das Verfahren eingestellt.

Donnerstag, 22. Jänner 2009, auf der Donauuferautobahn nahe Korneuburg: eine ähnliche Situation wie fünf Jahre zuvor. „Der Nebel kam ganz plötzlich“, erzählt ein anonymer Augenzeuge dem Falter. Er stand zum Unfallzeitpunkt auf einer Tankstelle, nur wenige Meter vom Ort des Geschehens entfernt. „Der Rauch war grau-weiß und wurde immer dichter. Nach ein paar Minuten sah ich die eigene Hand vor den Augen nicht mehr“, erzählt er. Dann wieder das Krachen von Autos. Sieben Menschen wurden verletzt, eine Tschechin konnte nur mehr tot aus ihrem ausgebrannten Wagen geborgen werden. „Kurz bevor der Nebel kam“, berichtet der Augenzeuge aus Korneuburg, „hörte ich zwei Explosionen in unmittelbarer Nähe.“

Wieder die Augenzeugenberichte über die rätselhafte Nebelwand, die plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht und sich über die Fahrspuren gesenkt haben soll. Wieder trainierte das Bundesheer in unmittelbarer Nähe, in einem kleinen Auwäldchen neben der Autobahn. Und diesmal waren sogar Detonationen zu hören. Könnte auch diesmal eine Heeresübung die Massenkarambolage verursacht haben?

„Was den Auslöser für den Unfall betrifft, tappen Polizisten und Sachverständige im Dunkeln“, schrieb der Kurier am Tag nach der Karambolage. Zusatz: „Eine Rauchgranate könnte den Todescrash ausgelöst haben.“ Die Korneuburger Staatsanwaltschaft untersucht derzeit einen Zusammenhang zwischen der Bundesheerübung und dem Unfall. Das Militärkommando Niederösterreich hat einen Offizier, einen Militärjuristen und einen Waffenexperten abgestellt, die die Vorwürfe überprüfen. Das Verteidigungsministerium will nicht einmal über die Type der mobilen Nebelmaschine Auskunft geben, solange die beauftragte Kommission keine Ergebnisse vorgelegt hat. Ihr Sprecher ist für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Stattdessen gibt ein Experte aus Justizkreisen dem Falter Auskunft: Mehrere Leuchtraketen und vier Nebelgranaten vom Typ HC-NbHG 74 habe man an diesem Abend abgeschossen, sagt der renommierte Fachmann. Bei Bundesheerübungen gehören die Granaten zum Standardrepertoire: Fotos auf Heereswebseiten zeigen hohe Säulen von blickdichtem weißem Rauch, die sich von einer ansonsten sonnenklaren Berglandschaft abheben. „Heute allerdings werden nur noch Restbestände dieses Waffentyps aufgebraucht“, sagt der Experte. Ein Grund: Vor zwanzig Jahren sei in Oberösterreich ein Rekrut ums Leben gekommen, nachdem der Rauch einer Granate durch den Kontakt mit hoher Luftfeuchtigkeit Salzsäure gebildet habe.

Ob für den Unfall die Granate oder herkömmlicher Nebel ausschlaggend war, wird derzeit ausgewertet: Der Fachmann glaubt an „multiple Ursachen“. Anwesende dagegen beschreiben den „plötzlich auftretenden Nebel“. Die Polizei sagt, dass „vermutlich durch die Zündung pyrotechnischer Gegenstände“ starker Rauch aufgetreten sei. Mehrere Grundwehrdiener geben den Nebelwerfern die Schuld am Unfall. „Wir waren keine hundert Meter von der Autobahn entfernt“, erzählte einer von ihnen der Tageszeitung Österreich. „Der Rauch der Übungsgranaten zog über die Fahrbahn, dann hörten wir es krachen.“

Korneuburg ist ein zusammengedrängtes Städtchen. Das Hofau-Wäldchen liegt eingezwängt zwischen dem Donauufer, Einfamilienhäusern und der Uferautobahn. An seiner breitesten Stelle ist der Wald keinen Kilometer breit. Die ABC-Abwehrschule des Heeres liegt nicht weit entfernt, Schilder in der Hofau warnen vor sporadischen Truppenübungen.

Am Unfallabend wehte laut Meteorologen ein mäßiger Wind aus dem Osten. Auf die Autobahn, die östlich der Hofau verläuft, hätte er den Rauch eigentlich nicht tragen dürfen. Gelangte er trotzdem zwischen die Autos?

Fest steht jedenfalls, dass Donnerstagsabend in der Hofau eine „Nacht-Lehrvorführung“ stattfand. Gegenstand von Ermittlungen ist dabei nicht nur der Granateneinsatz: Die Rekruten berichten auch, dass ihre Vorgesetzten sie an Hilfeleistungen gehindert hätten. Manche der Wehrdiener studieren Medizin, andere hatten gerade einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert: „Wir wollten zur Unfallstelle laufen, aber die Ausbildner haben es verboten. Wir mussten tatenlos zuschauen“, erzählte ein Rekrut Österreich. Später habe der „Oberstabswachtmeister mit Strafen gedroht, falls wir an die Öffentlichkeit gehen“.

Sollten diese Vorwürfe stimmen, dann wäre nicht nur das Zünden der Nebelgranaten ein Tatbestand, den die Ausbildner begangen haben. Paragraph 95 im Strafgesetzbuch verpflichtet nämlich alle Anwesenden im Katastrophenfall zur Hilfeleistung, sofern sie sich dadurch nicht selbst in Gefahr bringen. Das zu unterlassen, wird mit bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft.

Ob sofortige Hilfe der Soldaten den Feuertod der Autofahrerin verhindern hätte können, ist noch unklar. Die am Einsatz beteiligten Rettungskräfte von Feuerwehr und Rotem Kreuz haben Sprechverbot und verweisen offiziell an die Staatsanwaltschaft. „Wenn die Soldaten schuld sind, dann war das grob fahrlässig“, sagt ein ranghoher Sanitäter im Hintergrund. „Die werden dann tief in die Tasche greifen müssen wegen dem bisschen Nebel.“

2009/01/21

Herr Macek grüßt die Götter





www.falter.at



Dieter Macek hat 5640 Götter zu einem gigantischen Stammbaum antiker Mythologie vereinigt

Text: Martin Gantner



Vor kurzem hat Dieter Macek noch einen Gott gefunden. Keinen, an den er glauben würde - Macek ist schon vor Jahren aus der Kirche ausgetreten -, sondern einen, den er verwaltet und inventarisiert wie davor bereits 5639 andere Götter: Er trägt ihn an passender Stelle auf eine Leinwand auf und legt ein eigenes Kapitel in einem Handbuch an. Macek kennt alle in der antiken Literatur erwähnten Götter- und Heldenfiguren und hat diese in 33 Jahren Arbeit zu einer einzigartige Genealogie der griechischen Götterfiguren zusammengetragen: 5640 mit Hand geschriebene Namen auf 65 Quadratmetern, dazu ganze 10.600 Seiten mit Begleittexten. Ein Mammut-, vor allem aber auch ein Lebenswerk. Der Gott Kronos neben dem blutigen Geschlecht der Tantaliden, Medea neben Poseidon und über allen Gottheiten das Chaos, aus dem diese einst hervorgegangen waren.

Macek sitzt in einem italienischen Lokal in Bregenz. Der 66-Jährige muss sich konzentrieren, um Zeus, dessen Kinder und Kindeskinder, um die sieben Todesarten des Odysseus, die Liebschaften des Herakles und die Heldentaten des Agamemnon nicht durcheinanderzubringen. Er nennt ein um die andere Jahreszahl: Salbungen, Krönungen, Legenden und noch mehr Mythen.

Salzburg -Paris - Egg

Hier spricht kein Gelehrter, kein Universitätsprofessor, sondern ein pensionierter Bahnhofsvorsteher der Österreichischen Bundesbahnen. Er sieht zufrieden aus. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Michael Köhlmeier präsentierte Macek vergangene Woche sein Werk in der Vorarlberger Landesbibliothek der Öffentlichkeit. "Es ist ein Zeichen der Aufklärung", sagt er frei von Ironie. "Es ist in erster Linie ein politisches, kein wissenschaftliches Werk."

Um zu erklären, was er damit meint, holt Macek aus und erzählt von Homers "Odyssee" und der Odyssee seines eigenen Lebens; von seiner Zeit als Kochlehrling in Salzburg; von den ersten Opernaufführungen bei den Festspielen, die er nicht verstand; von den Pariser Maiunruhen im Jahr 1968. Macek war dabei und wurde in dieser Zeit politisiert wie so viele andere auch, begeisterte sich für linke Ideen, alternative Lebensformen, vor allem aber für die Aufklärung: "Ich wollte die Aufklärung in den Bregenzerwald bringen."

Religionen sind relativ

Nach drei Monaten Paris kehrt er zurück ins tiefkatholische Vorarlberg - nach Egg im Bregenzerwald. Gemeinsam mit Freunden veranstaltet er Diskussionsabende und lädt Universitätsprofessoren in Gemeindesäle. "Die Aufklärung hat sich heute durchgesetzt", sagt Macek 40 Jahre später. Selbstverständlich sei das jedoch nicht. "Jeder Mensch, jede Generation muss immer wieder von neuem aufgeklärt werden."

In jener Zeit organisiert er auch ein erstes multikulturelles Fest - die ersten türkischen Gastarbeiterfamilien waren gerade nach Vorarlberg gekommen. Religion ist ein Thema, das ihn bis heute bewegt und das ihn während seiner Arbeit an der Genealogie der Götter ständig begleitet hat. "Ich will anhand der griechischen Mythologie zeigen, wie sich Religionen über Jahrhunderte verändern und letztlich relativieren. Deshalb ist mein Werk ein politisches Werk. Religionen entstehen und vergehen."

Die Kenntnis der Götter und der Heldentaten lasse die heutigen Religionen in einem anderen Licht erscheinen. So waren viele Traditionen des Christentums bereits vorhanden, noch bevor es dieses überhaupt gab: Asklepios konnte Tote zum Leben erwecken, Erginos und Orion konnten übers Wasser laufen, die Oinotropoi Wasser in Wein verwandeln, Hippolytos fuhr nach seinem Tod in den Himmel, und Minos erinnert an Moses, erhielt er doch von Zeus Gesetze, die ihn befähigen sollten, die Menschheit zu führen.

Freiheitsdrang und Mythos

"Lesen Sie Homers, Odyssee'", empfiehlt Macek in strengem Ton. "Mit ihr beginnt die Aufklärung. Odysseus war der Erste, der sich gegen den Willen der Götter gestellt hat." Der Drang des Menschen nach Freiheit liege bereits im Mythos begründet, erklärt der ehemalige Eisenbahner ein wenig aufgeregt. "In der griechischen Mythologie kommt bereits alles vor. Deshalb finden sich auch so viele Menschen in diesen Geschichten wieder." Auch Macek fand sich in ihnen wieder und folgte den Pfaden seiner Götter auf dem Fahrrad. In vier Wochen überquerte er die Peloponnes - "ein ständiges Auf und Ab"; er reiste rund 30 Mal nach Rom. Seine Genealogie der Götter ist ein Projekt, das nun nach über drei Jahrzehnten ein vorläufiges Ende gefunden hat.

Innerhalb der nächsten zehn Jahre möchte Dieter Macek sein Handbuch überarbeiten, redigieren, ergänzen, kürzen und - ganz im Sinne der Aufklärung - "noch einmal von vorne beginnen".

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"Falter" Nr. 04/09


Immer mehr Leute verlosen ihre Häuser - auch in Wien. Wer profitiert davon?


Bericht: Martin Gantner


Radu Adria zappt stolz durch seine Filmsammlung. 1300 Dokus und Actionfilme säumen die Regale in seinem kleinen Privatkino: Leinwand, Lederfauteuils ein kleiner Beistelltisch. Wände, Decke und Boden sind wie im Lugner-Kino mit schwarzem Stoff verkleidet. "High Definition und Dolby-Surround." Nein, ins Kino gehe er nicht mehr, sagt Adria. Das könnte sich ändern. Es hängt davon ab, ob in seinem neuen Heim Platz für ein Kino sein wird. Denn Adria verlost sein Haus - wie so viele andere auch in diesen Tagen. Schon bald wird es jemandem gehören, der nur 99 Euro dafür bezahlt und dessen größte Sorge es sein könnte, woher die ganzen Möbel nehmen, um 380 Quadratmeter Wohnfläche einzurichten. Denn Adria übergibt das schmucke Stück "völlig lastenfrei".


Das alte Fuhrwerkerhaus im 16.Bezirk haben vor dem Falter schon die Damen von News besichtigt. Davor ATV. Adria selbst erfuhr im Dezember in Woman von dem neuen Trend, kurz bevor sich auch der ORF auf das Thema setzte und während jener Zeit, als in Österreich andauernd über die jeweils neuen Verlosungsobjekte berichtet wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte Adria schon seit drei Monaten vergebens versucht, sein 1,2 Millionen Euro teures Anwesen per Annonce zu verkaufen. Dann kam ein Anruf aus der Steiermark: Bernd Asbeck von der Plattform Auxionit ( www.auxionit.at) hatte Adrias Inserat gelesen und bot ihm an, er möge sein Haus doch auf seiner Webseite zur Verlosung freigeben.

Plattformen wie Auxionit sind in den vergangenen Tagen zahlreiche aufgetaucht. Sie alle rittern um eine künftige Vorherrschaft am Immobilienmarkt, sollte sich das Geschäft mit der Verlosung tatsächlich etablieren. Und solange berichtet wird, läuft der Laden, auch wenn bislang in Österreich nur das Haus am Wörthersee tatsächlich auch verlost wurde. Georg Scherrer, Betreiber der Seite raffle.at verweist auf 590.000 Zugriffe in zwölf Tagen. "Jetzt wird das noch belächelt", sagt er verheißungsvoll, "aber das könnte auch so verlaufen wie bei eBay damals." Auch Christian Mandl von lospoint.at spricht von einem regelrechten Boom: "Vor ein Uhr früh hab ich das Büro in den letzten Tagen nicht verlassen."

Veranstalter dieser Plattformen bewegen sich auf rechtlich dünnem Eis. Zuletzt wies die Notariatskammer warnend auf offene Detailfragen hin. Auch Arbeiterkammer und Konsumentenschützer mahnten zur Vorsicht. Das Finanzministerium, zuständig für die Hütung des staatlichen Glücksspielmonopols, gab jedoch grünes Licht, solange die Verlosungen nicht gewerblich organisiert werden und kein veranstaltender, organisierender oder mitwirkender Unternehmer für die Verlosungen verantwortlich zeichnet. Kurz: Einer Verlosung eines Objektes durch eine Privatperson stünde nichts im Weg. Die meisten Plattformbetreiber schneiden bei den Verlosungen finanziell kräftig mit. Bei Auxionit sollen etwa zwischen einem und drei Prozent jedes verkauften Loses an den Plattformbetreiber Asbeck gehen. Asbeck selbst sagt, dass die Objekte mittlerweile einen Gegenwert von rund 12,5 Millionen Euro hätten.


Würden also für alle diese Objekte auch genügend Lose verkauft und durchschnittlich zwei Prozent Gebühren verrechnet, würde Asbeck immerhin eine Viertelmillion Euro verdienen. "Das ist eine Kostendeckung und keine Provision", sagt Asbeck. Organisieren müsse der Verloser selber, man stelle nur die Seite und somit Öffentlichkeit zur Verfügung.

Bei lospoint.at und raffle.at soll nicht direkt am Losverkauf mitgeschnitten werden, sondern es wird eine Beratungsleistung in Rechnung gestellt. Im Falle von lospoint.at handelt es sich um eine Pauschale von 1200 Euro pro Beratung. Alle Anbieter betonen jedoch, nicht organisierend oder veranstaltend an den Verlosungen mitzuwirken. Asbeck sagt, er habe auch keine potenziellen Hausverloser für die Seite angeworben, also nicht gezielt nach Leuten gesucht, die ihr Haus verkaufen wollten. Neben Adria dürfte er aber zumindest auch versucht haben, den Verloser des Anwesens am Semmering für seine Webseite zu gewinnen. Dieser lehnte ab und stellte seinen "Luxusbungalow" selbst ins Netz.


Auch Radu Adria selbst hat nun eine eigene Seite ( www.hausverlosung-wien.at), um nicht länger mit dem Verkauf der Lose für sein Ottakringer Anwesen warten zu müssen. Doch auch seine Stimmung könnte noch getrübt werden. Bislang war unklar, wann die vom Finanzamt in Rechnung gestellte Wettgebühr von zwölf Prozent je verkauftes Los zu entrichten ist. Harald Waiglein, Pressesprecher im Finanzministerium, stellt jedoch klar: "Unabhängig davon, ob die Verlosung stattfindet oder nicht und wie viele Lose verkauft werden, für die verkauften Lose ist die Gebühr zu entrichten."


Das heißt, verkauft Adria nur 15.000 anstelle der zur Durchführung der Verlosung notwendigen 16.000 Lose, würden auch ihm Kosten von knapp 180.000 Euro entstehen die freilich nicht er selbst zu tragen hätte, sondern Kosten, die dem einzelnen Losverkäufer gegenverrechnet würden. Vorerst plant Adria jedoch, noch kommende Woche mit dem Losverkauf zu beginnen. Wohin er später ziehen wird, kann er noch nicht sagen. Möglicherweise auf den Semmering. Auch er hat sich ein 99-Euro-Los für den Luxusbungalow gekauft.

2009/01/13

Ausweitung der Kampfzone















"Falter" Nr. 03/09 vom 14.01.2009





Im Gazakrieg werden Journalisten ausgesperrt. Blogs, YouTube und Facebook ersetzen ihre Arbeit kaum


Text: Martin Gantner

Hören Sie die Flugzeuge?", fragt Karim El-Gawhary mit lauter Stimme ins Telefon. "Vielleicht knallt's gleich wieder." El-Gawhary steht am Rand einer belebten Straße der geteilten Stadt Rafah. Er befindet sich auf der ägyptischen Seite, möchte jedoch in den palästinensischen Stadtteil hinüber. El-Gawhary ist Korrespondent des ORF im Nahen Osten, und er ist frustriert. Der Grund: Der seit knapp drei Wochen andauernde Krieg im Gazastreifen findet ohne ihn und seine Kollegen statt. Die israelische Armee hat ausländischen Medienvertretern den Zugang zu dem 40 Kilometer kleinen Landstrich schon vor zwei Monaten, also lange vor den israelischen Angriffen auf den Gazastreifen, untersagt. Während die Zivilbevölkerung nicht aus dem Krisengebiet rauskann, kommen die Journalisten nicht hinein. El-Gawhary nennt den Gazastreifen deshalb ein großes Freiluftgefängnis und den Umgang mit Medienvertretern Zensur. "Ich habe schon einige Krisen erlebt, aber nur auf andere Quellen angewiesen zu sein, nicht vor Ort sein zu können, das ist sehr frustrierend.

Andere Quellen, damit meint er Telefonate mit palästinensischen Familien im Krisengebiet, mit Ärzten und mit seinen Kontakten vor Ort. El-Gawhary meint Medienberichte junger palästinensischer Journalisten und die neuen Medien: Blogs, Onlinemedien, Social-Networking-Plattformen wie Facebook, flickr, YouTube und Twitter. Doch eben jene neuen Medien geraten in der aktuellen Krise ins Zwielicht. Denn der Krieg zwischen Israelis und Palästinensern findet nicht mehr nur in Gaza und Umgebung statt, der Krieg wurde mittlerweile auch zu einem Krieg der Medien selbst.

"Die Blogosphäre und die neuen Medien sind eine weitere Kriegszone", sagte selbst eine Sprecherin der israelischen Armee (IDF). "Wir müssen dort präsent sein." Seit Ende Dezember gibt es auf YouTube einen eigenen Videokanal des IDF. 35 Videos sind online. Darauf zu sehen war beispielsweise ein gezielter Beschuss eines Transporters, den palästinensische Kämpfer angeblich mit Grad-Raketen beladen. Wie die israelische Menschenrechtsorganisation Betselem später berichtete, handelte es sich bei den Raketen um Sauerstoffflaschen, bei den Terroristen um einfache Zivilisten. Acht Menschen kamen dabei ums Leben. Ein anderes Video zeigt einen Angriff auf eine Moschee, die als Waffenversteck der Hamas gedient haben soll. Über 200.000 User haben den Kurzfilm schon geklickt. YouTube hatte anfangs noch vereinzelte Videos vom Netz genommen und untersucht. Nachdem keine Verletzungen von Nutzungsbedingungen vorgelegen seien, wurden die Videos wieder online abrufbar gemacht.

Aber auch die radikale Palästinenserorganisation Hamas führt einen Onlinekrieg gegen die Israelis. Islamistische Hacker haben bis dato rund 10.000 israelische Webseiten gehackt und mit antiisraelischen Parolen und Bildern versehen. Die meisten Angriffe sollen aus Marokko, dem Libanon, der Türkei und aus dem Iran kommen. Das israelische Militär konterte vergangene Woche mit einer Radiobotschaft im Gazastreifen. Darin wurde laut französischer Nachrichtenagentur AFP verkündet, dass sich die Hamas-Führung in Bunkern und Krankenhäusern verstecke.

Es hat den Anschein, als seien die Zeiten vorbei, da es politischen Aktivisten und Regimekritikern zwischen Syrien, China, Iran und Irak vorbehalten war, sich im Netz zu organisieren. Die Regierungen haben dazugelernt. Sie zensurieren die Inhalte nicht mehr nur, wie in China oder im Iran, sie werden - wie der aktuelle Krieg zeigt - selbst zu Bloggern, stellen Videos online und informieren die Bevölkerung über neue Medienkanäle wie Barack Obama die Amerikaner zu Wahlkampfzeiten. Nachrichtenselektion und Aufbereitung von Themen soll dabei nicht den etablierten Massenmedien überlassen werden.

Doch Macht und Ohnmacht der Regierungen im Umgang mit dem Internet liegen nah beieinander. Letztere offenbart sich dem, der einen Blick in den letzten Jahresbericht von Reporter ohne Grenzen wirft (ROG): Das Jahr 2008 wird dabei auch als jenes Jahr in Erinnerung bleiben, in dem erstmals ein Mann getötet wurde, der sich als "Bürgerjournalist" im Internet engagierte. Kommunale Polizeibeamte erschlugen den chinesischen Unternehmer Wie Wenhua, als er am 7. Jänner des vergangenen Jahres einen Zusammenstoß zwischen Demonstranten und der chinesischen Polizei filmte.

Weltweit sitzen zurzeit 72 Blogger hinter Gittern. Zuletzt sorgte der Fall des burmesischen Bloggers Zarganar für Aufsehen, weil er im November 2008 zu 59 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Kurz zuvor war auch der Blogger Nay Phone Latt zu 20 Jahren Haft verurteilt worden. Insgesamt wurden in 37 Ländern Fälle von Onlinezensur dokumentiert: Allen voran Syrien mit 162 zensierten Webseiten, China mit 93 sowie der Iran mit 38 Seiten. In China gibt es hierfür eigens ein an die Regierung angegliedertes Büro für Internetpropaganda sowie ein Büro für Information und öffentliche Meinung und ein sogenanntes Internetbüro. Laut ROG sind die beiden Letzteren Ableger der ehemaligen Propagandaabteilung der Kommunistischen Partei. Aus diesem Grund hatte die Non-Profit-Organisation das weltweit erste "Handbuch für Blogger und Internet-Dissidenten" herausgegeben, das erklären soll, wie man online anonym bleiben und der staatlichen Zensur und somit jahrzehntelanger Haft entgehen kann.

Für El-Gawhary waren Blogs im Irak- und Libanonkrieg ebenfalls eine bedeutende Informationsquelle. Auch in der aktuellen Krise in Gaza sind es nicht nur die israelische Regierung und die Hamas, welche das Web für ihre jeweils einseitige Sicht des Krieges nutzen. Es gibt auch hier kritische Beobachter, Blogger und Bürgerjournalisten, die von den Geschehnissen aus ihrem unmittelbaren Umfeld berichten. Auf Webseiten wie crisiswire und socialmention wird auf solch unparteiische Stellen verwiesen. Wann El-Gawhary wieder in den Gazastreifen reisen kann, weiß derzeit wohl nur die israelische Regierung. Der Journalist ist überzeugt, dass diese Informationspolitik nicht erfolgreich sein wird. "Man kann Journalisten aussperren, aber nicht Informationen."

2008/12/30

Überraschung zu Jahresende

www.orf.at punktet mit beeindruckender bildergalerie. gewohnt reduziert, aber gut gemacht.

Einzig das Bild aus Amstetten sollte man sich sparen

Rechts, aber nicht radikal







bild flickr.com von musikdieb










Text Martin Gantner | © ZEIT ONLINE 30.12.2008 - 13:29 Uhr

Proteste wie in Griechenland? Nicht in Österreich. Jung und Alt protestieren in diesem Land nicht auf der Straße, sondern in der Wahlkabine. Ein Land, das den Konflikt scheut.



Der Regen blieb aus an diesem Donnerstag im Oktober 2007. Die österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz steht auf dem Wiener Ballhausplatz zwischen Bundeskanzleramt und Präsidentschaftskanzlei. Es ist 19 Uhr, um sie herum knapp 100 Demonstranten. Streeruwitz spricht von einer „untergegangenen Kultur“ – kein Zweifel: Sie hat mit mehr Leuten, mehr Transparenten, mit einem deutlicheren Signal gegen Asyl- und Fremdenrechtspolitik der Großen Koalition gerechnet. Sie wird die von ihr mitorganisierte Demonstration bereits nach einer Viertelstunde wieder verlassen – mit den Worten: „Vielleicht muss man sich etwas Neues einfallen lassen.“

Es war der gescheiterte Versuch, eine Wiener Institution, die so genannte Donnerstags-Demo, wieder zu beleben. In den ersten beiden Jahren der schwarz-blauen Koalition, unter Beteiligung der Partei des tödlich verunglückten Jörg Haiders, gingen anfangs 10.000 Leute, später ein paar Wenige friedlich auf die Straße. Wöchentlich. 112 Donnerstage in Folge. Gegen Jörg Haider, Fremdenhass, die FPÖ, Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und die ÖVP.

Dieser zwei Jahre dauernde, wöchentliche Spaziergang von Jung und Alt, Schülern, Studenten und Berufstätigen auf der Wiener Ringstraße gibt Aufschluss über die Verfasstheit dieses Landes, über das Verhältnis zwischen Bürgern und dem Staat. Sie erklärt, warum Ausschreitungen wie in Griechenland in Österreich nicht zu erwarten sind. Denn die Geschichte der Donnerstags-Demo erzählt auch eine Geschichte der österreichischen Zivilgesellschaft. Und diese liebt den Konsens mehr als den Konflikt.

Denn jene Donnerstage in den Jahren 2000 und 2001 waren die Ausnahme. Die österreichische Normalität sieht anders aus. Der Protest, auch jener junger Leute, findet in Österreich nicht auf der Straße, sondern in der Wahlkabine statt. Bei den Nationalratswahlen im Oktober haben 33 Prozent der Unter-30-Jährigen die Freiheitliche Partei (FPÖ) von Heinz Christian Strache gewählt. Ein Kantersieg für die Rechts- und Protestparteien.

Zusammen erreichten FPÖ und Haiders Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) gar 43 Prozent der Stimmen unter den Jungwählern. Bei ungelernten Arbeitern erreichten sie mit ihrer Mischung aus sozialer, stark ausländerfeindlicher und nationalistischer Politik überhaupt die absolute Mehrheit.

„Nein, Proteste wie im Jahr 2000 blieben dieses Mal aus.“ Birgit Sauer sitzt wenige hundert Meter vom Wiener Ballhausplatz entfernt im Neuen Institutsgebäude der Universität Wien. Sauer ist Politikwissenschaftlerin und lebt seit 13 Jahren in der Bundeshauptstadt. Ursprünglich kommt sie aus Deutschland. Sie sagt, die Ausdauer der Demonstranten vor bald sieben Jahren hätte auch sie überrascht. Denn speziell für Österreich waren diese Proteste ungewöhnlich. „Die Jugendkultur, soziale Bewegungen überhaupt, sind in Österreich immer mit ein wenig Verspätung eingetroffen.“

Die beiden Großparteien hatten es über Jahrzehnte verstanden, jedweden Protest aufzufangen und in Verbänden und politischen Vorfeldorganisationen zu kanalisieren. „In Österreich steht Verhandlung anstelle der Konfrontation. Es ist eine Frage der politischen Kultur.“ Streiks wie in Deutschland, Frankreich oder in Italien gibt es nicht. Und außerdem geht es den Österreichern gut: Die Arbeitslosenquote ist lange niedrig, die wirtschaftlichen Eckdaten stimmen zwar aufgrund der aktuellen Finanzkrise nicht optimistisch, aber doch weniger pessimistisch als andernorts.

Doch was war dann im Jahr 2000 passiert? Wieso währte dieser Protest einer jungen Zivilgesellschaft ganze zwei Jahre lang? „Es war ein Aufbruch gegen diese totale politische Vereinnahmung, die es lange in Österreich gab und die es heute wieder gibt“, sagt Kurt Wendt. Er war bei den meisten Donnerstags-Demos dabei und gilt neben anderen als deren Mitbegründer. Die Politik suchte damals erstmals den Konflikt mit Arbeitnehmervertretern, schloss sie von Gesetzgebungsprozessen aus. Subventionen im Kulturbereich wurden gekürzt. Kurz: Die Politiker brachen mit Traditionen. Die jungen Wähler taten es ihnen gleich.

Es entstanden in dieser Zeit viele neue Medien, informelle Netzwerke, Plattformen und Newsletter. Kanzler Schüssel sprach von den für die Proteste Verantwortlichen als der „Internetgeneration“. Mit Mund (Medien unabhängiger Nachrichtendienst) entstand gar eine Online-Tageszeitung. Auch www.gegenschwarzblau.net wurde damals von einer jungen Wohngemeinschaft ins Netz gestellt. Jede Woche donnerstags wollte sich diese „Internetgeneration“ auf der politischen Bühne Gehör verschaffen - doch nicht, wie bis zu diesem Zeitpunkt üblich, hinter barocken Türen verschiedener Ministerien, sondern auf der Straße.

Heute, sieben Jahre später, sagt Wendt: „Jetzt ist wieder Grabesruh in Österreich eingekehrt.“ Österreich hat wieder eine Große Koalition. Die Rechtsparteien sitzen auf der Oppositionsbank, Gewerkschafter sollen wieder verstärkt mitreden dürfen, die Studiengebühren werden abgeschafft und die Einigkeit der beiden Regierungsparteien wird von diesen selbst gebetsmühlenartig betont. Momente, die zu einer großen Demonstration oder zu Protest Anlass bieten würden, sind, nach Meinung Wendts, bislang ausgeblieben.

Das Resümee der Schriftstellerin Streeruwitz fällt weniger versöhnlich aus. Sie sagt, die Proteste seien damals von Politik und Polizei nur verwaltet worden. Kommunikation habe nicht stattgefunden. „Wien war politischer denn je.“ Doch die Dynamik sei verpufft, weil sie ins Leere lief. Und nach dem dritten Donnerstag hätten auch die Polizisten den Dreh heraußen gehabt: Sie wussten, wie man eine riesige Gruppe von Demonstranten durch die Stadt lotst, ohne dabei den Verkehr allzu sehr zu blockieren. „Heute würde ich sagen: Weil es die Donnerstags-Demos gegeben hat und weil sie zu nichts geführt haben, haben sie letztlich eine Entpolitisierung gebracht, eine ganz starke Melancholie.“

Das Signal, das von der Politik ausgesendet worden sei: Protest und Demonstrationen sind zwecklos. Die Botschaft scheint angekommen. Meinungsforscher betonen nach Nationalratswahlen in Österreich gerne: Die Wähler würden rechte Politik wählen, ohne selbst wirklich rechts zu sein. Noch immer sei vielen Österreichern die Große Koalition die liebste Regierungsform, doch die Wähler würden sich ein starkes Korrektiv wünschen. Und die innerparlamentarische Opposition, die beiden ausländerfeindlichen Parteien FPÖ und BZÖ sehen sie hierzu offenbar besser in der Lage als sich selbst.


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Jugend in Aufruhr

Jugendbewegungen finden wieder vermehrt auf der Straße statt, organisieren tun sie sich heute aber im Internet. Auf der Straße kam es zuletzt auch zur nackten Gewalt, wie in Athen oder zuvor den Pariser Banlieues. Aber wie politisch ist die Jugend heute? Gibt es politische Organisationsformen, Jugendidole? Was treibt sie? Eine Serie über Jugendbewegungen in Westeuropa und den USA.
Mehr hierzu auf ZEIT ONLINE

2008/12/25

"Sie wollten uns umlegen"










"Falter" Nr. 52/08

Ex-Spiegel-Chef Stefan Aust über die Gnade gegenüber RAF-Mördern und die Krise in der Medienlandschaft

Interview: Martin Gantner


Die blutige Geschichte des Kampfes der Roten Armee Fraktion gegen den Staat ist in sechzig Meter Aktenordnern im Polizeiarchiv gesammelt. Der langjährige Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust schrieb 1985 daraus "Der Baader-Meinhof-Komplex". Vor kurzem kam eine Verfilmung des Buches in die Kinos. Der Falter sprach mit Aust über das Phänomen RAF und die Krise in der Medienbranche.


Falter: Herr Aust, der wegen mehrfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilte RAF-Terrorist Christian Klar wurde eben freigelassen, obwohl er bis heute keine Reue zeigt. Was sagen Sie dazu?

Stefan Aust
: Wir haben in Deutschland glücklicherweise keine Todesstrafe. Eine lebenslange Haftstrafe ist in der Regel nach 26 Jahren beendet. Das ist richtig, weil man den Leuten auch die Chance geben soll, sich mit ihren Taten auseinanderzusetzen. Man darf für Terroristen keine Sondergesetze machen. Also muss das auch für einen politisch motivierten Mörder wie Klar gelten.

Ihm wird nun eine Gnade zuteil, die er selbst nicht walten ließ. Liegt darin ein demokratisches Moment, das seinen Ursprung in den Tagen des deutschen Terrorismus hat?

Aust: Der Staat hat sich in dieser Zeit im Großen und Ganzen rechtsstaatlich verhalten.

Der Staat hat also alles richtig gemacht?

Aust: Natürlich wurden für den Stammheimer Prozess eigens Gesetze gemacht, und die Polizei hat Befugnisse bekommen, die sie nicht hätte haben sollen. Aber aus der zeitlichen Perspektive betrachtet, passierte dies in einem rechtsstaatlichen Rahmen. Der Deutsche Herbst hat gezeigt, dass der Staat in der Lage ist, sich mit einer sehr ernsten Bedrohung auseinanderzusetzen.

Sie kannten Ulrike Meinhof von der Zeitschrift "konkret".

Aust: Sie war eine eindrucksvolle Persönlichkeit und konnte sehr gut argumentieren. Wenn sie in Redaktionskonferenzen etwas gesagt hat, wagte keiner zu widersprechen. Sie war von einer sehr festen politischen Grundüberzeugung, aber auch ideologisch starrsinnig und mit einem gewissen intellektuellen Hochmut ausgestattet. Sie hat Sekretärinnen behandelt, wie man das heute nicht mehr machen würde. Und ich glaube, dass sie depressiv war.

Ich hingegen war eher der bürgerliche Liberale in der Firma. Ich habe den Journalismus als Selbstzweck verstanden und nicht als Mittel zur Erreichung politischer Ziele.

Die Sprache der RAF war sehr monoton, mechanisch und emotionslos.

Aust: Es war eine Mischung aus politischem Soziologen-Kauderwelsch und Proletariatssprache. Der Versuch, Intellekt und Arbeiterklasse zu vereinen. Die Sprache ist wahnsinnig abstrakt und dadurch scheinbar bedeutungsvoll, in Wirklichkeit aber oft nichtssagend. Natürlich war die Sprache auch sehr kalt und emotionslos, weil man sich ja sonst der Ungeheuerlichkeit des eigenen Tuns bewusst sein hätte müssen. Die Terroristen begaben sich in die Position des Vollstreckers höherer Gewalt, in die Position der Geschichtsvollstrecker.

Ihnen wird gerne unterstellt, selbst einen Baader-Meinhof-Komplex zu haben, schließlich ist die RAF Ihr Lebensthema.

Aust: Ich habe viele Lebensthemen. Vielleicht hatte eher Gudrun Ensslin den Baader-Meinhof-Komplex. Ihr kann es nicht recht gewesen sein, dass die "Firmenbezeichnung" ihren Namen nicht beinhaltete. Der RAF-Terror hatte ja auch etwas von einer "heiligen Selbstverwirklichung", wie es Ensslins Vater einmal formulierte. Dann dürfte sie auch gewollt haben, dass ihr Name draufsteht.

Sie bestreiten, dass Sie der RAF erlegen sind. Was ist es dann, was sie so fasziniert hat über all die Jahre?

Aust: Es ist einfach eine wahnsinnig spannende Geschichte, andernfalls säßen wir beide jetzt nicht hier.

Sie haben auch die Töchter von Meinhof in Sizilien befreit, die als kleine Kinder in ein Terroristencamp nach Jordanien abgeschoben werden sollten. Wie kam es zu der Befreiungsaktion?

Aust: Ein Freund von mir, Peter Homann, wohnte damals mit Meinhof zusammen und geriet deswegen fälschlicherweise in Verdacht, an der Baader-Befreiung beteiligt gewesen zu sein. Und da er nicht zu Unrecht ins Gefängnis gehen wollte, hielt er es für schlauer, sich mit anderen in den Nahen Osten abzusetzen. Dort hat er erfahren, dass die siebenjährigen Zwillinge in ein Kindercamp der Fatah geschickt werden sollten. Später erfuhren wir, wo die Mädchen versteckt waren, ich flog nach Sizilien und habe die Kinder abgeholt. Das Codewort war "Professor Schnase".

Wieso?

Aust: Die Kinder hatten einen Gummifrosch als Spielzeug, den sie Professor Schnase nannten.

Die Aktion hätte Sie beinahe das Leben gekostet.

Aust: Eines Nachts kamen Andreas Baader und Horst Mahler und wollten uns umlegen. Wir wurden aber gewarnt und konnten die Wohnung über einen Seitenausgang verlassen.

Wird der Terrorismus der RAF in seiner Bedeutung für die deutsche Nachkriegsgeschichte überschätzt?

Aust: Der Terrorismus und der Deutsche Herbst stellten nach 1945 die bislang größte Bedrohung für den Staat dar. Das hat sich tief in das kollektive Bewusstsein der Deutschen eingefressen, ähnlich wie der 11. September in den USA.

Die Autorin Jilian Becker sprach auch von "Hitlers Kindern". Wie faschistisch war die RAF?

Aust: Die Menschenverachtung hatte Ähnlichkeit mit dem, was im Dritten Reich passiert ist. Andererseits sind die Terroristen auch ein Stück weit geprägt von dem Protest, der sich gegen die Nichtaufarbeitung der Nazivergangenheit ihrer Eltern gerichtet hat. Ich würde das Verhalten der Gruppe aber nicht als faschistisch bezeichnen, sondern von Menschenverachtung sprechen.

Im Film "Der Baader-Meinhof-Komplex" steht ganz am Ende: "Hört auf, sie so zu sehen, wie sie nicht waren!" Wann haben Sie begonnen, die RAF zu sehen, wie sie war?

Aust: Mir war immer klar, wie die Sache ausgehen würde. Es hatte von Anfang an was absolut Mörderisches und Selbstmörderisches. Auch diese romantische Verklärung hab ich nie geteilt, zumal die eben auch mit gezogener Waffe vor meiner Wohnung gestanden haben.

Und das Bild in der Gesellschaft?

Aust: Spätestens mit den Bombenanschlägen und der Flugzeugentführung brach die Sympathie in sich zusammen. Da wurden in der Bevölkerung auch Rufe Richtung Todesstrafe laut.

In Sachen RAF bleibt die Frage, ob die Inhaftierten in der Nacht ihres Selbstmords abgehört wurden. Ob also die Behörden den Selbstmord hätten verhindern können.

Aust: Es waren ja Wanzen in den Zellen, auch wenn die Behörden immer behauptet haben, dass nur die Besucherzellen abgehört wurden. Das habe ich nie geglaubt, weil nicht die Gespräche zwischen Terroristen und Anwälten so interessant waren, sondern jene zwischen den Gefangenen. Es sprechen sehr viele Indizien dafür, aber nachgewiesen wurde es nicht.

Was sagt uns die Geschichte des Deutschen Herbst über den Terrorismus von heute?

Aust: Man muss daraus lernen, dass man nicht die Nerven verlieren, den Rechtsstaat nicht zerstören darf, um ihn zu erhalten. Die Einsicht, dass man nicht jedes neue Übel mit einem neuen Gesetz lösen kann. Der Blick in die USA, auf Guantánamo Bay, zeigt auch, was es heißen kann, wenn ein Präsident und seine Berater die Nerven verlieren.

Die Nerven dürften auch in der "Spiegel"-Redaktion öfter blankgelegen sein, als Sie noch Chefredakteur waren. Es heißt, die Redakteure fürchteten sich vor Ihrem rigiden Führungsstil.

Aust: Ich hab noch keinen getroffen, der sich vor mir gefürchtet hat. Wir erwarten schließlich von den Redakteuren, dass sie sich mit großen Firmen, mit Geheimdiensten, Regierungen und auch mit der Kanzlerin anlegen - da kann man doch keine Leute gebrauchen, die sich bereits vor dem Chefredakteur fürchten. Die wären beim Spiegel ohnedies falsch gewesen. Ich sage Ihnen: Wir haben mehr Geschichten gedruckt, die eigentlich nicht druckbar waren, als druckbare Geschichten nicht gedruckt.

Der "Spiegel" ist das einzige Unternehmen in Deutschland, in dem die Mitarbeiter aufgrund einer Firmenbeteiligung ihren Chef feuern können. Ist diese Konstellation sinnvoll?

Aust: Im Prinzip ja, wenn intelligente Leute gewählt werden. Die Konstruktion ist im Prinzip die richtige. Mit dieser Verantwortung muss man aber auch umgehen können.

Sie sagten einmal, Chefredakteur beim "Spiegel" zu sein, wäre der schönste Job. Fehlt er Ihnen?

Aust: Nein. Bücher schreiben und Filme machen ist eigentlich interessanter.

Es gab immer wieder Kritik, dass die rot-grüne Bundesregierung schon vor den Bundestagswahlen 2005 vom "Spiegel" niedergeschrieben wurde. War das ein Fehler?

Aust: Nein. Es waren mit die interessantesten Zeiten, in denen das Blatt seiner Rolle als kritischem Kontrollorgan gerecht wurde. Als Schröder Kanzler wurde, meinten manche, dass der Spiegel jetzt zum rot-grünen Hofberichterstatter würde. In dem Moment, wo wir deutlich machten, dass dem nicht so war, hieß es, wir würden die Regierung abzusägen versuchen. Wir sind mit der Regierung Schröder genauso kritisch umgegangen wie vorher mit der Regierung Kohl und später mit der Regierung Merkel.

Ist man für Politiker nur interessant, solange man Chefredakteur ist?

Aust: Natürlich. Ein Busfahrer ist für Sie auch nur in dem Moment von Interesse, wenn er den Bus fährt. Ich hatte eine bestimmte Funktion, und als diese stand ich auf verschiedenen Einladungslisten - als Chefredakteur eines bedeutenden Nachrichtenmagazins. Das war mir immer klar.

Von Beginn der Bundesrepublik an galt das Motto: Egal, was kommt, der "Spiegel" deckt es auf. Wird das Blatt diesem Anspruch heute noch gerecht ?

Aust: Ich glaube, der Spiegel ist heute nicht weniger bedeutsam als in den 50er-Jahren. Das kollektive Denken in diesem Land findet nach wie vor in dieser Zeitschrift statt. Das wird auch noch lange so sein.

Sind Sie sich da so sicher? Der Journalismus in Deutschland und in den USA ist schon jetzt stark von der Finanzkrise betroffen.

Aust: Krisen beschleunigen immer Trends, die ohnehin vorhanden sind. Schlecht geführte Unternehmen sind eben besonders anfällig für Krisen.

Auch beim "Spiegel" soll es Mitarbeiter geben, die das ganze Jahr über keine Zeile schreiben.

Aust: Das soll es geben.

Ist man da dann gut gerüstet für die Krise?

Aust: Sicher. Ich glaube, der Spiegel wird eine Krise besser überstehen können als andere Produkte am Markt.

Sehen Sie die Medienvielfalt durch die Einsparungen nicht in Gefahr?

Aust: Überhaupt nicht. Es gibt heute viel mehr Zeitschriften als noch vor 20 Jahren. Es ist im Gegenteil so, dass die Verlage in den vergangenen Jahren mit den Anzeigen so viel Geld verdient haben, dass sie immer neue Titel auf den Markt geworfen haben, nur um das Anzeigenvolumen auszuschöpfen. Dass es nun eine gewisse Marktbereinigung gibt und dass Titel eingestellt werden, ist normal.

In Österreich klagt man darüber, keine "Süddeutsche Zeitung" oder keinen "Spiegel" zu haben. Woran liegt das?

Aust: Es gab in Österreich mit dem profil immer ein Pendant zum Spiegel. Dann kamen hier wie dort neue Magazine auf den Markt. In Deutschland Focus und in Österreich News. Wir haben uns dann so positioniert, dass Focus uns nicht überholen konnte. In Österreich hat News profil übernommen. Das hätte analog in Deutschland auch passieren können. Ist es aber nicht.

Ihr Auflösungsvertrag als Chefredakteur läuft noch bis 31.12. 2008. Was bringt 2009?

Aust: Ich bin Journalist, und das werde ich auch weiterhin bleiben. Aber sonst keine weiteren Details.

Erinnern Sie sich eigentlich noch an Ihre erste Geschichte?

Aust: Nein. Ich habe anfangs wenig geschrieben, weil ich etwa bei der Schülerzeitung Leute hatte, die das besser konnten. Ich wollte immer Blatt machen, Ideen entwickeln, Titel und Zeilen texten. Das Schreiben musste ich mir mühsam aneignen. Das habe ich erst gelernt, als ich Filmtexte und Bücher verfasste. Jetzt geht es einigermaßen.


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Zur Person

Stefan Aust ist deutscher Journalist und RAF-Experte. Er war mit der späteren RAF-Terroristin Ulrike Meinhof Redakteur bei der Zeitschrift konkret. Von 1994 bis 2008 war der heute 62-Jährige Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Mit Ende des Jahres läuft sein Spiegel-Vertrag aus. Aust wurde aber bereits im Februar 2008 vom Chefredakteursposten freigestellt. Mitarbeiter warfen ihm damals schlechten Führungsstil und mangelnde Innovationen vor


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